Hacker

Nein, ein „Startup-Wunder“ ist das natürlich nicht. Israel baut sehr bewusst und mit Hochdruck an seiner digitalen Zukunft. Bei unserem Besuch bei der Cyber Security Week in Tel Aviv und in der Ben Gurion Universität in Beer Sheva wurde klar, dass es sich bei der sogenannten „Startup-Nation Israel“ um ein konzertiertes Projekt handelt, bei dem der Staat, die Bildungseinrichtungen, die Armee und Firmen aus aller Welt mit viel Geld und Einsatzwillen an einem Strang ziehen, um später gemeinsam davon zu profitieren.

In Beer Sheva wird gerade das nächste riesige Projekt aus dem Boden gestampft. Hier, am nördlichen Rand der Negev-Wüste, soll eine digitale Weltmetropole entstehen. Die Welthauptstadt der Cyber Technologie. Das Ökosystem aus Universität, internationalen Firmen, Armee und Regierung wird durch eine Organisation koordiniert, die Cyberspark heißt. Diese zentrale Stelle soll die Kräfte intelligent bündeln und dafür sorgen, dass der nächsten Schritt zum digitalen Wunderland Israel gemacht wird.

Bis zu 25.000 Studenten sollen schon bald hier arbeiten

Beer Sheva

Überall sind in Beer Sheva Kräne im Einsatz, nur wenige Gebäude der ehrwürdigen Ben-Gurion-Universität sind älter als drei oder vier Jahre. Wohnquartiere werden in Rekordzeit hochgezogen. Die Mieten und Lebenshaltungskosten sind erheblich niedriger als in Tel Aviv, das nur etwas mehr als eine Autostunde entfernt ist. Es sollen noch viele neue Institute dazu kommen. An der Universität, die Staatsgründer Ben Gurion selber ins Leben rief, um Leben in die Wüste zu bringen, lernen derzeit bereits 10.000 Studenten. 20.000 bis 25.000 sollen es werden.

Im Mittelpunkt der Forschung an dieser Uni stehen traditionell die Wasserwirtschaft und Landwirtschaft in der Wüste. Überlebenswichtige Themen für Israel. Aber es gibt ein anderes Thema, dass in den vergangenen Jahren immer drängender geworden ist: Cybersecurity. Bereits jetzt gibt es in Israel 350 Startups, die sich mit Cybertechnologie beschäftigen. Im vergangenen Jahr wurden in diesem Bereich Umsätze in Höhe von sechs Milliarden Dollar generiert. Zu den bekanntesten Startups in diesem Bereich gehöre Cyberark und Checkpoint.

Kriege werden in Zukunft nicht mehr mit Bomben und Raketen geführt

Das Thema Cybersecurity haben die Planer nicht zufällig gewählt. Sicherheit wird in diesem kleinen Land seit jeher groß geschrieben. Kriegerische Auseinadersetzungen und Terror sind seit Gründung des Staates Israel an der Tagesordnung. Man wehrt sich mit einer sehr gut ausgebildeten, schlagkräftigen Armee. Doch seit einigen Jahren haben Regierung und Armeeführung erkannt, dass „Muskeln nicht ausreichen und es dazu ein großes Gehirn“ braucht, wie ein hochrangiger Armee-Chef erklärt.

Beer Sheva 2

In Windeseile entstehen neue Gebäude.

Denn Kriege, da sind sich hier alle sicher, würden in Zukunft nicht mehr mit Bomben und Raketen geführt, sondern mit den Mitteln des Cyberkrieges. Ziele seien dann Computer, die wichtige Infratsruktur wie Kraftwerke oder Wasserversorgung von großen Städten steuern. „Ich weiß, wie ich in zwei Stunden eine Stadt wie Tel Aviv zum Stillstand bringen könnte“, erklärt der ehemalige Chef einer Geheimdienstabteilung. „Aber das werde ich hier nicht erklären, sonst kommt noch jemand auf dumme Gedanken.“ Die Zuhörer schmunzeln. Der Vortragende nicht. Spätestens seit Stuxnet ist es ernst. Angriffe wie Wannacry mit sogenannter Ransomware sind hier in aller Munde.

Damit man diesen Angriffen in Zukunft begegnen kann, werden in Beer Sheva konsequent junge Leute für die Cyberarmee rekrutiert. Nach einem akribischen Auswahlprozess studieren dann nur die Allerbesten in der legendären Unit 8200 der Israel Defense Forces oder nach ihrem Wehrdienst an der Ben Gurion Universität. Beide Einrichtungen liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Anschließend wird versucht, Absolventen mit vielen Vergünstigungen in der Armee zu halten. Beispielsweise mit Mentoring-Programmen, mit denen sie in andere Firmen reinschnuppern können. Natürlich auch mit guter Bezahlung.

Das nächste Thema ist bereits identifiziert: Quantentechnologie

Trotzdem entscheiden sich sehr viele junge Leute, ein eigenes Startup zu gründen. Was im Anschluss an dieses Studium nicht besonders schwierig ist. Schon als Studenten kommen die zukünftigen Gründer mit allen Bereichen in Kontakt, die sie später brauchen. Mit Jerusalem Venture Partners sitzt ein starker Venture Capitalist vor Ort, große Firmen wie die Deutsche Telekom, PayPal oder Dell arbeiten eng mit den Studenten zusammen. Sie sind später mögliche Kunden der Startups. Auch die Armee und die Regierung kommen als Kunden in Betracht. Das sind ideale Bedingungen, um das eigene Geschäft aufzubauen.

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Modern und auf frische 20 Grad runtergekühlt: der Vorraum der Mensa

Die Präsidentin der Universität, Prof. Rivka Carmi, ist eine sehr praktische Frau. Sie sieht ihre Einrichtung ganz schlicht als Produktionsstätte für Ingenieure. Akademische Ideale werden im Handumdrehen den realen Gegebenheiten angepasst. So hat sie zum Beispiel keine Bedenken, dass die großen Firmen, die hier viel Geld investieren, das Curiculum bestimmen und einfach nur ihren eigenen Nachwuchs ausbilden. „Im Gegenteil. Wir machen mit der Zusammenarbeit nur die besten Erfahrungen. Es geht hier um praktische Themen.“ In Deutschland wäre das wohl nicht möglich.

Das nächste Thema neben der Cybersicherheit ist auch schon identifiziert. Es soll schon bald möglich sein, in Beer Sheva Quantentechnologie zu studieren. Man hat die Zeichen der Zeit erkannt. Und man reagiert entschlossen. Auch wenn in Deutschland andere Verhältnisse herrschen – man könnte von Israel lernen. Denn um ein Wunder handelt es sich hier nicht. 

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