berlin silicon valley


Die Reuters-Redakteurin Nadine Schimroszik geht in ihrem Buch „Silicon Valley in Berlin“ vielen Fragen der deutschen Startupszene auf den Grund. Sie berichtet, was Startups wie Wooga, Zalando oder Coffee Circle so erfolgreich gemacht hat, welche Stolpersteine es gab und gibt und was getan werden kann, um den Gründerstandort Deutschland und Berlin noch attraktiver zu machen. Das sechste Kapitel ihres Buchs dokumentieren wir hier als Auszug.

Auf dem Weg zum Big Player?

Berlin gilt weltweit als Anziehungspunkt für Kreative und eben  auch als Mekka für Startups. Wie diese Mail zeigt, hört man sogar  im Silicon Valley viel Gutes von der deutschen Hauptstadt. So viel,  dass eben auch ein Jake Lodwick, dessen Gründung Vimeo heute  auf rund eine halbe Milliarde Dollar Marktwert geschätzt wird,  gern mal länger vorbeischaut.

Das ist nur ein Beispiel, wie weit es Berlin schon gebracht hat.  Noch vor wenigen Jahren sah alles ganz anders aus. Robert Gentz, Chef der heutigen Vorzeigefirma Zalando, erinnert sich an seine  Anfangszeit in Berlin 2008, als es noch gar keine Startup‐Szene gab  und sich vieles „pioniermäßig“ anfühlte: „Damals waren StudiVZ  mit 18 Mitarbeitern und Toptarif die Ikonen. Und uns erschien es  unerreichbar, ein Unternehmen in dieser Größenordnung aufzubauen.“ Da hat Zalando längst den Spieß umgedreht. Der Modehändler zählte zum Zeitpunkt des Börsengangs, bei dem das Unternehmen  im  Herbst  2014  rund  600 Millionen Euro  einsammelte,  mehr als 6.000 Mitarbeiter.

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Die Wege sind kurz, es gibt funktionierende Netzwerke sowie ein großes Angebot  an  Fachkräften,  umfangreiche  Freizeitangebote sowie eine positive internationale Außendarstellung.  Eric Wahlforss, Mitgründer von Soundcloud – einem der weltweit  bekanntesten Berliner Startups – erinnert sich daran, warum sich  die Online‐Audio‐Plattform auf der Suche nach einem Firmensitz  im Jahr 2008 für die deutsche Hauptstadt entschied und damit immer noch zufrieden ist: „Berlin hatte für mich immer einen besonderen Reiz, nicht zuletzt weil ich hier in verschiedenen Funktionen gearbeitet habe, bevor ich Soundcloud zusammen mit Alex Ljung  gründete.

Die Stadt hat ihre ganz eigene Kreativ‐ und Künstlerszene, die sehr unterschiedliche Leute und Talente aus ganz Europa  und auch dem Rest der Welt anzieht. Wir nutzen manchmal gern  den Ausdruck „Punk meets Tech“ (Punk trifft auf Technologie), um  die Art des „Den‐Eigenen‐Weg‐Gehens“ zu beschreiben, der hier  heute immer noch anzutreffen ist. Das ist ein großer Teil dessen,  was Berlin von anderen Startup‐Orten unterscheidet, nämlich ein  zentralisierter Kreativitäts‐Hub, wo Technologie auf Kunst trifft.  Zudem ist es hier trotz einer hohen Lebensqualität weiterhin deutlich günstiger als in anderen europäischen Hauptstädten, was das  Anwerben von Talenten einfacher macht.“

Letzteres führt auch der  aus Schweden stammende Chef und Mitgründer von Delivery Hero, Niklas Östberg, an, wenn er gefragt wird, warum es ihn nach  Berlin  verschlug:  „Man  findet  leichter  und  günstiger Leute,  die  wirklich Lust haben, von Beginn an beim Abenteuer Gründung  dabei zu sein. Auch wenn es vielleicht am Anfang nicht ganz so gut  bezahlt ist.“

Die Möglichkeit, gute Mitarbeiter zu finden, ist nur ein Grund, warum Berlin international so in der Gründerszene ankommt. Niemandem fällt es schwer, Positives über die Stadt zu sagen. „Man ist  mal schnell in Berlin und kann Dinge schneller vorantreiben. Die  Stadt ist einfach für vieles ein Knotenpunkt“, sagt die inhaltliche Leiterin von Startnext, Anna Theil. Für Guido Sandler von Bergfürst bringt  Berlin „die  besten  Voraussetzungen“  für  eine  Startup-Hochburg mit sich, da die Stadt wie ein Startup einen permanenten  Veränderungsprozess durchlaufe. Städte wie Hamburg oder München seien schon gesättigt und Berlin eben noch nicht. „Nur hier  gibt es Dynamik, Aufbruch, Veränderung.“

Der Bonner Investor Thelen ist überzeugt davon, dass die deutsche Branche nur vorangebracht werden kann, wenn sie sich auf  Berlin konzentriert. Markig betont er: „Alles andere ist bescheuert.“  Vor allem eben für die digitale Wirtschaft macht die Konzentration auf Berlin Sinn. Das hat auch kommunikatorische Vorteile. Startup‐Hochburgen  beziehen  sich  eigentlich  immer  auf  einen  beschränkten Raum und nicht auf ein ganzes Land. „Es heißt nicht  Silicon Valley, Tel Aviv und Deutschland, sondern Silicon Valley,  Tel Aviv und Berlin“, sagt Florian Nöll vom Bundesverband Deutscher Startups.

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Durch die Fokussierung ergeben sich positive Effekte, die weitere  Gründer anziehen. Die IBB‐Studie „Digitale Wirtschaft – Standortanalyse im Städtevergleich“ fasst zusammen: „Die Gründungsaktivität in Berlin profitiert von den städtischen Agglomerationseffekten. Hier sind die Entfernungen vergleichsweise gering und es sind  große Absatzmärkte vorhanden. Die Internetgründer können in der  Hauptstadt Mitarbeiter mit den gesuchten speziellen Qualifikationsanforderungen finden. Hinzu kommt die räumliche Konzentration von Unternehmen, die die Übertragung von Wissen zwischen  Gründungen, aber auch den Austausch in den technologieorientierten Clustern mit anderen Unternehmen erleichtert.“

KPMG‐Partner  Tim Dümichen findet es wichtig, dass Berlin als wesentlicher Hub  für das Startup‐Geschehen in Deutschland wahrgenommen und  gefördert  wird: „Clustereffekte  spielen eine große Rolle für das Entstehen und funktionieren von Ökosystemen. Ich bin deshalb  überzeugt davon, dass Berlin als Leuchtturm, eine Vorreiterrolle für  das gesamte deutsche Start Up‐Ökosystem spielen kann.“  Für Jörg Goschin von Alstin ist Berlin in Deutschland die unumstrittene Nummer eins: „Hier finden Gründer die besten Bedingungen,  um  sich  anzusiedeln.“

Die  Stadt sei zum Epizentrum für Gründungen in Deutschland geworden und werde dies auch immer  mehr für Europa, meint Shoepassion‐Gründer Tim Keding. Martin  Elwert von Coffeecircle zog es 2009 zur Gründung seines Startups in die Hauptstadt: „Wir hatten einfach Lust auf Berlin. Hinzu kam,  dass man hier neue Ideen viel besser platzieren kann als in München oder Hamburg.“ Madeleine Gummer von Mohl, Mitgründerin des  Betahauses,  macht  einen weiteren  Vorteil  aus:  „Durch  die  Schnelllebigkeit in Berlin kann man Dinge leichter ausprobieren  und Fehler werden schneller vergessen und vielleicht auch verziehen als in anderen Städten.“

Zugleich  die  Touristen  sind  für  viele  Startups  ein  Vorteil.  Schließlich erhöht sich die Zahl der potenziellen Neukunden durch  sie ungemein. Lernt ein Tourist ein Geschäft in Berlin psychisch kennen und schätzen, bestellt er vielleicht über den Online‐Shop ein  zweites Mal und wird zum Stammkunden. „Das ist ein wichtiger  Standortfaktor“, sagt die Mitgründerin von Original Unverpackt,  Milena Glimbovski. Laut Statistikamt kamen 2013 11,3 Millionen Touristen  in  die  Hauptstadt.  Tendenz  steigend,  trotz  weiterhin  unfertigem Großstadtflughafen.

Nadine Schimroszik, Silicon Valley in Berlin, Erfolge und Stolpersteine für Start-ups, 207 Seiten, 24,99 € (D), UVK Verlagsgesellschaft mbH

Dieser Titel ist auch als E-Book erhältlich.

Bild: UVK Verlag

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