Bezos

Amazon-CEO Jeff Bezos tanzt auf sehr vielen Hochzeiten – und macht dabei eine sehr gute Figur.

Wie macht dieser Mann das nur? Er sieht völlig entspannt aus, wirkt ausgeschlafen und frisch. Dabei arbeitet Jeff Bezos mit seiner Firma Amazon an den ganz großen Fragen der Zukunft. „Wir stehen an der Schwelle zu einer goldenen Ära“, sagt er im Gespräch mit Walt Mossberg von The Verge (siehe Video unten). Und Amazon will sich in diesen goldenen Zeiten natürlich eine goldene Nase verdienen.

Wie hoch ist eigentlich der Eiffelturm?

Derzeit liegen Bezos vor allem die Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz am Herzen. „Wir werden schon bald mit Computern eine ganz natürliche Unterhaltung führen können“, sagt er. Und seit einigen Jahren arbeitet ein Team bei Amazon genau an dieser Aufgabe. Resultat sind die Echo-Geräte, die am 26. Oktober in Deutschland ausgeliefert werden sollen.

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Echo steht dann in unseren Küchen oder Wohnzimmern – und wir können per Spracheingabe viele Alltagsaufgaben lösen. Zum Beispiel Waren bestellen, Fragen nach dem Wetter, dem Abflug-Gate unseres Flugzeuges, dem Börsenkurs von Rocket Internet oder der Höhe des Eiffelturms beantworten lassen. „Hallo, Alexa!“ Und schon ist Echo einsatzbereit. In den USA funktioniert das bereits. Google bringt bald unter dem Namen Home ein ähnliches Produkt auf den Markt, Apple hat die eigene Spracherkennung Siri für Entwickler geöffnet. Das beweist, dass im Bereich Spracherkennung und künstliche Intelligenz die nächste großen Entwicklungsschritte zu erwarten sind. Und Amazon spielt ganz vorne mit.

Der Kampf um die letzte Meile tobt

Dabei vergisst Jeff Bezos natürlich nie das Kerngeschäft von Amazon. Sachen verkaufen. Aber auch hier ist seine Firma in Bewegung. Der Prime-Service liefert in vielen Städten innerhalb von einer Stunde Waren aus. Das verlangt eine funktionierende Infrastruktur. Der Kampf um die letzte Meile zum Kunden ist längst in Gange. Bezos will ihn gewinnen, auch wenn er dafür Dronen einsetzen muss. Die werden offenbar gerade getestet.

Jetzt plant Amazon aber auch stationären Läden. Online goes offline. Mit Pick-up-Stationen für Autofahrer, die ihre Ware lieber schnell selber abholen. Dabei will man sich an deutsche Vorbilder wie Aldi und Lidl halten. Deutsche Discounter als Vorbild für die Läden der Zukunft. Mal schauen, wie die Reaktion hierzulande aussieht. Oder der Kunde bleibt lieber zu Hause und drückt einfach auf den Dash-Button, den man sich auf die Waschmaschine oder den Kühlschrank klebt, und die gewünschte Ware wird ein paar Stunden später geliefert.

Die Neuerfindung des Buchladens

Außerdem sollen jetzt auch noch Amazon-Buchläden eröffnet werden. Bezos: „Wir wollen lernen. Wie groß muss so ein Laden sein? Wie muss er aussehen? Was bieten wir unseren Prime-Kunden?“. Amazon lernt schnell. Buchhändler sollten sich also auf ungemütliche Konkurrenz gefasst machen. Bezos: „Wir werden streng kuratieren und nur 5000 Titel führen.“ Für Leute, die schon wissen, was sie lesen wollen, gibt es ja immer noch den Online-Store. Die physischen Läden sollen nichts weniger als den Buchhandel neu erfinden. „Wir wollen in der physischen Welt experimentieren“, heißt das bei Bezos.

Dann hat Bezos natürlich noch die Washington Post gekauft. Sie ist derzeit so erfolgreich wie nie. Bezos: „Ich habe die Post gekauft, weil es eine wichtige Institution ist.“ Dieser Mann hat also auch noch Werte, die er sich etwas kosten lässt. „Dieses Land braucht eine Zeitung, die die Politiker und Mächtigen unter die Lupe nimmt.“ Wie es aussieht, gewinnt er mit dieser Ansage sogar neue Leser. Sein Geschäftsmodell setzt auf die Masse der Kunden, die wenig Geld zahlen. Bisher lief es bei Medienunternehmen eher andersherum.

Unbegrenzt Musik hören ab vier Dollar

Im Streaming-Bereich greift Amazon auch an. Auf dem neuen Echo-Lautsprecher läuft natürlich auch Musik. Amazon Music Unlimited ist jetzt gestartet. Die Branche mit Spotify oder Apple Music hatte sich eigentlich auf 9,90 Euro oder Dollar geeinigt. Aber Amazon gibt uns jetzt unbegrenzt Musik schon ab vier Dollar. Wenn man im Besitz eines Echo ist, braucht es in Zukunft nur noch einen laut geäußerten Wunsch nach einem speziellen Titel – Sekunden später wird er gespielt.

Dazu gibt es natürlich auch Filme und Serien – von Prime Video. Amazon tritt damit gegen Netflix an und produziert immer mehr bewegte Bilder selber. Zuletzt zum Beispiel eine Serie von Woody Allen, der dazu in einem Interview sagte: „Ich weiß gar nicht, was Streaming ist.“ Macht nichts. Seine kleine Serie ist trotzdem sehenswert.

Es gibt sogar Kredite von Amazon

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Ein großes Geschäft für Amazon ist inzwischen der Amazon Web Service mit seinen Server- und Clouddiensten. Hier können sich Kunden Speicherplatz und Serverkapazitäten passgenau mieten. Eigene Hardware ist nicht mehr nötig. Nach dem selben Prinzip wird Shopfläche auf Amazon an kleinere Läden vermietet. Viele von diesen kleinen Läden, die angefangen haben auf Amazon online zu verkaufen, sind richtig groß geworden. Zum Beispiel der Sieger des Gründerszene-Wachstums-Rankings – KW-Commerce. In eigens dafür anberaumten Veranstaltungen, der sogenannten Amazon Academy, gibt Amazon Händlern Nachhilfe in Sachen Online-Vertrieb.

Dass Amazon inzwischen im Finanz-Bereich tätig ist, hat kaum jemand bemerkt. Zusammen mit der Yes-Bank versorgt das Unternehmen zum Beispiel britische Händler mit Krediten, um ihnen schnelleres Wachstum zu ermöglichen. Ein Amazon-Sprecher: „Das Feedback der Händler hat uns gezeigt, dass ein Mangel an Finanzierung ein echtes Wachstumshindernis sein kann.“ Die Zinsen betragen 5,9 Prozent plus ein Prozent Bearbeitungsgebühr. Der Betrag muss innerhalb von sechs Monaten zurückgezahlt werden. In Japan ist das Modell schon etwas länger erfolgreich.

Plattform für Startup-Produkte

Auch Startups können ihre Ware über Amazon an den Mann bringen. Amazon Launchpad soll das „Sprungbrett für innovative Produkte sein“. Knapp 500 Produkte von jungen Unternehmen sind hier inzwischen zu finden. Vom Luftreiniger bis zum Solar-Rucksack, der Smartphones mit der Kraft der Sonne wieder aufladen kann.

Im Bereich Mode greift Amazon richtig an. Im März diesen Jahres wurde mit Instagram-Queen Chiara Ferragni als Stylistin die neue Untermarke Amazon Fashion vorgestellt. Jetzt hat der Konzern das neue Schuhlabel von Sex-and-the-City-Star Sarah Jessica Parker unter Vertrag genommen. Die Schauspielerin tritt auch in der TV-Werbung für Amazon Fashion auf. Da dürfen sich Zalando un Co. auf harte Konkurrenz gefasst machen.

Die Kreditkarte liegt bei Amazon

Bei all diesen Aktivitäten darf man nie vergessen, dass Amazon – ähnlich wie Apple – einen großen Vorteil gegenüber der Konkurrenz hat. Die Firma ist bereits im Besitz der Kreditkarten- und vielen anderen Daten ihrer Kunden. Die Schwelle für eine Bestellung ist also niedrig. Man muss sich nicht erneut irgendwo anmelden. Außerdem weiß Amazon, was der Kunde als nächstes kaufen könnte. „Um Machine Learning immer besser zu machen, benötigt man sehr viele Daten“, sagt Bezos. Die nötigen Datenmengen besitzt Amazon. Keine Frage.

Besonders stolz ist Bezos auf die Kultur bei Amazon. Vor allem in Sachen Kunden-Betreuung und Innovation: „Das kann man nicht mit missgelaunten Leuten machen, die dauernd auf die Uhr starren.“ Wer nicht weiß, wie er mit harten Vorwürfen umgehen soll, dem rät der Amazon-CEO sich ein dickes Fell anzuschaffen.

Er selber lässt sich auch nicht von seinen vielen Kritikern ablenken: „Wenn du irgendetwas Interessantes in dieser Welt machen willst, dann wirst du harte Kritiker haben.“ Sein dickes Fell scheint jedenfalls zu funktionieren. Bezos Offensive der letzten Jahre hat aus dem etwas muffigen Online-Versandhändler einen innovativen, agilen, experimentierfreudigen Player auf allen möglichen Feldern gemacht, den Apple, Google und Facebook sehr ernst nehmen. Und Bezos sieht dabei immer noch gut gelaunt und immer noch ziemlich angriffslustig aus.

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