Angel-Investor Morten Lund (links) mit Sidekick Markus Stefanko

Ozapft is! Das ist schon eine besondere Stimmung auf der Bits & Pretzels. Am Empfang werden die Besucher von Hostessen im Dirndl begrüßt. Alle Specherinnen und Sprecher auf der Bühne tragen Tracht. Allerdings passt diese Kostümierung nicht so ganz in die Umgebung. Denn man residiert inzwischen in der Messe, 20 Minuten mit der U-Bahn raus aus der City. Hier wirkt alles funktional und eher kühl, trotz der Lederhosen. Dafür ist die Technik auf dem neusten Stand: Videoübertragung, Ton und die restliche Infrastruktur sind kaum zu verbessern.

Also hinein in die große Arena. Ein Kessel Buntes wartet auf alle, die irgendwie mit Digitalisierung und Startups zu tun haben oder zu tun haben wollen. Nach Grußworten und der Eröffnung durch Münchens Bürgermeister Josef Schmid und Wirtschaftsministerin Ilse Aigner kommt ein Hit nach dem anderen. Auf der Bühne sprechen die Stars der Szene wie Mikkel Svane, Gründer und CEO von Zendesk, TV-Clown Joko Winterscheidt von GoButler, Florian Gschwandtner, der sein Runtastic gerade an Adidas verkauft hat.

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Jetzt, am frühen Nachmittag, steht Limor Schweitzer im Scheinwerferlicht. Mit seiner Firma Robosavvy entwickelt er Roboter. „Es ist eine Art Drohne für den Bodeneinsatz.“ Mit dieser Bemerkung sammelt er nicht gerade Sympathiepunkte. Auf etwas Segway-ähnlichem haben die Macher eine Kamera installiert: Sie soll in der Lage sein, Gesichter zu verfolgen. Ohne zu wackeln. Limor läuft im Kreis und die Kamera auf Rädern verfolgt ihn. Doch irgendwann verliert sie ihr Ziel und der arme Robo irrt verwirrt in der Gegend herum.

Für alle, die bei dieser Art Geräten ein merkwürdiges Gefühl haben: Von dieser Maschine geht noch keinerlei Gefahr aus. Limor Schweitzer versucht, den Blick seines Roboters wieder einzufangen und es stellt sich die Frage, wer hier eigentlich wen verfolgt. „Das wird im Consumermarkt ein Selfiestick auf Rädern“, sagt er. Es klingt wie eine Drohung.

Nach dem Roboter folgt eine Art Erweckungspredigt für ungläubige Gründer. Angel-Investor Morten Lund rattert eine unglaubliche Anzahl digitaler Kalendersprüche herunter. „Money is a pain in the ass.“ „Build fast. Build small.“ Man könnte ihm tagelang zuhören. Die Megatrends sind laut Lund digitale Ausbildung, unendlicher Speicherplatz und noch breitere Breitbandanschlüsse.

Außerdem werden uns die Maschinen in naher Zukunft ersetzen. Da nützen laut Lund auch keine Proteste. Es passiert jetzt gerade! Und weiter im rasanten Fernsehprediger-Takt: Mach‘ schnell! Klau‘ dir einfach den Code! Du musst nicht programmieren können! Brich die Regeln! Das ist wirklich ein Feuerwerk von Handlungsanweisungen und das Publikum staunt gebannt. Seine eigene Präsentation bekommt Lund allerdings nicht in der vorgegeben Zeit zum Abschluss. Sanfte Pausenmusik stoppt den Unaufhaltsamen.

Doch dann kommt es noch besser. Ein Clown. Nein, das ist kein Witz. Ein Clown kommt auf die Bühne. David Shiner heißt der Mann – und er hat uns tiefe Einsichten mitzuteilen. Das ist wohl der Kulturteil des Tages. Als erstes wirft er sein Manuskript weg und entschließt sich theatralisch, frei zu sprechen. Das hätte er besser nicht tun sollen. Wir sollen die Herzen öffnen, sagt er, und mit dem Herzen sehen. Man möchte im Boden versinken vor Scham.

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Aber es wird noch schlimmer. „Clowns sind Heiler“, sagt Shiner bedeutungsvoll. Es ist mucksmäuschenstill im Publikum. Ich fühle mich in Sekundenbruchteilen sterbenskrank. „Man muss etwas wollen, alles muss ganz tief sein, Geld ist nicht wichtig.“ Wo sind wir hier gelandet? Moderator Richard Gutjahr findet das alles „mindblowing“. Ja, da ist etwas dran.

Danach darf die Stadt München noch ganz kurz Werbung für ihre Unterstützung für die blühende Startupszene machen. Und dann folgt das inzwischen obligatorische Panel mit Frauen. Anna Alex, Gründerin von Outfittery, beklagt sich, dass Frauen zwar oft darüber sprechen, sich zu unterstützen und zu helfen, doch dass den Worten zu selten Taten folgen. Eine muntere Runde, die am Abend beim After-Show-Dinner bestimmt fortgesetzt wurde. Man holt sich die letzte Brezn und macht sich bereit für die Party. Mit Bier. Endlich, denn das gibt es in der Messehalle nicht.

Morgen gibt es bei uns den Bericht über den zweiten Tag der Bits & Pretzels: Die Zukunft der Städte, smart Cities und autonomes Fahren. Garantiert ohne Clowns.

Bild: Gründerszene