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Damals noch bei Funding Circle: Christian Grobe und Matthias Knecht (von links)

Im Herbst 2015 verkauften Christian Grobe und Matthias Knecht ihr Fintech-Startup Zencap an einen Wettbewerber. Das Londoner Unternehmen Funding Circle schluckte das gerade anderthalb Jahre alte Startup aus Berlin, die Marke verschwand und die Gründer blieben an Bord.

Doch bereits im Sommer 2016 verließ Zencap-Gründer Knecht das Unternehmen, Medien berichten von Streit über einen Strategiewechsel. Sein Mitgründer Grobe blieb Funding Circle treu – vorerst. Denn wie nun bekannt wurde, hat auch Grobe seine Rolle als Europa-Chef bei Funding Circle niedergelegt. Der Grund: Gemeinsam bauen die beiden Gründer nun ein neues Unternehmen auf. Das Startup namens Billie soll kleinen und mittleren Unternehmen in Zukunft die Vorfinanzierung ihrer Rechnungen ermöglichen. Auf dieses sogenannte Factoring sprangen bereits einige andere Startups auf, so etwa Ex-Kreditech-Chef Sebastian Diemer mit Bezahlt.de.

Billie will – genau wie Bezahlt.de oder Innolend – die Rechnungen von Unternehmen aufkaufen, ihnen also so das Geld vorfinanzieren. Die Summe holt sich das Startup dann vom Schuldner wieder. Klappt das nicht, wendet sich Billie wieder an das Unternehmen, das ihm die Rechnung verkauft hat und fordert von ihm das Geld zurück.

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Bisher haben Grobe und Knecht versucht, ihre Idee und das 12-köpfige Team in Berlin unter dem Radar zu halten, der Launch des Produktes soll erst im zweiten Quartal 2017 stattfinden. Bereits zur Gründung im Dezember gab es – wie bei Zencap – finanzielle Unterstützung von Rocket Internet und den Samwer-Brüdern, gemeinsam halten sie über verschiedene Beteiligungen rund 14 Prozent. Neben der Startup-Schmiede beteiligten sich auch der Wiener VC Speedinvest sowie einige Business Angels mit insgesamt mehr als drei Millionen Euro an dem jungen Unternehmen. Einige der Investoren halten laut ihren Linkedin-Profilen Positionen bei Funding Circle – oder haben das Unternehmen in den vergangenen Monaten verlassen.

Im Interview spricht Grobe nun gegenüber Gründerszene über den Ansatz von Billie und was sie von den anderen Startups unterscheidet.

Christian, nun bist Du auch beim Londoner Startup Funding Circle ausgestiegen. Was war los?

Eine Fusion birgt natürlich immer gewisse Risiken in Sachen Selbstständigkeit für den kleineren Partner. Obwohl wir ein formell gleichberechtigter Teil im Global Leadership Team waren, sind wir natürlich nicht jede Woche nach London geflogen. Wir waren also nicht bei jeder strategischen Entscheidung vor Ort, um so Einfluss zu nehmen, wie wir gerne wollten.

Matthias und ich haben uns immer gut verstanden und es war klar: wenn der eine gehen sollte, weil er es nicht mehr passend findet, wird der andere mitziehen. Aber weil wir bei Funding Circle noch Anteilseigner sind und Interesse daran haben, dass es dem Unternehmen gut geht, habe ich noch den Übergang gemanaged und einen passenden Nachfolger mitausgewählt. So war es mir möglich, Ende Dezember auszuscheiden.

Mit welchen strategischen Entscheidungen wart Ihr nicht einverstanden?

Wir wollten die Wachstumsziele für unser Europageschäft nicht zusammenstreichen. Der Rest des Global Leadership Teams wollte dagegen vornehmlich in das 2013 gestartete US-Geschäft investieren.

Nun habt Ihr wieder gegründet. Worum geht es bei Billie?

Wie der Name erahnen lässt, fokussieren wir uns auf die Vorfinanzierung von Rechnungen, sprich Online-Factoring. Zielsegment sind kleine und mittelständische Unternehmen und Freelancer – ein Modell, das man auch schon von Bezahlt.de, Decimo oder Innolend kennt. Das ist aus unserer Sicht ein extrem attraktives Segment trotz der bereits existierenden Angebote.

Wir hatten das Segment sowieso schon sehr lange im Blick, auch zu Zencap- und Funding-Circle-Zeiten. Es hat aber aufgrund unseres Fokus nie gepasst, dass wir in diesen Bereich gehen. Nun ist ein perfekter Zeitpunkt, um das ganze Thema mit einem neuen Unternehmen anzugehen und sich kurzfristiger Liquidität und Rechnungsfinanzierung zu nähern.

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Warum ist das Segment so attraktiv?

Der Markt hat schon heute eine Größe von über 200 Milliarden Euro Rechnungsvolumen pro Jahr. Viel spannender aber ist, dass traditionelle Banken Factoring für kleine und mittelständische Unternehmen und Freelancer nicht abdecken. Das ist ein entscheidender Unterschied zum Unternehmenskreditsegment. Einen 50.000- oder 100.000-Euro-Kredit mit einer Laufzeit von drei oder fünf Jahren – wie wir ihn bei Funding Circle angeboten haben – bekomme ich auch bei jeder Bank.

Doch es gibt andere Factoring-Anbieter.

Wenn man sich das klassische Rechnungsfinanzierungssegment anguckt, fällt auf, dass es in Deutschland über drei Millionen Unternehmen gibt, aber gerade mal 30.000 Factoring-Kunden. Und das sind fast allesamt große Firmen. Man findet nahezu kein Unternehmen unter der Zehn-Millionen-Umsatz-Grenze, welches Factoring in signifikantem Maße als Finanzierungsform nutzt. Bei Funding Circle und Zencap waren wir in Konkurrenz mit Volksbanken und Sparkassen. Das ist nun beim Factoring anders. Wenn man das Segment knackt – und dazu gehören sicherlich einige Herausforderungen – ist der Markt allein in Deutschland gigantisch groß.

Meinst Du mit Herausforderungen Eure Konkurrenz?

Ja, das stimmt, wir sind nicht die ersten. Und bei allen anderen handelt es sich um gute Unternehmen mit erfahrenen Gründern, die von renommierten VCs unterstützt werden. Kernherausforderung ist aber aus unserer Sicht nicht die Konkurrenz im Onlinesegment, sondern vielmehr eine gute Bonitätsanalyse und skalierbare Prozesse in der Zahlungsabwicklung, um ein stabiles Finanzunternehmen aufzubauen. Wir haben in den letzten drei Jahren – vielfach auch schmerzlich – gelernt, welche Unternehmen man finanzieren kann und welche man nicht finanzieren sollte. Wenn wir mit Partnern aus der Bankenszene über die Refinanzierung unseres Factoring-Geschäfts sprechen, finden sie genau diese Erfahrung extrem interessant.

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