Die Wörter Sicherheitslücke, Leck und Kundendaten lese ich häufig, sie betreffen mich aber normalerweise nicht. Oft haben solche Geschichten mit Banken, Seitensprungportalen oder Online-Händlern zu tun. Jede einzelne ist ein Skandal, ärgerlich für die Beteiligten, doch glücklicherweise weit weg von mir. Bis jetzt. Denn wie ich auf Netzpolitik.org lese, gab es beim Putzportal Helpling eine Sicherheitslücke – also bei dem Unternehmen, das seit ein paar Monaten meine Wohnung sauber hält.

Das Startup von Rocket Internet vermittelt Reinigungskräfte an private Haushalte. Das Ziel: dem Schwarzmarkt Konkurrenz machen. Damit legte Helpling vor zwei Jahren in Deutschland einen fulminanten Start hin. Heute ist das Unternehmen in neun Ländern aktiv, hat etwa 200 Mitarbeiter und 56 Millionen Euro an Wagniskapital eingesammelt. Tausende Kunden verlassen sich auf die Dienste des Portals – es geht um ihre Daten.

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Laut Netzpolitik.org habe man auf Rechnungen anderer Kunden zugreifen können, wenn man auf der Plattform eingeloggt gewesen sei. Dafür musste man in der Adresszeile des Browsern die fortlaufende Nummer hinter der eigenen Rechnung erhöhen. Dann wurde einem die Rechnung eines anderen Kunden angezeigt. Anschrift, Stockwerk, Kundennummer, Rechnungsnummer, Frequenz, in der geputzt wird, Anzahl der Stunden und Kosten, Anschrift der Reinigungskraft, zum Teil auch auf deren Steuer-ID – alles ersichtlich. Zwar behob Helpling den Fehler nach Bekanntwerden in nur wenigen Minuten. Aber trotzdem waren offenbar mehrere Wochen lang die Rechnungen einsehbar.

Es ist nicht die erste schlechte Nachricht über Helpling. Die letzte Finanzierung ist bereits mehr als ein Jahr her – offensichtlich kann das Vorzeige-Unternehmen von Oliver Samwer nicht mehr so leicht Investoren von sich überzeugen. Außerdem ist Helpling eines der wenigen Startups, das komplett auf Freiberufler setzt, wie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mehrfach kritisierte. Dennoch bin ich seit ein paar Monaten Helpling-Kunde.

Ich arbeite gerne und viel und habe einen kleinen Sohn, der regelmäßig die Wohnung verwüstet. Eine Kombination, bei der man sich schnell überlegt, eine Reinigungshilfe zu engagieren – vor allem, wenn das Kind gerne beim Putzen mithilft, den Eimer mit Wischwasser umkippt, beim Staubsauger den Stecker zieht und Schubladen aus- statt einräumt. Meine erste Putzkraft wurde vom Arbeitsamt geschickt und hatte keine Lust auf Saubermachen. Sie klaute mir 40 Euro, bevor sie gar nicht mehr auftauchte und meine Anrufe am Telefon wegdrückte. Die nächste Putzkraft kaufte mit meinem Geld so viele Reinigungsmittel, dass ich heute noch jedes Fenster mit einem anderen Glasreiniger saubermachen könnte. Die Haushaltshilfe danach wollte nur schwarz arbeiten. Und die danach auch.

Deshalb putzt nun ein Helpling-Beschäftigter alle zwei Wochen bei mir. Er ist wie die freundlichen Putzengel aus der Werbung: lächelnd, anpackend, mit einem grünen T-Shirt, auf dem Helpling steht. Wenn er fertig ist, glänzt die Spüle, der Boden ist bröselfrei und das Bad ist wieder so, dass ich mich gerne in die Wanne lege. Ich vertraue ihm – Fremden da draußen allerdings nicht.

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Wer weiß, wann wo geputzt werden soll, kann sich theoretisch als Reinigungskraft ausgeben, schreibt Netzpolitik.org. So kommen Kriminelle möglicherweise an den Wohnungsschlüssel ran. Eine Horrorvorstellung, sicher nicht nur für mich. Zwar versichert mir Gründer Benedikt Franke am Telefon, dass er so ein Szenarium für sehr unrealistisch hält. Schließlich kenne man die Person ja in der Regel, die bei einem putzt. Dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl.

„Wir haben einen Fehler gemacht“, gibt Franke unumwunden zu. Bei einer Systemumstellung Anfang Juni sei es zu der Sicherheitslücke gekommen. Zahlungsinformationen seien nie betroffen gewesen. Kein Kunde müsse also seine Zahlungsdaten ändern oder gar seine Kreditkarte sperren lassen. Immerhin, denke ich mir. Franke verspricht: Das Unternehmen tue alles, damit so etwas nicht mehr vorkomme.

Soll ich das glauben? Eher nicht. Man geht wohl ein Risiko ein, wenn man seine Daten einem noch jungen Unternehmen anvertraut. Einem, das die Technik häufig updaten muss, um Arbeitsprozesse zu optimieren. Dass da Fehler passieren können, ist unschön, aber nachvollziehbar. Wahrscheinlich schaue ich mir in Zukunft nicht nur die Reinigungskräfte genauer an, die ich in meine Wohnung lasse, sondern auch die Vermittler.

Bild: Gründerszene / Michael Berger