Fintechladies-Macherin Christine Kiefer (35)

Christine Kiefer schwebt auf ihren Zwölf-Zentimeter-Absätzen durch das Finleap-Büro in Berlin Mitte. Die 35-Jährige fällt auf – sie ist groß, gut gelaunt und extrem gut angezogen. Kiefer ist die Gründerin eines neuen Startups von Finleap mit dem Namen Pair Finance, in das auch Kreditech-Gründer Sebastian Diemer Ende 2015 investierte. Pair bietet Unternehmen eine Möglichkeit, ihre Forderungen und Schuldner zu managen.

Neu in der Finanzbranche ist Kiefer nicht. Nach ihrem Informatik- und BWL-Studium im Saarland arbeitete sie zunächst einige Zeit als Programmiererin, dann wechselte sie aber schnell zu Bain & Company in die Finanzberatung. Schließlich landete Kiefer im Jahr 2007 bei der Investmentbank Goldman Sachs in London. Dort war sie beinahe fünf Jahre lang Händlerin im Bereich Equity Derivatives. Sie kündigte – und wurde Geschäftsführerin bei dem Payment-Anbieter Billpay. Nach einer langen Reise um die Welt und einer Ausbildung als Yoga-Lehrerin in Guatemala fing die 35-Jährige in diesem Jahr bei dem Fintech-Inkubator Finleap an.

Neben dem Startup hat Christine Kiefer sich nun noch eine neue Aufgabe vorgenommen: Sie zieht ein Fintech-Netzwerk für Frauen auf. Im Interview spricht sie über ihren Weg und erklärt die Ziele ihres neuen Projekts namens „Fintechladies“.

Christine, Du hast nach fast fünf Jahren als Investmentbankerin bei Goldman Sachs gekündigt. Warum?

Am Investmentbanking hat mich die Energie und die Leidenschaft gereizt, das war aufregend. Nach dem Crash 2008 war es aber nicht mehr dasselbe und irgendwann war einfach die Luft raus. Ich wollte etwas Neues machen. Also nahm ich einen Job bei BillPay als Geschäftsführerin an.

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Was war das Wichtigste, was Du bei Goldman gelernt hast?

Ich habe unseren Praktikantinnen immer eins mitgegeben: Verfolge mindestens eine Sache neben Deinem Job weiter, die Dir wirklich wichtig ist und die Dich glücklich macht. Wenn Du nur arbeitest und die Arbeit schlecht läuft, dann läuft auch Dein Leben schlecht. Für mich ist diese Sache das Tanzen. Ich war bei Goldman im Handel, meine Arbeitszeiten waren also an die Börsenöffnung gebunden. Dadurch war ich flexibler. Ich bin dann auch mal zwischen sieben und acht Uhr abends zum Tanzkurs und danach im Zweifel zurück ins Büro gegangen. Aber dieser Ausgleich ist einfach unglaublich wichtig. Die Zeit nehme ich mir heute noch – und das sage ich auch meinem Team.

Du hast gut verdient und hattest einen sicheren Job. Ist der Wechsel in ein Startup nicht ungewöhnlich?

Ja, natürlich! Man bekommt bei Goldman einen unbefristeten Vertrag, wenn man die ersten drei Jahre überstanden hat. Mich haben viele Freunde angerufen und gefragt, was ich denn nun machen würde und wie ich einen solchen Job aufgeben könnte. Lustigerweise sind mir mittlerweile einige gefolgt. Die Gründer von Scalable Capital waren früher zum Beispiel meine Trader-Kollegen bei Goldman Sachs und machen ihr Startup jetzt in München.

Gerade erst hast du ein Fintech-Netzwerk für Frauen gestartet. Gibt es dafür überhaupt genug potentielle Mitglieder?

Das hat mich Miriam Wohlfahrth, die Gründerin von RatePay, auch gefragt. (lacht) Sie habe ich als eine der Ersten um ihre Meinung zum Netzwerk gebeten. Jedenfalls: Je mehr man sich in der Branche bewegt, umso mehr Frauen entdeckt man. Und sie alle beschäftigen die gleichen Themen! Fintech ist stark reguliert, man hat häufig mit der Bafin zu tun und muss von Anfang an einen ganz anderen Grad an Professionalität und Genauigkeit abliefern als in so manch anderer Branche. Der Kontakt ist da total hilfreich.

Wer wird in das Netzwerk aufgenommen?

Ganz genau steht das noch nicht fest. Es werden aber nicht nur Gründerinnen oder Geschäftsführerinnen sein, sondern Frauen, die in Fintechs arbeiten. Dann soll es noch Workshops und andere Veranstaltungen geben, bei denen alle möglichen Interessierten kommen können. Heute Abend ist übrigens unser erstes kleines Dinner!

Wie soll das Fintech-Netzwerk den Frauen helfen?

Fintechladies soll die Möglichkeit geben, sich auszutauschen. Ich bin im Job nur unter Jungs. Versteh mich nicht falsch, mein Team ist super. Und ich bin auch daran gewöhnt. Ich war immer die einzige Frau im Team. (lacht) Bei Goldman Sachs zum Beispiel. Aber auch früher mochte ich schon Basketball und Skateboards und habe vor allem mit Jungs gespielt. An der Uni studierte ich Informatik und BWL mit Schwerpunkt Finanzmathe – da waren auch nicht viele Frauen unterwegs. Ich glaube, dass es vom Gefühl her einfach anders sein kann, mit Frauen zu reden, weil man sich besser identifizieren kann.

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Wie meinst Du das?

Ich höre gerne die Geschichten von Frauen, die erzählen, wie sie ihre Karriere gemeistert haben. Miriam hat zum Beispiel ein kleines Kind und ein Startup gegründet. Wir brauchen gute Vorbilder, die zeigen, dass das geht. Es hilft nicht, sich immer nur zu beschweren. Man muss selbst etwas ändern.

Mir liegt natürlich etwas daran, dass es weibliche Vorbilder im Fintech-Bereich gibt – und nicht nur beispielsweise im E-Commerce. Mehr Frauen sollen sich in die Branche wagen und sich denken ,Ach, das probiere ich auch mal!‘ Dann sollen sich natürlich nicht nur mehr Frauen für Finanzen interessieren, sondern auch für die Technologie dahinter. Mehr Programmiererinnen und Produktmanagerinnen wären toll.

Warum ist es wichtig, dass es Frauen in der Fintech-Branche gibt?

Wir bauen Fintech-Produkte für Menschen, unsere Kunden. Das sind Männer und Frauen, in die wir uns hineinversetzen wollen. Du lieferst natürlich ein besseres Produkt ab, wenn Dein Team divers ist – das ist ja nichts Neues mehr.

Merkst Du denn, ob Frauen langsam offener für diese Jobs werden?

Ja, langsam. Aber ich denke, eine solche Veränderung dauert einfach seine Zeit. Man wird sehr von seinen Eltern geprägt. Und je mehr Kinder von ihren Eltern mitbekommen, dass sie wirklich alles studieren können, umso mehr Frauen werden auch einen anderen Weg einschlagen. Meine Mutter war zum Beispiel noch ganz überrascht davon, dass ich Informatik studieren möchte. Für mich ist das hingegen kein Thema.

Danke für das Gespräch, Christine.

Bild: Laura Jost