Headphones

Es braucht wohl noch etwas Zeit. Obwohl das Angebot überwältigend klingt: Für den Preis einer CD vom Grabbeltisch gibt es einen Monat lang Musik aus dem Handy oder Computer für rund zehn Euro. Zur Auswahl stehen 40 Millionen Songs. Oder ein paar Millionen mehr.

Trotzdem hören derzeit nur knapp drei Prozent aller Fans ihre Musik über sogenannte Streamingdienste. Aber alle Experten gehen davon aus, dass CDs und Downloads schon bald von der Bildfläche verschwinden werden. In der Musikstreaming-Branche wird exponentielles Wachstum erwartet. Die Langspielplatte aus Vinyl erlebt nebenbei eine Wiederauferstehung – als analoge Gegenbewegung zur allgemeinen Digitalisierung.

Wie teilt sich der Streaming-Markt der Zukunft auf? Die großen Player sind derzeit Spotify und Apple Music. Apple ist mit seinem Dienst später gestartet, holt aber schnell auf, weil die Kreditkarte der Kunden ja bereits im App-Store hinterlegt ist und man als Apple-User gerne vom nahtlosen Rundum-Paket über alle Geräte profitieren möchte. Inzwischen sind auch Amazon und Google mit ihren Angeboten im Rennen.

Dazu kommen kleinere Wettbewerber wie Tidal mit seinem Versprechen, das hier die Musik höher aufgelöst gestreamt wird und dadurch besser klingt; das Berliner Startup SoundCloud, das gerade erst mit einem Premium-Abo in Deutschland gestartet ist und sich durch seinen Indie-Schwerpunkt absetzen will; und Deezer, 2007 in Frankreich gegründet und heute immerhin zehn Millionen Nutzer stark.

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Die kleinen Player sind gezwungen, kreativ zu sein

Wer wird das Rennen gewinnen? Wo sind die Unterschiede im Angebot? Auch der Kenner der Materie hat Schwierigkeiten, hier den Überblick zu behalten. Ein paar Millionen Songs mehr oder weniger spielen für den Normal-Hit-Hörer überhaupt keine Rolle. Die Preise sind ähnlich, Look and Feel der Apps ebenfalls. Zumindest die kleineren Player sind also gezwungen, sich etwas einfallen zu lassen, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

Deezer begann einst als Startup von ein paar Freunden, die Musik austauschen wollten. Über die Jahre ist daraus eine respektable Firma in der Nähe der Galeries Lafayette an der Pariser Prachtstraße Boulevard Haussmann geworden. Die mit Abstand meisten Deezer-Hörer sitzen immer noch in Frankreich, auch Großbritannien ist ein Schwerpunkt.

Deezer wächst ansehnlich, genaue Zahlen will man aber nicht veröffentlicht sehen. Aber der Dienst will raus aus seiner Nische und will sich den Schwergewichten nicht geschlagen geben. Seit 2015 ist übrigens Hans-Holger Albrecht CEO des Unternehmens — der Bruder der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Eine automatische Playlist, die den Hörer durch den Tag trägt

Die Strategie von Deezer kann man in einem Satz zusammenfassen: „Wir geben dem Nutzer zu jeder Zeit und in jeder Situation des Tages automatisch die richtige Musik.“ Den persönlichen Soundtrack zum Leben. Die Maschine, die das leisten soll, hat einen Namen: Flow. Flow beruht auf einem lernenden Algorithmus, der die Hörgewohnheiten des Nutzers registriert und daraus eine automatische Playlist zusammenstellt. Orientiert an den Tageszeiten und an den Orten, an denen ich mich aufhalte – und meinen Plänen für den Tag. Also eher energetische und optimistische Musik am Morgen und ruhige, nachdenkliche Songs am Abend. Für die Arbeitszeit vielleicht Ambient-Musik ohne Gesang. Dabei werden auch Songs und Interpreten, die der Hörer noch nicht kennt, berücksichtigt, damit es nicht langweilig wird.

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SoundCloud, zuletzt gebeutelt, feiert heute den Launch seines Premium-Dienstes in Deutschland. Ist die Partylaune angebracht? Fragen an CEO Alexander Ljung.

Künstliche Intelligenz ist im Alltag angekommen. Ein Datenteam ist ausschließlich damit beschäftigt, auszuwerten, wo wer welche Musik hört. Auf dem Stadtplan von Paris kann man sehen, wo die wohlhabenden Menschen wohnen. Denn dort wird in erster Linie klassische Musik gehört. In Stadtteilen, wo das Einkommen eher unterdurchschnittlich ist, liegt Rap und Hip-Hop ganz vorne. Die Deezer-Redaktion und der Flow-Algoritmus können so das passende Programm für jeden einzelnen Hörer zusammenstellen. Nutzer können den Mechanismus verbessern, indem sie unerwünschte Musik skippen oder angeben, was ihnen besonders gut gefallen hat.

Gleich geht’s in die U-Bahn, im Hintergrund läuft der Download

Dazu will Deezer den Kunden eigene Inhalte zur Verfügung stellen. Das können Audiodokumentationen sein, Talkshows oder aufwändige Podcasts. Außerdem denken die Macher darüber nach, ob morgens zwischen den Songs Wetter, Nachrichten und Verkehrslage eingespielt werden könnten. Für den Nahverkehr sollen dann irgendwann Songs für die Dauer der Fahrt in der U-Bahn heruntergeladen und vorgespeichert werden können (ein Feature, das etwa auch zum neuen SoundCloud-Abo gehört). Damit die Musik auf dem Weg zur Arbeit nicht abbricht.

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Deezer legt Wert darauf, dass Musik im Mittelpunkt aller Bemühungen steht. Im Pariser Büro treten ein oder zwei Künstler pro Woche live auf. Unbekannte Musiker sollen die Möglichkeit bekommen, sich prominent auf Deezer zu präsentieren. Welche Band hier eine Chance bekommt, entscheiden die Deezer-Redakteure.

Die von Musikern oft geäußerte Kritik, dass Streamingdienste ihnen zu wenig Geld zahlen, wird bei Deezer durchaus wahrgenommen – aber an die Plattenfirmen und Labels weitergereicht. 70 Prozent der Einnahmen würden an die Labels ausgezahlt, heißt es. Was diese mit dem Geld machten, sei nicht beeinflussbar.

In den kommenden Jahren wird es darum gehen, dass die Musikstreamer ein flüssiges Musikerlebnis bieten. Egal, wo wir uns gerade aufhalten und ob wir einen Kopfhörer aufsetzen oder nicht, in der Wohnung, im Büro oder auf dem Weg durch die Stadt – unsere ganz persönliche Musik muss immer dabei sein, wenn wir es wollen. Und es werden sich ganz viele Liebhaber fragen, wie sie eigentlich vorher Musik gehört haben.

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Whitfield-In-World