04-Brillen

Die drei Gründer Daniel Thung, Christine Kamppeter und ihr Mann Matthias Kamppeter leiten das Startup Brillen.de

Je dichter ich dem Hauptquartier von Brillen.de komme, desto dörflicher wird die Umgebung. Im brandenburgischen Wildau südlich von Berlin soll eines der wachstumsstärksten Startups in Deutschland sitzen.

Am Bahnhof begegne ich lediglich zwei Studenten, die scheinbar zu spät zur Vorlesung der nahe gelegenen Hochschule eilen. Dahinter führt eine lange Straße mit unzähligen alten Fabrikhallen direkt auf das Büro der SuperVista AG zu. Plötzlich stehe ich an einem verschlossenen Tor. „Du musst einmal komplett außen rum“, ruft mir der Mann auf dem Gabelstapler zu. Mehrere Handwerker im Blaumann schauen mir verwundert hinterher. Startup? Fehlanzeige.

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Hinter der nächsten Ecke kippt die Industrieromantik. Vor mir stehen moderne Glasbauten, auf den Schildern stehen die Namen großer Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. In einem dieser Gebäude sitzt auch Brillen.de. Einen Empfang gibt es nicht, direkt am Eingang unterhalten sich zwei Mitarbeiter auf Dänisch – das Unternehmen ist neben Deutschland auch in Skandinavien, Österreich, Spanien, Italien und Großbritannien aktiv.

Aus einem der Räume kommt mir Matthias Kamppeter entgegen. Der Gründer und CEO entschuldigt sich, unseren Termin parallel zu einer Vorstandssitzung ausgemacht zu haben. Zeit nimmt er sich trotzdem, die Sitzung muss warten.

Gemeinsam mit zwei weiteren Gründern, seiner Frau Christine und dem ehemaligen Börsen-TV-Moderator Daniel Thung, leitet mich Kamppeter in einen Raum und erzählt seine Geschichte: dass er aus einer Augenarztfamilie in Bayreuth stamme, sich 1997 mit 21 Jahren als Augenoptiker selbständig gemacht und über die Jahre zahlreiche Filialen aufgebaut habe. Seit 2004 stellt das Ehepaar eigene Brillen her. Produziert wird in China.

Sieben Jahre später entstand gemeinsam mit Thung während eines Golfurlaubs die Idee, ins Internet zu gehen. Die Domain brillen.de steuerte der Internetunternehmer Marcus Seidel bei, der mit Thung befreundet ist.

Herausforderung sei gewesen, die Online- und Offline-Welt zusammenzubringen, sagt Matthias Kamppeter. Denn „Gleitsichtbrillen sind online absolut unverkäuflich“, betont der Gründer. Seine Frau nickt. Brillen.de setzt deshalb auf ein Netzwerk von Optikern, über die der Verkauf der eigenen Brillen und die Beratung stattfindet. Mittlerweile sollen es 700 Partner in Europa sein. Über die eigene Webseite findet lediglich die Reservierung der Brille beim Optiker vor Ort statt. „Der Kunde wollte nie weg vom traditionellen Optiker“, glaubt Kamppeter.

20 – brillen.de

Wachstumsrate: 380%
Gründungsjahr: 2012
Firmensitz: Wildau
Branche: E-Commerce
Webseite: www.brillen.de

Dem Startup-Stadium ist Brillen.de inzwischen entwachsen: Mitte 2016 investierte ein Facebook-Geldgeber einen achtstelligen Betrag, 2017 will das Unternehmen einen Umsatz von 100 Millionen Euro erreichen und aus den aktuellen Räumlichkeiten ausziehen. Ziel ist es, ein eigenes Gebäude zu bauen. Wo? In Wildau, sagt Kamppeter. Und warum? „Aus Eigennutz“, ergänzt er mit einem Lachen. Denn er hat hier mittlerweile eine Familie mit drei Kindern, und die kleine grüne Stadt sei dafür ideal. Ich stimme ihm zu. Aber auf den Weg zurück in die Zivilisation freue ich mich trotzdem.

Bild: Georg Räth/Gründerszene