Zwischen Berlin und London wütet seit Jahren ein Wettkampf: Welche Stadt ist die Startup-Hauptstadt Europas? Wer hat die größten Finanzierungsrunden? Wer die schillernden Einhörner? Damit könnte nun Schluss sein.

Großbritannien, und damit auch London, hat gewählt – und sich entschieden, aus der EU auszutreten. Viele Szene-Köpfe sind der Meinung: die Startup-Szene vor Ort wird leiden. Hier sind einige mögliche Konsequenzen:

  • Tech-Talente aus europäischen Ländern einzustellen, könnte nach einem Brexit für britische Startups schwieriger werden. CNN zufolge glauben 80 Prozent der Techies in London, ein Brexit erschwere es, an Fachkräfte zu kommen. Auch der Deutsche Nicholas Hopper, der seine Software-Firma in London gründete, findet: „Ich habe Crozdesk vor zwei Jahren mit einem Team aus sechs Nationalitäten gegründet. Die Internationalität, die London damals so attraktiv gemacht hat, kann mit dem Brexit bald ein Ende haben.“
  • London sei aufgrund exzellenter Handelsbeziehungen ein beliebter Standort für internationale Startups und Entrepreneure, die in Europa Fuß fassen wollten, betont Haakon Overli vom VC Dawn Capital gegenüber dem Daily Telegraph. Das könnte durch einen Brexit wegfallen, Startups würden aufgrund der unsicheren Handelslage verunsichert. Mit einem Austritt aus der EU fällt zudem der unkomplizierte Zugang zum europäischen Binnenmarkt weg. Auch Philip van Dedem, der sein Unternehmen The Collectors Index in London gründete, denkt: „Auch wenn es mindestens noch zwei Jahre dauern wird, bis Großbritannien offiziell aus der EU austritt, werden jetzt viele Startups reagieren und ihre Hauptsitze von der Insel verlegen, nach Europa oder in andere Länder.“ Er sieht Berlin als eine „interessante Alternative“.
  • Recht sicher ist, dass junge Unternehmen zukünftig mit höheren regulatorischen Hürden zu kämpfen haben werden, für die es in der EU einheitliche Vorgaben gibt. Käme es zu keinen Sonderregelungen zwischen Großbritannien und der EU müssten sich Startups zum Beispiel laut einem Bericht von Business Insider Marken zweimal schützen lassen: in Europa und in Großbritannien. Das würde mehr Kosten und Aufwand bedeuten. Jochen Mölle, Director für Business Development beim Software-Unternehmen Pwinty glaubt, Zertifizierungen, die sich auf den EU-Markt erschlossen, würden nun eventuell komplizierter und teurer.
  • Europäische Förderungen könnten für britische Unternehmen wegfallen. Jon Moulton von Better Capital sagte gegenüber der Financial Times, der European Investment Funds (EIF) sei bisher der größte Finanzierer junger Unternehmen in Großbritannien. Zwar heißt es auf der offiziellen Seite des EIF, man investiere in Mitgliedsländern der europäischen Freihandelsassoziation, zu denen auch Großbritannien gehört. Gleichwohl muss man sich fragen, wie lange ein Fonds, dessen Auftrag es ist, EU-Ziele voranzutreiben, auch ein bewusst ausgetretenes Land unterstützen wird.
  • Bekannte VCs wie Index Ventures oder Accel Partners haben Niederlassungen in London. Dass sich das bald ändern könnte, denkt Jens Lapinski, Managing Director des Startup-Accelerators Techstars. „VCs werden mit ihren Fonds eher aufs europäische Festland ziehen, weil sie von London aus weniger Zugriff auf Europa haben werden.“ Lapinski tätigte erst gestern ein persönliches Investment in ein Startup, eigentlich über eine britische Holding. Heute strukturierte er es um – auf eine deutsche Gesellschaft. Damit ist er nicht alleine: CNN berichtet sogar über eine Finanzierung, die nur bei einem Verbleib Großbritanniens in der EU zustande kommen würde.

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Währenddessen kommentiert die deutsche Startup-Szene: Berlin wird davon profitieren. So richtig freuen könne man sich darüber allerdings auch nicht.

Christoph Gerlinger, CEO der German Startups Group, lässt sich zitieren: „Der Brexit ist eine gute Nachricht für die deutsche Startup-Szene.“ Und: „Wir rechnen sowohl mit der deutlichen Verringerung der Neuansiedlung von Startups in London zu Gunsten von Berlin als auch mit dem Zuzug erfolgreicher Londoner Startups.“

Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V., erklärt: „Die deutsche Startup-Hauptstadt Berlin ist der Gewinner des Brexit, London der Verlierer.“

Bild: Gettyimages/Nick Dolding