Andreas von Bechtolsheim

Andreas von Bechtolsheim war 1982 einer von vier Gründern von Sun Microsystems und 1998 einer der ersten Investoren bei Google. Im Jahr 2008 gründete er Arista Networks. Hierzulande ist er unter anderem beim Berliner Startup NumberFour von OpenOffice-Gründer Marco Börries engagiert.

Herr von Bechtolsheim, man hört, die Geschäfte liefen gut.

Ja, das Geschäft läuft gut, danke. Wir haben im dritten Quartal einen Umsatz von 155 Millionen Dollar erzielt. Das entspricht einem Plus von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Unser Markt sind Netzwerke für große Datenzentren, insbesondere Clouds. Die haben ein großes Wachstumspotenzial, und wir haben das richtige Produkt für diesen Markt.

In geschäftlicher Hinsicht ist Andy von Bechtolsheim also ein glücklicher Mann.

Ich bin ein sehr glücklicher Mann. Wir hatten einen erfolgreichen Börsengang im Juni dieses Jahres und sind jetzt eine Firma mit über 1.000 Mitarbeitern, die das Geschäft vorantreiben.

Arista ist bereits das fünfte Unternehmen, das Sie gegründet haben. Sie verfügen über eine Menge Praxis und Routine. Aber Sie erleben auch einige Déjà-vus, nicht wahr? Auf- und Neubau, rapides Wachstum, überraschend schneller Erfolg…

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Obwohl das nach außen ähnlich erscheint, kann man das nicht so einfach verallgemeinern. Um Firmen aufzubauen, die Milliarden Dollar Umsatz erreichen können, braucht man ganz klare Ziele, insbesondere die richtigen Produkte zur richtigen Zeit für den richtigen Markt. Und das war für jedes meiner verschiedenen Unternehmen ganz anders. Die Firma Sun Microsystems, die ich im Jahr 1982 gründete, war der erste Anbieter von einem 32-Bit vernetzten Arbeitsplatzcomputer, der erlaubte, ernsthafte Programme auszuführen. Heute kann das natürlich jeder Laptop, aber damals war das eine Revolution und ein Riesenerfolg. Im Jahr 1995 gründete ich meine zweite Firma, Granite Systems, um schnelle Gigabit-Ethernet-Netzwerkschalter zu entwickeln. Granite wurde im Jahr 1996 von Cisco aufgekauft und die Basis der sehr erfolgreichen „Catalyst 4000/4500“-Serie.

Sie arbeiteten anschließend eine Zeitlang für Cisco.

Ja, ich war bei Cisco Systems von 1996 bis 2003, wo ich die Gigabit System Business Unit geleitet habe. Das war schon eine interessante Zeit. Danach gründete ich meine dritte Firma, Kealia, die Server- und Speicher-Systeme entwickelte. Diese Firma wurde im April 2004 dann von Sun gekauft, woraufhin ich für die nächsten Jahre wieder bei Sun war. Noch im selben Jahr gründete ich mit meinem Freund David Cheriton Arista Networks, wo ich seit 2008 rund um die Uhr arbeite. Die fünfte Firma, die ich 2010 mitbegründet hatte, war schließlich DSSD, die ultraschnelle Flash Storage Arrays entwickelt und in diesem Jahr von EMC aufgekauft wurde.

Sie haben die Führung von Arista der ehemaligen Cisco-Managerin Jayshree Ullal anvertraut. Sehen Sie sich mehr in der Rolle des von Forscherdrang getriebenen Informatikers denn als Manager?

Ich bin von Natur aus ein Ingenieur, ein Entwickler und ein Entrepreneur. Ich liebe es, neue Produkte zu entwickeln, die die Welt verbessern, und ich liebe es, neue Firmen aufzubauen. Aber hinter jeder guten Firma steht ein gutes Team. Bei Arista hatten wir das große Glück, Jayshree Ullal als CEO und president zu gewinnen und dazu viele unserer besten ehemaligen Mitarbeiter von Granite und Cisco. Es macht einfach Spaß, mit einer so guten Gruppe von Leuten zusammenzuarbeiten. In meiner eigenen Arbeit kümmere ich mich vor allem um die Entwicklung unserer neuen Produkte und die Fragen: Wie können wir die Probleme unserer Kunden am besten lösen? Die technische Entwicklung geht dauernd weiter und nimmt mich voll und ganz in Anspruch.

Sind Sie heute ein besserer Unternehmer als 1982, als Sie Sun ins Handelsregister eintrugen?

Natürlich lernt man viel im Leben. Worauf es aber letzten Endes ankommt, ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auf unserem Gebiet braucht man dafür ein sehr gutes technisches Verständnis, um zu wissen, wie man ein besseres Produkt baut und wo man investiert. Dieses technische Verständnis hatte ich schon immer, auch wenn sich die Themen ändern. Bei Sun war es der Arbeitsplatzcomputer, bei Granite die neue Chip-Entwicklung. Bei Arista dagegen war uns von Anfang klar, dass wir uns auf die Programme-Entwicklung konzentrieren werden, weil das Hauptproblem im Netzwerk die Software ist und nicht mehr die Hardware.

Über die Hälfte unserer Mitarbeiter ist mit der Entwicklung von Aristas „Extensible Operating System“ beschäftigt, das modernste und flexibelste Netzwerk-Betriebssystem am Markt, welches unseren Kunden erlaubt, ihre Netzwerke beliebig zu programmieren. Die Entwicklung geht dauernd weiter, und es ist schwierig für unsere Konkurrenz, mit uns Schritt zu halten.

Wie hoch ist Ihr Firmenanteil?

Mein Anteil, den ich in einen Trust übertragen habe, beträgt knapp 20 Prozent.

Sie haben Arista mit Ihrem langjährigen Geschäftspartner David Cheriton gegründet, einem Computerwissenschaftler. Wagniskapital brauchten Sie nicht: Geld haben Sie als Milliardäre genug.

Es war ein großer Vorteil, dass wir Arista selbst finanzieren konnten. Das hat uns die Zeit gegeben, die richtige Software-Architektur zu entwickeln, die zum entscheidenden Vorteil unserer Firma wurde. Man kann die Entwicklung von komplexer Programme nicht beschleunigen. Wir hatten und haben ein sehr gutes Software-Team, geleitet von unserem Mitgründer und Chief Technical Officer Ken Duda, aber dennoch hat es knapp vier Jahre gedauert, bis wir das erste Produkt ausliefern konnten.

Arista hat vier Jahre lang ausschließlich Entwicklungsarbeit betrieben, ohne die geringste Einnahme zu erzielen?

Das ist richtig. Die ersten vier Jahre waren reine Produktentwicklung. Der Verkauf ging erst im Jahr 2008 los.

Im April dieses Jahres hat David Cheriton Arista verklagt, der selbst etwa 20 Prozent der Arista-Aktien hält. Wenn seine Klage Erfolg hat, könnte dies den Wert seiner Beteiligung beträchtlich schmälern. Worum geht es bei der Angelegenheit?

In der Hauptsache um die Interpretation einer Vertragsklausel in dem Lizenzabkommen zwischen Davids Firma Optumsoft und Arista. Die Gerichtsverhandlung ist für April 2016 anberaumt.

Kein Grund zur Sorge für Arista-Aktionäre?

Soweit wir es heute beurteilen können, wird dieses Verfahren keinen Einfluss auf unser Geschäft haben. Unser Lizenzvertrag mit der Firma Optumsoft ist unkündbar, und selbst wenn das Urteil nicht im Sinne von Arista ausfallen sollte, können wir die Software-Routinen, um die es hierbei geht, weiterhin unter dem Lizenzvertrag nutzen, ohne Lizenzgebühren zu zahlen. David hat ja auch gar kein Interesse, Arista zu schaden, weil er ein großer Aktionär ist. Es geht, wie gesagt, um die Interpretation eines Lizenzvertrages. Wir konnten uns unter Freunden nicht einigen, und deshalb muss ein gerichtliches Verfahren die Entscheidung treffen. Ich bin nach wie vor mit David befreundet – aber wir sprechen halt nicht über das Verfahren.

Sie leben seit 1977 im Silicon Valley: Welche Stimmung herrscht zurzeit im Tal, wie ist das Investitionsklima?

Die Stimmung ist sehr gut. Viele neue Firmen sind in den letzten Jahren an die Börse gegangen, und das Geschäft mit Firmengründungen und Wagniskapital ist sehr aktiv. Es wird dieses Jahr mehr Wagniskapital investiert werden als je zuvor, mit der Ausnahme der Jahre 1999 und 2000. Ich will damit nicht sagen, dass wir wieder in einer Spekulationsblase leben, aber die Stimmung im Tal ist ausgesprochen optimistisch.

Hört sich an, als fülle sich hier auf bedenkliche Weise eine neue Spekulationsblase.

Die Stimmung ist etwas euphorisch. Es gibt Indizien, die nachdenklich machen, zum Beispiel die Zahl der Firmen, die mit über einer Milliarde Dollar bewertet sind oder die für mehrere Milliarden Dollar aufgekauft wurden, obwohl der Geschäftserfolg noch weit in der Zukunft liegt. Das ist in der Geschichte des Silicon Valley einmalig und wird sich vielleicht auch nicht wiederholen.

An wie vielen Unternehmen haben Sie sich selbst beteiligt?

Ich habe mich in den vergangenen 20 Jahren bei über 100 Firmen beteiligt, nahezu alle im Silicon Valley. Das ist sehr gut gelaufen und war ein lukratives Geschäft.

Bild: Norbert Stuhrmann

Bitte wenden – hier geht’s zum zweiten Teil des Interviews.

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