Erst die Arbeit – dann Berlin.

Draußen tobt der Wedding. Rau, laut, heiß und wuselig. Man erledigt Discounter-Einkäufe vor dem Wochenende, Kinderwagen werden durch Menschenmassen manövriert, schnelle Nahrung und Zigaretten im Gehen konsumiert. Dann eine Drehtür, die zwei Welten trennt: Draußen brennt sich die Sonne in die Gemüter, drinnen ist es klimatisiert. Der Berliner Lärm löst sich auf wie eine Kopfschmerztablette in einem Glas Wasser. Weiche Teppichböden dämpfen die Geräusche, Sicherheitsbeamte reichen Hausausweise und die Hausordnung für den riesigen Komplex, in dem der Pharmakonzern Bayer an der Müllerstraße residiert. Aktentaschenmenschen in Businesshemden klettern eilig die Treppen Richtung Freizeit herab. Wir werden durch lange Flure in Richtung Startup-Flügel geleitet.

„Bayer hat das kreative Potential außerhalb von Bayer erkannt“, heißt es in der Pressemitteilung des Weltkonzerns. Ist das eins dieser japanischen Haikus? In diesem riesigen Gebäude gibt es offenbar Nachholbedarf und Bayer holt sich mit dem Grants4Apps-Accelerator kreatives Potential und Innovation ins Haus. So wie das heute viele große Firmen machen. Eigene Kräfte und Erfahrungen sollen mit den frischen Ideen und dem digitalen Ansatz von Startups kombiniert werden – um am Ende im unerschöpflichen Gesundheitsmarkt auf dem Laufenden zu bleiben. Nicht, dass man noch disrupted wird.

Am Ende der verwinkelten Treppenhäuser liegt der Spielplatz für die fünf Startups des Jahrgangs 2015. Kleine Büros und eine Küche mit Zugang auf die Dachterrasse. Zum Rauchen. Aber das machen junge, kreative Leute schon längst nicht mehr. Doch zunächst gibt es hier einen Open-Air-Pressetalk.

Senatorin Yzer begrüßt die Presse und lobt ihre Stadt Berlin.

Nach einer kurzen Begrüßung spricht Cornelia Yzer, Berlins Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung. Sie schwärmt von der Welt hinter der Drehtür. „Berlin ist der richtige Platz“, sagt sie. „Die Stadt zieht kreative Talente aus aller Welt an.“ Okay, wir haben verstanden. Ja, es ist ganz schön aufregend da draußen. Irgendwie passt Frau Yzer nicht so richtig in das Bild von Berlin, das sie zeichnet. Aber sie verkündet trotzdem stolz: „Berlin is the place to be.“ Das sehen auch die Startups so, die sich anschließend vorstellen. Sie kommen sogar aus China und San Francisco. So weit reicht der Ruf der deutschen Hauptstadt. Und der Ruf des Pharmakonzerns Bayer. Mehr als 200 Bewerbungen soll es gegeben haben.

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Brav und vorbildlich werden die Vorteile einer Zusammenarbeit kleiner Startups mit Bayer heruntergebetet. Es gibt bis zu 50.000 Euro Unterstützung und außerdem einen Mentor aus dem Konzern, der mit Rat und Tat zur Seite steht. Neben mir sortiert ein Dreijähriger, den seine junge Mutter aus China mitgebracht hat, ungerührt kleine Getränkeflaschen. Die Spannung ist fast unerträglich. Eine Steinterrasse, Flaschen aus Glas, ein Dreijähriger – ein kleines Wunder, dass es dabei keine Scherben gibt. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten. So sieht es aus, wenn man kreatives Potential in einen Weltkonzern holt.

Jetzt geht es in die Räumlichkeiten der Startups. In der Küche hängt eine Tafel mit einem Stundenplan. Alles ist bestens organisiert. Dann dürfen wir mit den jungen Kreativen reden. Und sie beantworten brav jede Frage. Ja, es sei schon toll, die Unterstützung so eines mächtigen Konzerns zu haben. „Mentoring“, „Coaching“, „scale it globally“, „start today!“ – die Räume vibrieren von all den Buzzwords. Frau Yzer macht sich persönlich ein Bild. So sehen sie aus und so sprechen sie, die Startupper mit ihren Ideen. Knorke.

So sieht es aus im Startup-Büro bei Bayer. Senatorin Yzer überzeugt sich persönlich von der anständigen Unterbringung.

Am frühen Abend gibt es dann noch ein Pitch-Event. Draußen auf der tobenden Müllerstraße steht ein Tapetentisch, an dem man sich registrieren muss. Die jungen Leute, die das tun, wirken etwas verloren an diesem Ort. Eine ältere Frau zieht einen kleinen Einkaufswagen auf Rädern hinter sich her und setzt sich für ein kleines Päuschen auf eine schattige Bank. „Kann man da was kaufen? Oder ist das eine Partei?“, fragt sie und winkt in Richtung Registration. Schwer zu erklären. Es geht um Gesundheit. „Ja, die kann man sich nicht kaufen“, sagt sie und zündet sich eine Zigarette an.

Die fünf Startups im Grants4Apps-Accelerator 2015:

1. MediKeep

Die App der Gründer aus Estland sorgt dafür, dass im heimischen Medizinschränkchen mehr Ordnung herrscht. Man scannt den Barcode der Medikamente und wird automatisch an die Einnahme von Pillen erinnert. Oder an Verfallsdaten. Die App erkennt auch, wenn sich zwei Medikamente nicht vertragen. Und Beipackzettel gibt es dann digital. So können sie nicht mehr verloren gehen.

2. Sendinaden

Das multinationale Startup beschäftigt sich mit zwei großen Trends: 3-D-Druck und Wearable Devices, also schlauen Geräten, die man tragen kann. Das erste Produkt ist eine Atemmaske, ohne die man in asiatischen Städten wohl nicht mehr auskommt.

3. Serona

Die Gründer aus den USA wollen die Hormonbehandlung für Frauen verbessern. Mit Hilfe von Datenanalyse soll in Zukunft eine genauere und personalisierte Medikamentierung möglich sein.

4. Viomedo

Das deutsche Startup will mehr Patienten den Zugang zu innovativen Behandlungsmethoden ermöglichen. Dafür werden klinische Tests und Studien mit den richtigen Patienten zusammengebracht.

5. Vitameter

Die Macher von Vitameter haben ein Gerät entwickelt, das den Vitamingehalt im Blut messen kann – ein Tropfen davon soll reichen. Viele Menschen leiden heute an Vitaminmangel oder sie nehmen zu viele Vitaminpräparate ein. Das kann zu Erkrankungen führen.

Fotos: Frank Schmiechen