Lügen

„Tell me lies, tell me sweet little lies.“ (Fleetwood Mac)

Der Artikel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Netzwerken. Endlich hatte jemand eine Erklärung für den Wahlsieg von Donald Trump. Eine Erklärung, die den eigentlich unerklärlichen Sieg des Populisten etwas erträglicher machte. Schuld sollen nämlich Algorithmen, soziale Netzwerke und überhaupt dieses ganze Big-Data-Zeugs gewesen sein, stand dort geschrieben. Die üblichen Verdächtigen eben. Eine Daten-Analyse-Firma mit dem schönen Namen Cambridge Analytica soll mit gezielten Postings, Mikrotargeting-Methoden und anderen geheimnisvollen Big-Data-Mechanismen Trump zum Sieger der US-Wahl gemacht haben. Doch die Geschichte erwies sich als maßlos übertrieben. Einzige Quellen für die Wirksamkeit der Methode waren die Chefs von Cambridge Analytica selber. 

Anzeige
An den Folgen dieses Artikels arbeiten sich Wähler, Parteien und deren Wahlkampfzentralen noch heute ab. Was ist Lüge? Wie kommen wir aus unserer Filterblase? Auf der Konferenz „Data & Politics“ am Kurfürstendamm in Berlin diskutierten vergangenen Freitag Wissenschaftler, Politiker, Berater, Wahlkampfmanager und Datenexperten über das Thema. Mathias Richel von der Digital-Agentur „Torben, Lucie und die gelbe Gefahr“ bezeichnete die Thesen des Artikels als „linke Verschwörungstheorie“. Der Mann, der in der Vergangenheit für SDP Online-Wahlkämpfe zuständig war, und seine Kollegen bemühten sich, die Sachlage realistischer darzustellen: „Es ist sehr einfach, die Technik für etwas verantwortlich zu machen. Denn die Menschen verstehen zu wenig von Technik.“

Und dann kam die Nachricht mit den Chatbots

Ausgerechnet am Tag der Diskussion über die Auswirkungen von Datenanalyse und den Einsatz von Big Data im Wahlkampf in Deutschland gab es am Morgen die Nachricht, dass die CDU Chatbots einsetzen werde. Aber es zeigte sich, dass man Wissen braucht, um so eine Nachricht beurteilen zu können. Denn Chatbots sind nämlich etwas anderes als Social Bots. Social Bots imitieren menschliche Nutzer, verbreiten Meinungen und verschaffen so gewissen Thesen mehr Aufmerksamkeit in den Netzwerken und Medien, als sie ohne den Einsatz dieser Bots gehabt hätten. 

Chatbots werden dagegen eingesetzt, um zum Beispiel Anfragen von Nutzern automatisch zu beantworten. Das klappt hier und da schon ganz gut. Am besten dort, wo vorauszusehen ist, welche Fragen die User stellen werden. Die Diskutanten waren sich jedenfalls einig, dass nichts dagegen spräche, einen Versuch in diese Richtung zu unternehmen. Dafür grenzten sich Dr. Stefan Hennewig, der Leiter Bereich Kampagne und Marketing der CDU, und Robert Heinrich, Wahlkampfmanager von Bündnis 90/Die Grünen, gemeinsam von den rustikalen bis schmutzigen Wahlkampfmethoden in den USA ab. 

„Die wichtigste Ware ist Glaubwürdigkeit“

Mark Seibert, der für die Linke Wahlkampf gemacht hat, auch: „Wir machen keinen schmutzigen Wahlkampf. Dafür sorgen höchstens Akteure von außen.“ Wen er damit meint, ließ er offen. Heinrich sieht es genau so: 
„Unsere wichtigste Ware ist die Glaubwürdigkeit. Egal, welche technischen Möglichkeiten man hat. Ich habe Abscheu vor den US-Methoden. Das ist widerlich. Man muss pragmatisch sein, aber es gibt Grenzen.“ In den USA seien zum Teil Lügen verbreitet worden, um den Gegner zu kompromittieren. In Trumps Sprachgebrauch heißen diese Lügen oft „alternative Fakten“.

Anzeige
Aber auch im deutschen Wahlkampf stellt sich die Frage, was an den verbreiteten Inhalten dran ist. Seibert: „Wahlkampf ist eigentlich auch nur Fakenews. Aber das durchschauen doch alle. Wir müssen uns allerdings fragen: Was kann man machen, bevor es richtig schmutzig wird. Damit man sich am nächsten Morgen noch im Spiegel anschauen kann. Wir brauchen dringend aufklärerische Aspekte in den Kampagnen.“ Heinrich bestätigt: „Alles wurde immer schon zugespitzt. Die Wahrheit zurechtgebogen. Das ist alles nicht neu. Aber es gibt eine neue Qualität: platte, schlichte Lügen.“ Mit den technischen Mitteln hat das offenbar nicht viel zu tun. Die Lügen würden sich heute über die Netzwerke lediglich noch schneller verbreiten. 

Genauer hinschauen, was man verbreitet

Für den deutschen Wahlkampf haben sich die Grünen auf Leitlinien geeinigt. Es gibt für ihre Wahlkampfwerbung einen klare Absender, keine anonyme Werbung. Es werden keine Meinungsroboter wie Social Bots eingesetzt und keine Lügen verbreitet. An das Publikum wurde appelliert, noch genauer hinzuschauen, was man in den Netzwerken weiterverbreitet.

Dass auch die Wahlkampfmanager nicht ganz frei davon sind, fragwürdige Inhalte zu verbreiten, zeigte Mathias Richel in seinem Schlusswort. Er behauptete, dass die Medien in ihrer Berichterstattung über die aktuelle Forsa-Umfrage verschwiegen hätten, dass es 28 Prozent Unentschlossene in Bezug auf die kommende Bundestagswahl gäbe. Eine schnelle Google-Suche hätte gezeigt, dass das nicht stimmt. Und Sätze, die mit „die Medien“, „die Deutschen“, „die Parteien, „die Politik“ anfangen, sind ohnehin nur in den seltensten Fällen zutreffend. 

Foto: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Kathleen Tyler Conklin