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Traditionelles Crowdinvesting: Leere Stühle bei einer Siemens-Hauptversammlung

Es war mal eine schöne Vision: Die Finanzierung von Startups von der Basis aus zu regeln, weniger Macht für gierige Risikokapitalisten, mehr Power für die Crowd. Parallel zur dritten Welle der Internet-Startups Anfang des Jahrzehnts gewann in Deutschland auch die Idee des Crowdinvestings immer mehr Anhänger. Als das Hamburger Hardware-Startup Protonet 2014 zum zweiten Mal Geld über die Plattform Seedmatch einsammelte und mit den drei Millionen Euro, die in gerade mal 133 Stunden zusammenkamen, alle möglichen Rekorde brach, da hatte die neue Startup-Finanzierungsart ihren Höhepunkt erreicht.

Seit gestern ist klar: Auch der Crowd-Hoffnungsträger Protonet ist gescheitert, von ihrem eingesetzten Kapital können sich die Protonet-Investoren mit allergrößter Wahrscheinlichkeit verabschieden. Das Startup setzt eine Reihe spektakulärer Crowd-Pleiten fort:

Das Crowdinvesting steckt in der Krise. Das ist nicht wegzudiskutieren. Erst vor wenigen Tagen zeigte eine Auswertung: 2016 stagnierte das Volumen der Startup-Finanzierungen via Crowdinvesting erstmals, nur der Immobilienbereich wuchs noch kräftig.

Zwar verweisen die Marktführer Companisto und Seedmatch auf ihre insgesamt guten Ausfallquoten, die im Fall von Companisto beispielsweise bei nur zwölf Prozent liegt. Aber dass mit Returbo, Freygeist und Protonet innerhalb von wenigen Monaten gleich drei absolute Hochkaräter scheitern, das hat eine fatale Signalwirkung.

Es macht erstens noch einmal klar: Crowdinvesting ist eine Hochrisiko-Geldanlage. Daran ändern auch die über das gesamte Portfolio gesehenen guten Ausfallquoten nichts – denn kaum ein Crowd-Investor streut sein Geld über alle Startups einer Plattform, sondern pickt sich einzelne Investments heraus.

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Die zweite Folge der Pleitenserie: Die Finanzierungsart wird an Attraktivität verlieren, das Vertrauen in sie weiter schwinden. Zum einen bei den Anlegern, die zunehmend verstehen, dass ihnen viel eher der Totalverlust droht als dass sie die irren Erträge eines erfolgreichen VCs nachzeichnen könnten. Zum anderen bei den Startups, die sich sehr genau überlegen werden, welche Vorteile die Finanzierung über die Crowd gegenüber traditionellen Business Angels und VCs noch hat.

Denn das Vorurteil, dass es bei Crowd-Startups zur einer adversen Selektion oder negativen Auslese kommt, konnte nie sauber widerlegt werden. Das bedeutet, dass sich vor allem jene Jungunternehmen über Crowdinvesting finanzieren, die von klassischen Startup-Geldgebern entweder gar kein Kapital oder nur zu schlechten Konditionen bekommen würden.

Die Liste erfolgreicher Exits ist kurz – und jene alles überstrahlenden Startups, die in einem VC-Portfolio die schlecht laufenden und gescheiterten Investments ausgleichen würde, sucht man auf Deutschlands Crowdinvesting-Plattformen vergeblich.

VC-Investoren sind Profis. Auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen: Wer sich nur als Amateur mit Startup-Investments beschäftigt, der wird unter dem Strich in den allermeisten Fällen die schlechteren Entscheidungen treffen. Ist leider so: Die Crowd hat keine Ahnung.

Bild: Getty Images / CHRISTOF STACHE