Autismus

Autisten brauchen etwas Hilfe, um den Weg durch den Alltag zu finden. Dafür können sie andere Dinge.

Forscher schätzen, dass 0,5 bis 1 Prozent aller Menschen an Autismus leiden. 50 bis 70 Prozent davon haben keine Arbeit oder sie sind nur kurzzeitig tätig. Was der Umwelt oft an Autisten auffällt, ist ihre unverstellte, manchmal etwas einschüchternde Ehrlichkeit. Sie wirken so, weil sie aufgrund ihrer Erkrankung die Gestik oder Mimik ihrer Mitmenschen nicht entschlüsseln können. Der an Autismus leidende IT-Consultant Martin Neumann drückt es so aus: „Meine Frau muss mir seit 20 Jahren erklären, warum die Menschen so merkwürdig sind.“ Dafür haben Autisten aber andere Stärken.

Inzwischen klopfen DAX-Konzerne an

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Das Startup Auticon beschäftigt inzwischen mehr 100 Autisten mit einer Spezialbegabung für Informatik. Andere Firmen können sich die Auticon-Mitarbeiter ausleihen und für eine bestimmte Zeit an ihren Projekten arbeiten lassen. Das Startup ist inzwischen mehrfach ausgezeichnet worden und wächst weiter. Bereits ein Drittel der Dax-Konzerne setzt auf die analytische Spezialbegabung von Auticon-Consultants.

Autisten sind in ihrer sozialen Interaktion beeinträchtigt. Dafür verfügen viele von ihnen über eine Spezialbegabung und sind stark in logischem Denken. Ihre Stärken sind beispielsweise eine hohe Merkfähigkeit und Motivation, sie beachten Regeln, sind loyal und besitzen eine gute Konzentrationsfähigkeit. Außerdem machen einige von ihnen kaum Fehler. Dafür fällt es ihnen schwer, mit Veränderungen umzugehen, das Arbeitstempo zu variieren oder das große Ganze statt lauter Details zu sehen.

Ein Sohn des Gründers leidet an Asperger

Dirk Müller-Remus hat Auticon gegründet, weil eines seiner Kinder an Asperger, einer milden Variante von Autismus, litt. Müller-Remus: „Für den Alltag war mein Sohn untauglich.“ Aus einer Selbsthilfegruppe entstand im Jahr 2011 die Idee für Auticon. „In der Gruppe hatten viele Abitur und anschließend studiert. Aber fast alle waren arbeitslos. Das hat mich geärgert“, erzählt Müller Remus. Er findet: „Arbeit sorgt für Lebenszufriedenheit.“ Seitdem versucht er Unternehmen klar zu machen, warum ihnen ausgerechnet Autisten bei der Lösung ihrer Probleme helfen können.

Gerade im IT-Bereich haben Autisten oft besondere Fähigkeiten. Laut Schätzungen sind das etwa 12 bis 15 Prozent aller Erkrankten. Auch bei großen Datenmengen sind sie in der Lage, schnell Fehler zu finden, weil sie Stärken bei der Mustererkennung haben. Auticon hilft ihnen und den interessierten Firmen bei der Bewerbung und Vorstellungsgesprächen, bietet Social-Skill-Training, Job-Coaching und  Mentoring an. So wird es beiden Seiten leichter gemacht, Verständnis füreinander zu entwickeln und die Stärken optimal zu nutzen.

„Man muss mehr über die Talente sprechen“

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Im nächsten Schritt will Müller-Remus mit Auticon auch andere Spezialbegabungen in der Arbeitswelt unterbringen. Das freut natürlich auch die Politik. Iris Gleicke, Parlamentarische Staatsekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie: „Autisten werden leider immer noch nicht verstanden. Aber es wird jetzt deutlicher darüber geredet. Dafür hat auch Auticon gesorgt. Auticon ist im besten Sinne ein Sozialunternehmen. Inklusion ist also tatsächlich machbar, wenn jemand die Ärmel hochkrempelt. Man muss mehr über die Talente sprechen, nicht nur über die Probleme der Menschen. Vielfalt gewinnt!“

IT-Consultant Neumann, der seit den Anfangstagen für Auticon tätig ist: „80 bis 90 Prozent der Arbeitszeit wird in Unternehmen mit Nebensächlichkeiten verplempert. Der Rest ist für die tatsächliche Arbeit. Ich sehe nur das Projektziel und stehe damit ziemlich alleine da.“ Bei so viel Ehrlichkeit stellt sich die Frage, wer am Ende von wem lernen kann? Vielleicht tut es einer etwas schwergängigen Firma ganz gut, wenn ein Autist einfach mal die Wahrheit ausspricht – und nebenbei womöglich noch die IT auf Vordermann bringt.

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