Die Hauptfigur im etwas – ähm – kitschigen Rumer-Video.

Kontoeröffnung am Frühstückstisch

Wir hier bei Gründerszene tun ja alles für unsere Firma. Also am samstäglichen Frühstückstisch noch schnell die Haare und den Reisepass zurechtgelegt – und schon bin ich mit einer freundlichen jungen Dame per Facetime verbunden. Im Gegensatz zu mir sieht sie frisch, ausgeschlafen und ziemlich gut gelaunt aus. Zuerst schickt sie mir einen Code auf mein Handy, den ich eingeben muss, um mich zu identifizieren. Dann führt sie mich mit ihrem süddeutschen Akzent durch die Prozedur. Der Reisepass wird ferngesteuert fotografiert, das Hologram per Frontkamera gecheckt. Ein paar Minuten später ist mein Girokonto beim Fintech-Startup Number26 eröffnet.

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Die Number26-Kreditkarte hatte ich bereits einige Tage zuvor per Post bekommen. Sehr stylish in schwarz und durchsichtig. Und die App zeigt jetzt meinen aktuellen Kontostand an: 0,00 Euro. Kredit gibt es nicht. Man muss erst Geld auf das Konto überweisen, um die Karte zu nutzen. Dann sollen aber alle Geschäfte schnell und unkompliziert über die App abgewickelt werden können. Die Gründer Maximilian Tayental und Valentin Stalf sagen über ihr Produkt, es sei Europas modernstes Girokonto. Aber erst mal braucht man Geld. Das hat sich leider noch nicht geändert. Wir bleiben dran.

Geld brauchen auch die Griechen. Die ganze Woche ging es zwischen der neuen Regierung und der EU hin und her. Die Reisetätigkeit von und nach Brüssel erreichte neue Höhepunkte. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble reichen die Signale aus Athen nicht, er sagt „Nein!“ Schäuble: „Dann war’s das eben, dann ist es vorbei.“ Belgien, Finnland und Litauen haben sich inzwischen seiner Sicht angeschlossen. Die Franzosen halten dagegen. Wer hat da eben „ausgerechnet die Franzosen“ gesagt? Das erste Wahlversprechen haben die neuen Regierungschefs in Griechenland jedenfalls schon kassiert. Sie wollen weitere Überwachungen durch die Europäische Union, die Europäische Zentralbank und den Internationalen Währungsfonds aktzeptieren. Ja, genau. Aus dem Griff dieser Troika wollte sich Ministerpräsident Alexis Tsipras eigentlich befreien.

Sehr nachdenklich hat uns das neue Buch „Schwarmdumm“ des Geradeausdenkers und Netzphilosophen Gunter „Wild Duck“ Dueck gemacht. Dueck schreibt, dass uns die moderne Arbeitswelt dumm macht. In weiten Teilen liest sich sein Text wie die Antithese zu den meterhohen Bücherstapeln über modernes Management. Das ist sehr erfrischend und bestätigt alle, die schon immer das dunkle Gefühl hatten, dass persönliches Engagement und Liebe für das Produkt nicht durch Berichtswesen, KPIs oder wöchentliche Zielerreichungsgespräche ersetzt werden können. Wir fühlen uns jedenfalls nach der Lektüre schon erheblich schlauer und haben den Kampf gegen die Schwarmdummheit bei Gründerszene aufgenommen.

Den Kampf mit der Digitalisierung hat jetzt auch die ehrwürdige New York Times aufgenommen. Fresh! Der neue Chefredakteur Dean Baquet verändert den jahrtausendealten Workflow und hat kraftvoll entschieden, dass bei zukünftigen Redaktionskonferenzen nicht mehr der obere Teil der Titelseite der gedruckten Ausgabe im Vordergrund steht. Stattdessen soll ab sofort diskutiert werden, welche Artikel auf der Website besonders prominent platziert werden. Ok. Jetzt ist es so weit. Es wird ernst mit dem Internet. Einige waren da wohl einen Hauch schneller…   

Uns fehlt heute der heilige Ernst, denn da gab es am Donnerstagabend noch diese Party. Auf unserer Spätschicht in Berlin traf sich die Startupszene – und einige meiner Kollegen haben offenbar noch etwas länger über die Digitalisierung diskutiert. Treffpunkt war dieses Mal der rockige Roadrunner’s Club in Prenzlauer Berg. Wer da keinen doppelten Whiskey auf Eis getrunken hat, wird es nirgendwo tun. Jedenfalls sind viele Augen heute klein – und die Taschen voller Visitenkarten. Statt Konterbier werden sehr stilles Wasser und gebratene Nudeln mit Tofu gereicht. Danke, dass so viele von euch dabei waren. Wir freuen uns jedenfalls auf die nächste Spätschicht. Und hier wie immer die Musiktipps zum Wochenende:

Zum Staunen. Musikalisch und logistisch ein Meisterwerk. Nils Frahm: Hammers.

Zum Aufwachen. Ein linker Haken direkt auf die Zwölf. Sleaford Mods: Jolly F+cker.

Zum Gebäck am Sonntagnachmittag. Die schwimmt sogar in Milch. Rumer: Dangerous.

Und hier noch ein paar Impressionen der gestrigen Spätschicht:

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Die erste Berliner Spätschicht in diesem Jahr fand im Roadrunner's Paradise Club statt.

Artikelbild: Screenshot / Youtube; Fotogalerie: Michael berger/Gründerszene