Recorded Future sagt die Zukunft voraus

„It’s like Google meets Nostradamus“, das schrieb vor einigen Jahren der Boston Globe über Recorded Future. Für das Startup mit Büros in Boston, Arlington und dem schwedischen Göteborg arbeiten Computerspezialisten, Statistiker und Sprachwissenschaftler. Ihr Ziel: Ereignisse in der Zukunft voraus zu sagen. Und das auf Basis öffentlich im Netz verfügbarer Informationen.

Dafür werden täglich hunderttausende Quellen durchforstet, aus denen ein Algorithmus Vorhersagen generiert – und anschließend indiziert, gewichtet und verknüpft. In der Recorded-Future-Software können die Kunden des 2009 gegründeten Startups anschließend sämtliche Vorhersagen durchsuchen.

Für das Produkt von Gründer Christopher Ahlberg, einem ehemaligen schwedischen Elitesoldaten, interessieren sich vor allem zahlungskräftige Kunden, für die das Wissen um die Zukunft unschätzbar wertvoll sein kann: Konzerne, Hedgefonds – und Nachrichtendienste. Zu den Investoren von Recorded Future gehören unter anderem Google Ventures und In-Q-Tel, das VC-Unternehmen der CIA.

Ahlberg hat schon einmal eine Firma erfolgreich großgezogen und verkauft: 2007 gelang ihm mit der Business-Intelligence Firma Spotfire ein 195-Millionen-Dollar-Exit. Was er mit Recorded Future vorhat, erklärt Christopher Ahlberg im Interview.

Christopher, was macht Ihr bei Recorded Future?

Das Web ist zu einer unglaublichen Quelle an Information geworden. Aber bis jetzt konnten wir es nur durchsuchen. Ich will aber das Web analysierbar machen. Was wir machen, erlaubt den Leuten, mehr Daten berücksichtigen zu können. Anstatt zehntausend Dokumente zu lesen, können wir den Inhalt in Daten umwandeln, die man dann analysieren und visualisieren kann.

Das Werkzeug dafür ist ein Algorithmus zur Spracherkennung, richtig?

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Genau, das ist das Herz unseres Produkts, das der Nutzer nie zu Gesicht bekommt. Das funktioniert so: Wir nehmen ein Event, zum Beispiel, dass Angela Merkel am Freitag nach Madagaskar reist. Wir sehen das auf Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Farsi, Chinesisch, zehntausendmal. Das können wir zusammenziehen, verketten, und letztlich feststellen: Laut öffentlich zugänglicher Quellen reist Angela Merkel am Freitag nach Madagaskar.

Was noch nicht so aufregend ist. Das kann ich auch in der Zeitung lesen.

Klar. Das ist soweit eine nette, einfache Sache. Wobei sich herausstellen kann, dass es manchmal eben nicht so einfach ist. „Am Freitag“ kann eben heißen: Sie hat ihr Bein am Freitag gebrochen. Oder sie wird ihr Bein am Freitag brechen. Die Spracherkennung kann wirklich schwieriger sein als man denkt.

Wie geht es dann weiter?

Dann wird es interessant. Wir können fragen: Wohin ist Angela Merkel im Laufe des letzten Jahres gereist? Wohin wird sie reisen? Wohin wird die deutsche Regierung in einem bestimmten Zeitraum reisen? Oder was ist das für ein Unternehmen? Welche Märkte versucht diese Firma zu erschließen? Welche Produkte versucht dieses Unternehmen zu launchen? Wir arbeiten nur mit öffentlich zugänglichen Quellen. Kein Micky Mousy weirdo stuff. Es ist einhundert Prozent koscher. Wir respektieren die robots.txt, wir hacken nicht. Wir sammeln also viele kleine Fakten, die für sich genommen nicht besonders viel bedeuten. Aber uns geht es darum, die großen Muster zu erkennen. Das interessiert uns.

Wer sind eure Kunden?

Große, multinationale Unternehmen, Regierungsbehörden aus aller Welt, Universitäten, einige Nichtregierungsorganisationen. Alles hochentwickelte und anspruchsvolle Institutionen. Das heißt aber nicht, dass nur Physik-Nobelpreisträger unser Produkt bedienen können.

Was bekommen die Kunden – Beratung? Oder liefert ihr nur Rohmaterial, das die Kunden selbst analysieren müssen?

Ich stelle es mir gern vor als eine Art Bloomberg Terminal vor, das hunderttausende Quellen aus dem internet nimmt und in Daten verwandelt, die man dann analysieren kann. Wir verpacken die Rohdaten in eine Anzahl von Produkten: Wir haben ein Produkt für Cybersecurity, wir haben eines für Competitive Intelligence, wir haben eines, das sich mit Sicherheit auf der ganzen Welt beschäftigt, mit Unruhen und ähnlichem. Der Nutzer dieser Produkte kann ein Analyst sein. Wir haben auch eine kleine Gruppe in unserer Firma, die den Leuten bei der Analyse hilft, sie trainiert und anlernt. Aber wir sind keine Beratung.

Ihr seid vor gut vier Jahren gestartet. Was ist seitdem passiert?

Nichts, wir haben geschlafen. Quatsch. Eine ganze Reihe von Sachen sind passiert. Die Welt sich zu unserem Vorteil verändert: Alles passiert immer mehr in Echtzeit. Wir haben diese verrückten Situationen, wie bei bei dem Überfall auf die Westgate Mall in Kenia: Journalisten schreiben über das Ereignis. Aber auch die kenianische Regierung fährt ihre eigene Propagandakampagne. Und die Terroristen kommunizieren zur gleichen Zeit über Twitter. Man kann das information warfare nennen. Die Sache ist: Überall wird der information outcome wichtiger als der tatsächliche physical outcome. Das ist ein großer Trend. Und wir glauben, dass unsere Arbeit dadurch zehnmal wichtiger wird. Als Unternehmen haben wir uns mehr und mehr auf Cybersicherheit fokussiert.

Nicht alle Quellen sind gleich verlässlich. Twitter zum Beispiel kann ungeheuer nützlich sein, aber nicht alles stimmt, was dort geschrieben wird.

Wir haben beweisen können, dass man mit Twitter in bestimmten Bereichen besonders gute Vorhersagen treffen kann.

Das Problem ist aber doch: Wenn ein Twitter-Nutzer eine Falschinformation postet, kann das aufgenommen und verbreitet werden.

Wir schauen uns das an und fragen: Ist das eine aussagekräfte Wiederholung? Eine schlechte Wiederholung? Dafür gibt es bestimmte Charakteristika. Wenn John Gruber von Daring Fireball zum Beispiel schreibt, das neue iPhone wird blau, ich aber schreibe, es wird grün, dann hören die Leute eher auf John Gruber. Weil er früher schon recht hatte.

Wie ist dein Startup gewachsen in der Zeit?

Wir sind jetzt 45 Leute. Wir können unsere Kunden nicht nennen, aber wir können verraten: Drei der Top-Fünf-Konzerne der Welt sind darunter. Einige Top-Wissenschaftler sind dabei.

2010 wurde bekannt, dass Google Ventures und der VC-Arm der CIA in Dein Startup investiert haben. Dafür wurdet Ihr ziemlich kritisiert. Hat Euch das Investment geholfen oder geschadet?

Dollarscheine haben immer die gleiche Farbe, egal von wem sie kommen. Und kein VC wird dir als Gründer die Arbeit abnehmen. Wir kämpfen, wir arbeiten hart. Aber es ist gut, Leute zu haben, die einem helfen können. Unser Board-Mitglied von Google Ventures ist ein toller Mentor. Wenn wir mal ein Problem mit der Datenbank haben oder über Skalierung reden wollen, dann können wir uns an Google-Entwickler wenden. Diesen Input bekommen zu können ist großartig. Auf einer bestimmten Level war auch die Kontroverse gut. Jede PR ist gute PR. Es hat uns sicher nicht geschadet.

Gibt es auch Beratung von In-Q-Tel?

Ja, auf die gleiche Art und Weise. Das sind tolle Leute. Ich kenne die seit langer Zeit. Vor allem im Cybersecurity-Bereich kann man von ihnen viel lernen.

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Kannst du ein Beispiel nennen, wo Eure Vorhersagen richtig gut funktioniert haben?

Es gibt ein Beispiel aus jüngster Zeit, auf das wir stolz sind: die Unruhen im Nahen Osten vorauszusagen. Wir haben natürlich nicht vorhergesagt, dass der Arabische Frühling ausbrechen würde. Aber nachdem er begonnen hatte, konnten wir seine Ausbreitung analysieren, etwa: Wann wird es Unruhen in den Städten geben? Wir haben 37 verschiedene Städte im Nahen Osten untersucht. Und können dort Unruhen vorhersagen für bestimmte Zeiträume, mit der bemerkenswerten Treffsicherheit von 86 Prozent. Das sind großartige Ergebnisse. Wahrscheinlich ist das sogar das stärkste Resultat, das wir bisher erreicht haben.

Gab es Beispiele, wo eure Voraussagen total an der Realität vorbeigingen?

Was ich gerade beschrieben habe, ist ein Beispiel für ein wiederkehrendes Ereignis. Man kann ein Modell daraus basteln, die Treffsicherheit kalkulieren und so weiter. Ähnlich wie im Aktienmarkt. In unserem Geschäft geht es aber nicht so sehr darum, selbst Prognosen zu erstellen. Wir helfen anderen Leuten, Analysen zu erstellen. Natürlich gibt es Beispiele für Fehlprognosen. Die Leute denken dabei immer an die ganz großen Ereignisse: Geht eine Wahl so oder so aus? Aber so eine Vorhersage basiert nie auf nur einem Service. Die Person, die sich zum Beispiel im Außenministerium hinsetzt um ein Prognose über ein anderes Land zu schreiben, die wird dafür 45 verschiedene Quellen benutzen. Du machst das doch genauso als Journalist. Du vertraust nicht nur einer Quelle.

Im Idealfall ja.

Eben. Die Leute wollen immer nur einen Knopf drücken können und sofort eine Zahl bekommen. Sorry, aber die Welt ist nicht so einfach.

Du hast mal als Elitesoldat in den schwedischen Spezialkräften gedient. Beeinflusst das die Art und Weise, wie du arbeitest oder gründest?

Ich glaube, ich arbeite sehr hart. Ich bin sehr diszipliniert. Das ist wahrscheinlich ein Einfluss davon.

Bild: Gründerszene