Der Blogger Wassilios Kazakos

Es war ein Tag, an dem Schlagzeilen wie diese das Nachrichtengeschehen bestimmten: „Deutschland will Griechenland an kurze Leine nehmen“. Dieser 3. November 2012 war der Tag, an dem es Wassilios Kazakos mit den schlechten Nachrichten aus Griechenland reichte. Er veröffentlichte auf seinem deutschem Blog den ersten Bericht über ein griechisches Startup. Ein Kontrapunkt zur hitzigen Diskussion über Hilfskredite für Griechenland. Konkrete Erfolgsgeschichten gegen die Klischees.

Seitdem ist Kazakos – in Frankfurt und Athen aufgewachsen – zu einem griechischen Startup-Botschafter in Deutschland geworden. Der Informatiker hat in Karlsruhe das Unternehmen Disy Informationssysteme mitgegründet. In seiner Freizeit schreibt er weiter auf seinem Blog „Eulen aus Athen“ über die griechische Startup-Szene. Was treibt diesen Mann an?

Wassili, wie kommt es, dass du seit mehreren Jahren in Deutschland über griechische Startups bloggst?

Angefangen habe ich aus Neugier. Es war mitten in der europäischen Finanzkrise und die Spannungen zwischen Deutschland und Griechenland waren groß. Da ich hier in Deutschland natürlich oft darauf angesprochen worden bin, wollte ich wissen, was es sonst noch Interessantes aus Griechenland zu berichten gibt. Und als Informatiker und Unternehmer bin ich sowieso an innovativen Ideen interessiert.

So begann ich, mich mit der griechischen Startup-Szene zu beschäftigen, als Freizeitprojekt auf meinem Blog „Eulen aus Athen“. Ich habe einfach ein bisschen gegoogelt und gleich das erste Startup angeschrieben. Kurze Zeit später habe ich den Gründer per Skype interviewt. Das erste Startup war übrigens Noowit, ein interessanter Technologieansatz, um individualisierte Online-Zeitschriften mit Hilfe von künstlicher Intelligenz zu schaffen.

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Was für Rückmeldungen hast du auf deine Texte bekommen?

Die Leser zeigten eine Mischung aus Neugier und Verwunderung. Aber das war auch mein Ziel. Ich schreibe schließlich über eine in Deutschland wenig bekannte Facette Griechenlands. Griechenland ist ein Land mit extrem hohem Ausbildungsgrad und einem im europäischen Vergleich überdurchschnittlichen Drang zur Selbstständigkeit. Noch dazu gibt es in Griechenland eine lange Tradition des unternehmerischen Handelns und der internationalen Vernetzung über Studium und Diaspora. Inzwischen werde ich immer öfter von Journalisten und Investoren aktiv angesprochen. Wenn ich kann, stelle ich gerne Kontakte zu den griechischen Unternehmen her oder gebe Auskunft. Ich bin dadurch zu einer Art Startup-Botschafter geworden.

Wie ist denn die Lage der griechischen Startups?

Abgesehen von der hohen Abgabenlast und den bekannten aktuellen Schwierigkeiten griechischer Banken ist das vermutlich größte Problem die anhaltenden Kapitalverkehrskontrolle. Das führt beispielsweise dazu, dass Kunden plötzlich Abos nicht mehr per Kreditkarte bezahlen können, weil ein vorgegebenes Limit erreicht wurde. Oder Startups selbst sind nicht mehr in der Lage Services im Ausland zu bezahlen. Inzwischen sind die Kontrollen gelockert, aber das Grundproblem ist natürlich deswegen nicht weg. Stockende oder ausbleibende Einnahmen sind für ein Startup Gift. Die Investitionslage hat sich dagegen stark verbessert. Inzwischen gibt es in Griechenland auch immer mehr Business Angels und Fonds. Eine Seed-Finanzierung bekommt ein Startup schon viel einfacher als noch vor fünf Jahren. Hardware-Startups haben es allerdings schwieriger. Und für die Series A oder B gehen die meisten Startups in die USA oder nach England.

Wer sind die Hoffnungsträger in der griechischen Startup-Szene?

Jedes Jahr entstehen etwa 500 neue Startups – und da ist es schwierig einen Hoffnungsträger auszumachen. Ich lasse mir jeden Monat eine Essensbox mit griechischen Delikatessen von MonthlyFlavors zuschicken. Privat und geschäftlich buche ich Reisen regelmäßig mit Tripsta, die mit mehr als 200 Mitarbeitern ein echter europäischer Player geworden sind, und unseren Firmennewsletter haben wir kürzlich auf Moosend umgestellt. Alles erfolgreiche und international tätige griechische Startups.

Sehr erfolgreich bei Software für Human Resources ist Workable aus Athen, ein Startup, das den Prozess zur Abwicklung von Bewerbungen komplett in die Cloud verlegt hat. Workable expandiert inzwischen massiv in die USA und wird dieses Jahr noch auf 80 Mitarbeiter anwachsen. Es gab auch schon einige Exits, wie beispielsweise Bugsense, eine Cloud-basierte Software zu Analyse von Fehlern auf Smartphones. Bugsense wurde vom amerikanischen börsennotierten Unternehmen Splunk übernommen.

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Wie konnte die Verbindung zwischen der deutschen und griechischen Startup-Szene in Zukunft aussehen?

Ich finde die Zusammenarbeit mit den Niederlanden könnte ein Vorbild dafür sein: Die niederländischen Botschaft in Athen hat einen sehr aktiven Inkubator direkt im Botschaftsgebäude gestartet – das Orange Grove. Das funktioniert sehr gut. Warum nicht einen Inkubator für deutsche Startups in der griechischen Botschaft in Berlin – oder umgekehrt? Bei meiner Arbeit als Blogger merke ich, wie ich bei griechischen Startups Werbung für Deutschland machen muss. Als größtes Land Europas sollte Deutschland eigentlich ein attraktiver Markt für griechische Startups sein – ist es aber offensichtlich nicht. Ich beobachte leider, wie viele tolle Startups aus Griechenland, eher nach England, in die USA und sogar nach China expandieren. Daher will ich auf beiden Seiten helfen, Brücken zu bauen.

Bild: privat