Ein Gastbeitrag von Ewa Treitz, Unternehmerin und Investorin.

Immer mehr Konzerne auf der ganzen Welt richten Venture-Organisationen ein, um Zugang zu Technologien und Humankapital der schnell wachsenden Startups ihrer Branche zu bekommen. Solche Organisationen werden oft von jungen Teams geführt. Das Ziel: Sie sollen über den Tellerrand schauen und nach neuen Lösungen suchen, für die in F&E-Abteilungen ihrer Konzerne Kompetenzen fehlen oder nicht ausreichen. Alternativ gehen sie in Bereiche, die heute gar nicht zum Geschäft ihrer Konzerne gehören, die aber in Zukunft relevant werden könnten.

Gerade in den vergangenen beiden Jahren schossen Corporate-Venture-Capital-Organisationen (CVC) wie Pilze aus dem Boden: Weltweit gibt es mittlerweile etwa 1.500 davon. Allein 25 der 30 Dow-Jones-Unternehmen haben eine aufgezogen und im Jahr 2014 leisteten institutionelle Anleger fast 20 Prozent der gesamten Risikokapital-Investitionen in den USA.

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Der Trend ist also bedeutend. Deswegen wollte ich verstehen, wie Unternehmer die CVC-Investitionen sehen und warum sie sich um solche bemühen. Das nachvollziehen zu können, würde Konzernen helfen, bessere Investoren zu werden. CVC-Investoren werden oft von ihren VC-Kollegen kritisiert: Sie hätten unzureichende Investment-Kenntnisse und stellten das Eigeninteresse vor die Interessen des Startups.

Vergangenen Sommer habe ich also eine Umfrage aufgesetzt, die 88 Entrepreneure beantwortet haben. Das Ziel war, folgende drei Fragen zu untersuchen:

  • Warum wollen Unternehmer Konzerne als Investoren gewinnen?
  • Wie zufrieden sind sie mit ihren CVC-Investoren?
  • Wie sind ihre Erfahrungen mit CVCs im Vergleich zu VC-Investoren?

Dies sind die Top-Ten-Erkenntnisse:

  1. 80 Prozent der Startups sind froh über ihre Unternehmensinvestoren oder haben ihnen gegenüber eine neutrale Haltung. Müssten sie erneut entscheiden, würden sie wieder mit den gleichen Investoren zusammengehen oder strategische Investoren höher beteiligen.
  2. CVCs scheinen etwas bessere Bedingungen bei Finanzierungsrunden als VCs zu geben. Sie schließen Kapitalisierungslücken in einigen Sektoren, die von VCs nicht so intensiv bedient werden (insbesondere die Bereiche Chemikalien, Materialien sowie Hardware-Produkte).
  3. Die Zukunft der CVCs scheint positiv. Zwei Drittel der Startups glauben, dass sich CVC-Investitionen geringfügig oder deutlich über die nächsten Jahre erhöhen werden. Die meisten sind mit dem heute weit verbreiteten Inhouse-Modell von CVC zufrieden.
  4. Die meisten Startups (80 Prozent) hoffen in ihrem Corporate-Investor einen Kunden (50 Prozent) oder einen Vertriebspartner (30 Prozent) zu finden. Marktzugang und Erfahrung in der Vermarktung sind aus Sicht der Startups die beiden Hauptmotive für ein Investment. Marke und Kapitalzugang sind beinahe genauso wichtig. Zugang zum technischen Know-how des Konzerns ist signifikant, aber zweitrangig.
  5. Was tatsächlichen Mehrwert durch Konzerne betrifft: Fast alle Startups – außer im Bereich Enterprise Software – finden, es hätte mehr getan werden können, um ihnen beim Marktzugang zu helfen. Gerade Chemie- und Materialkonzerne hätten zu wenig bei der Vermarktung geholfen, dafür aber vor allem technisch unterstützt.
  6. 90 Prozent der Konzerne limitieren Exits nicht mehr (Right of First Refusal), was gute Nachrichten für Startups sind.
  7. 75 Prozent der Startups halten es für unwahrscheinlich, ihre Firma an einen ihrer Corporate-Partner zu verkaufen.
  8. Startups, die Funding von einem Corporate-Partner anwerben möchten, sollten mindestens sechs Monate für die Due Diligence einplanen (besser noch: neun). Außerdem sollten sie darauf vorbereitet sein, einige Exklusivitäten aufzugeben. Das gilt vor allem für Material- und Hardware-Lieferanten.
  9. Startups, die sich mit Bereichen beschäftigen, die für ihre Corporate-Partner komplett neu sind, werden Schwierigkeiten haben eine Zusammenarbeit mit dem Konzern einzugehen. Die erfolgreichsten Kooperationen entstehen in den Bereichen, die im Kerngeschäft der Konzerns liegen oder zumindest daran angrenzen, alternativ die bereits vor dem Investment begonnen haben.
  10. CVCs sind in vielen Dingen gut, allerdings nicht in ihren Aufsichtsrat-Verantwortungen und auch nicht darin, Investoren für spätere Runden zu gewinnen. Glücklicherweise können VCs das viel besser.

Da ich die die Umfrage hauptsächlich über meine CVC-Kollegen verteilt habe, die diese wiederum an die Startups gaben, sind die Antworten möglicherweise ein wenig verzerrt. Vielleicht kamen so vor allem Startups an die Fragen, die sowieso gut performen. Um diese Verzerrung zu korrigieren, habe ich weitere Unternehmer über LinkedIn kontaktiert, die Antwortrate war allerdings vergleichsweise gering.

Kontaktiert mich gern auf Twitter (@ewencja), solltet ihr Fragen oder Anmerkungen haben.

Übrigens: Eine detaillierte Zusammenfassung der Studienergebnisse einschließlich Kommentar findet ihr hier.

Titelbild: Gettyimages/Westend61