Leo Fasbender ChatGrape Startup-Helden

Leo Fasbender, Mitgründer und COO von ChatGrape

„Startup-Held“ Leo Fasbender im Interview

Die Leute lieben es, Texte zu vertaggen. In sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verwenden die meisten Nutzer Hashtags und At-Zeichen bereits ganz intuitiv. Warum soll das nicht auch bei der Bürokommunikation funktionieren? Das dachten sich Felix Häusler (25) und Leo Fasbender (26) aus Wien und gründeten 2013 mit ChatGrape einen Messaging-Dienst für kleine Unternehmen, der die E-Mail für deren unternehmensinterne Kommunikation ersetzen will.

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Mittels Integration von Diensten wie Google Drive, Google Calendar, Trello oder auch GitHub bietet ChatGrape seinen Nutzern etwa eine Autocomplete-Funktion, die alle relevanten Dateien, Dokumente und Termine direkt an eine Nachricht anhängt, während man schreibt – via entsprechenden Tags. Zudem bietet es eine intelligente Suche, um relevante Nachrichten aus der Vergangenheit zu finden. Zehn Mitarbeiter widmen sich derzeit der Weiterentwicklung der App, die Mitte März in die Open Beta gehen soll. Rund 1.000 Firmen nutzen ChatGrape solange bereits in der aktuellen Early-Access-Phase.

Häusler und Fasbender sind übrigens keine Neulinge im Gründungs-Business: Vor einigen Jahren arbeiteten die beiden mit Newsgrape an einem interaktiven News-Stream – der allerdings aufgrund eines mangelnden Geschäftsmodells scheiterte. In der Reihe „Startup-Helden“ erklärt Fasbender, wie ihr neues Startup ChatGrape den „Unterbrechungs-Faktor“ im Kommunikationsfluss ausmerzen will.

In Eurem Marktumfeld gibt es viel Konkurrenz. Was macht Ihr anders?

Unsere Konkurrenz hat großartige Produkte entwickelt, die aber wenig Sprünge auf der technologischen Ebene erlebt haben. Wir haben erkannt, dass es hier einen Bereich gibt, der seit 20 Jahren wenig echte Innovation gesehen hat und zu dem wir etwas beitragen können: Und zwar die aktive Kommunikation effizienter zu machen, und eine Brücke zwischen natürlicher Sprache und expliziter Maschinensprache zu schließen. Auch sind viele der Technologien, die wir einsetzen, vor kurzem noch nur theoretisch machbar gewesen, da die technische Infrastruktur gefehlt hat, das wirklich auf eine Nutzerebene zu übertragen.

Ihr versprecht Unternehmen eine enorme Zeitersparnis. Wie funktioniert das?

Nehmen wir zum Beispiel an, dass Sie ihren Kollegen um Feedback zu einem Dokument bitten wollen, an dem Sie arbeiten. Konventionell würden Sie damit beginnen, eine E-Mail zu schreiben, diese dann mittendrin unterbrechen, das jeweilige Dokument suchen, kopieren und einfügen, und weiterschreiben. Mit ChatGrape müssen Sie Ihren Schreibfluss nicht mehr unterbrechen: Alle Daten, Termine, Dokumente oder Dateien sind direkt verfügbar und können mittels eines „Autocomplete“ direkt angehängt werden.

Wollt Ihr E-Mail, Skype, Salesforce und Co auf Dauer obsolet machen?

Nein, im Gegenteil. Moderne Unternehmen verwenden eine Vielzahl von spezialisierten Lösungen für unterschiedliche Problemstellungen. Salesforce etwa erleichtert die Verkaufsabwicklung, Trello das Workflow-Managment und Google Docs das gemeinsame Editieren von Dokumenten. ChatGrape ist eben keine „Blackbox“, die Sie dazu zwingt, unseren Kalender, unser To-do-Tool zu verwenden: Mit ChatGrape ermöglichen wir, genau die Tools zu verwenden, die am besten zu Ihnen passen, und mit ChatGrape haben Sie die alle zusammengefasst, integriert und intelligent verfügbar. Es ist vergleichbar mit dem Freunde-Taggen auf Facebook, nur, dass es nicht mehr nur um Freunde geht, sondern um alle Daten, die im Unternehmen eine Rolle spielen.

Ihr setzt unter anderem auf Spracherkennung/NLP-Algorithmen – auch Schwergewichte wie IBM arbeiten seit vielen Jahren daran und liefern bisher nur befriedigende Ergebnisse. Könnt Ihr das besser?

Der gewaltige Unterschied ist die Einzigartigkeit der ChatGrape-Oberfläche. Seit Jahren arbeiten riesige Unternehmen daran, Sprache und Texte zu analysieren. Hierfür nehmen sie riesige Datensätze an, zum Beispiel Kommunikationsmitschnitte, analysieren diese, anotieren sie und versuchen, daraus Informationen zu gewinnen. Das ist immer nur passiv, also nachträglich.

Mit ChatGrape arbeiten wir mit der aktiven Kommunikation: Jedesmal, wenn einer unserer Nutzer etwas schreibt, analysieren wir das in Echtheit und bekommen Feedback, ob unsere Analyse zutrifft: Denn der Nutzer bestätigt immer, ob er zum Beispiel einen To-do erstellen möchte oder ob die richtige Datei ausgewählt wurde. Hiermit eliminieren wir auch alle False-Positives, die bisher solche Systeme für den Nutzer immer ruiniert haben.

Wie seid Ihr finanziert und plant Ihr bereits an einer neuen Finanzierung?

Wir hatten eine Startfinanzierung in Höhe von knapp 450.000 Euro aus FFF (Friends, Fools and Family), einem Wiener Investor und vom FFG (Der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft), um den Prototypen zu entwickeln, den wir im August gestartet haben. Inzwischen ist unser System bei über 1.000 Unternehmen im Einsatz (70 Prozent USA / 30 Prozent EU). Im Winter hatten dann immer mehr große US-VCs Interesse geäußert, bei uns einzusteigen.

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Um die Ressourcen zu haben, unser Team aufzustocken und mit dem Wachstum mitzuhalten, sowie mit den VCs verhandeln zu können, haben wir jetzt eine Zwischenrunde unter dem Lead von Betaworks abgeschlossen, einem in New York ansässigen Investor, der schon in Twitter, Kickstarter und Airbnb investiert hat. Sieben weitere Investoren und der FFG sind ebenfalls mit an Bord, so kommen wir auf ungefähr 1,1 Millionen Euro Wachstumskapital für 2015. Wir bereiten jetzt die Anschlussfinanzierung vor und planen, mit einem US-Investor Ende des Jahres bei einer zweistelligen Millionen-Bewertung anzukommen.

Derzeit bedient Ihr mit Eurer Lösung den B2B-Sektor. Wären einige Eurer Technologien nicht auch für den B2C-Massenmarkt spannend?

Grundsätzlich und theoretisch ja. Allerdings ist der Mehrwert für Einzelpersonen versus Teams wesentlich schwerer zu quantifizieren. Und wesentlich schwerer zu monetarisieren.

Bild: ChatGrape; Mitarbeit: Georg Räth