Kraftwerk

Wie fühlt sich das an, wenn eine neue Technologie kurz vor dem Durchbruch steht? Wenn die erste Phase des Hypes, der Überraschung und des darauf folgenden Zweifels überwunden ist? Wer das wissen wollte, der konnte das bei einer Konferenz im Novotel am Berliner Tiergarten live erleben.

Denn hier hatten sich auf Einladung der Deutschen Energie Agentur knapp 100 Experten der Energiewirtschaft versammelt. Ziel der Zusammenkunft war es, sich über Blockchain auszutauschen und zu verstehen, was diese Technologie für die eigene Branche bedeuten könnte. Zunächst wurde erklärt, was Blockchain überhaupt ist. Aber die meisten Sitzungsteilnehmer stecken offenbar schon sehr tief in diesem Thema. Tiefer als man das vermuten würde.

Die Energieversorgung in unserem Land steckt gerade in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess. Grund dafür ist die sogenannte Energiewende. Deutschland verabschiedet sich vom Atomstrom und von fossilen Brennstoffen, hin zu erneuerbaren Energien. Das ist für alle Beteiligten kein einfacher Prozess. Dazu kommt jetzt auch noch die Digitalisierung, die natürlich auch den Energiesektor betrifft.

„Wir haben die Lösung. Aber wo ist das Problem?“

Aber was kann die Blockchain zur Zukunft unserer Energieversorgung beitragen? Tobias Federico von Energy Brainpool brachte die etwas unübersichtliche Lage auf den Punkt: „Wir haben eine Lösung. Blockchain. Aber wir müssen jetzt schauen, wo das Problem dafür ist.“

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Alle Experten waren sich jedenfalls einig, dass die Energieversorgung der Zukunft insgesamt sehr viel kleinteiliger ablaufen wird. Kirsten Hasberg vom BlockchainHub Berlin drückt es so aus: „Die Kunden bestimmen mit. Sie können zum Beispiel  Anteile an der Produktion kaufen und mit ihrem Verbrauch verrechnen. Der Markt wird sehr viel dezentraler.“ Und dabei kann Blockchain-Technologie helfen. Sie gilt als ultimatives Tool, um dezentrale Anwendungen automatisch zu organisieren, zu autorisieren und nachzuhalten.

StromDAO.de bietet bereits jetzt einen „Stromtarif aus der Blockchain“ an. Alle Transaktionen, die der Kunde vornimmt, werden direkt in die Blockchain geschrieben. Die Firma sucht jetzt Stromkunden, die Interesse daran haben, Vermarktung und Produktgestaltung mitzubestimmen. Mit Hilfe von Stimmrechten wird gemeinsam entschieden, ob aus den Ideen Wirklichkeit wird.

Strom an den Nachbarn verkaufen

Blockchain könne außerdem Energiewende glaubwürdiger machen, hieß es in der Diskussion. Sie könne Kunden durch Zertifizierung den Nachweis liefern, dass ihr Strom tatsächlich aus dem Solarpanel kommt. Heute wisse im Grunde niemand, woher der Strom stammt. Auch wenn es sogenannter Biostrom sein. Außerdem seien Anwendungen im Bereich Abrechnung, Zählerstand und Bezahlung denkbar.

Der Energiemarkt der Zukunft wird sich wie die anderen Märkte sehr viel stärker personalisieren – auf die Bedürfnisse einzelner Haushalte herunterbrechen lassen. Durch Blockchain wird der Aufwand für viele Transaktionen zu Grenzkosten möglich und so die Voraussetzungen für Personalisierung schaffen. Zum Beispiel auch den Handel von Strom unter Nachbarn.

So fühlt es sich also an, wenn eine Technologie, die noch vor ein paar Monaten als Spielplatz für Nerds galt, vor dem Durchbruch steht. Nicht alle Experten waren sich an diesem Morgen in allen Punkten einig. Doch die Ernsthaftigkeit, mit der man sich hier einer Technologie widmet, die noch gar nicht ausdefiniert ist, zeigt, dass die deutsche Energiewirtschaft sich vorgenommen hat, die die Digitalisierung zu gestalten. Und nicht nur zu reagieren. Auch mit der Hilfe von Blockchain.

Foto: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Jori Samonen