Dieser Buchauszug stammt aus dem Buch "XYZ". Das Werk von XYZ erschien im Redline Verlag und schildert die spannende Geschichte des XYZ. Im Bild: Die drei Airbnb-Gründer Nathan Blecharczyk, Joe Gebbia und Brian Chesky

Dieser Buchauszug stammt aus dem Buch „Die Airbnb Story: Wie drei Studenten die Reiseindustrie revolutionierten“. Das Werk von Leigh Gallagher ist im Redline Verlag erschienen und schildert die spannende Geschichte der Unterkünfte-Plattform. Im Bild: Die drei Airbnb-Gründer Nathan Blecharczyk, Joe Gebbia und Brian Chesky

Der Gründungsmythos von Airbnb ist im Sagenschatz von Silicon Valley und darüber hinaus heute fest verankert: Oktober 2007. Zwei arbeitslose Kunsthochschulabsolventen, die Geld für die Miete ihrer Dreizimmerwohnung in San Francisco auftreiben müssen, entschließen sich, einer verrückten Idee nachzugeben, und vermieten während einer großen Designtagung, als die Hotels der Stadt völlig ausgebucht sind, einige Luftmatratzen auf dem Fußboden als Schlafplätze. In manchen Kreisen ist diese Anekdote tatsächlich schon ebenso sehr ein Mythos wie ältere Gründungslegenden: Bill Bowerman gießt Flüssig-Urethan in das Waffeleisen seiner Frau – das Waffelsohlenprofil der Nike-Sneakers ist geboren. Oder: Bill Hewlett und Dave Packard löten in Packards Garage, inzwischen ein sagenumwobener Ort, einen Audio-Oszillator zusammen.

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Die Airbnb-Story von Leigh Gallagher, Redline Verlag

In der Realität hat die Airbnb-Story bereits einige Jahre früher und 5000 Kilometer weiter östlich in Providence, Rhode Island, angefangen, und zwar in einem Studio auf dem Gelände der Rhode Island School of Design im Sommer 2004. Brian Chesky und Joe Gebbia, zwei Designstudenten – Gebbia absolvierte damals das vierte Jahr eines fünfjährigen Doppelstudiengangs Industrie- und Grafikdesign und Chesky hatte gerade seinen Abschluss gemacht –, nahmen an einem Forschungsprojekt der Hochschule mit der Conair Corporation teil, die Elektrokleingeräte wie etwa Haartrockner herstellt.

Es kam oft vor, dass Privatunternehmen Aufträge an die Hochschulevergaben, um das kreative Potenzial der Studierenden zu nutzen. In diesem speziellen Programm arbeiteten Studentengruppen jeweils sechs Wochen lang praktisch ausschließlich am Design für ConairProdukte. Es fand zwar in den Räumen der Hochschule statt, aber das Unternehmen war Rechteinhaber aller Produktentwürfe; die Studierenden erhielten als Gegenleistung nicht nur Erfahrung in der echten Arbeitswelt, sondern auch eine echte Entlohnung. Am Ende des Programms würden sie ihre Designkonzepte dann in einer richtigen Präsentation den Conair-Managern vorstellen.

Die Teilnehmer arbeiteten in Zweiergruppen, und Chesky und Gebbia hatten sich zusammengetan, weil sie einander bereits vom Hochschulsport her gut kannten. Chesky führte die Eishockeymannschaft der RISD, und Gebbia hatte das Basketballteam gegründet. Sport war für die Studierenden der Hochschule zwar, milde gesagt, eher zweitrangig, aber diese beiden waren entschlossen, das Ansehen ihrer jeweiligen Mannschaften aufzuwerten, und konzipierten gemeinsam eine ehrgeizige Werbekampagne: Sie warben um Spenden, entwickelten ein Trainingsprogramm, entwarfen neue Trikots und dachten sich weitere kreative Gags aus – einschließlich einer Prise Fäkalhumor –, damit die Mannschaften als frech und respektlos wahrgenommen wurden. Das Konzept ging auf; die RISD-Spiele gewannen nicht nur an der eigenen Hochschule an Beliebtheit, sondern zogen auch Studierende der benachbarten Brown University und sogar den unkonventionellen damaligen Bürgermeister Buddy Cianci an, der das Amt eines „Ehrencoachs“ der Hockeymannschaft annahm. „Ich glaube, das war eine der schwierigsten Marketingkampagnen, die man sich nur denken kann“, erzählte Gebbia später im Interview gegenüber Fast Company. „Wie bringt man Kunsthochschüler dazu, jeden Freitagabend zu einem Mannschaftsspiel zu gehen?“

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Aber jetzt arbeiteten Chesky und Gebbia zum ersten Mal gemeinsam an einem Designprojekt. Einmal pro Woche fuhren sie mit dem Bus zum Firmensitz von Conair in Stamford, Connecticut, hinaus, um sich mit dem Marketingteam des Unternehmens zu besprechen, und zogen sich dann wieder in die RISD-Ateliers zurück, um weiter an ihren Entwürfen zu arbeiten. Gebbia und Chesky investierten viel Zeit und Mühe, oft arbeiteten sie die Nacht durch. Sie ließen ihrer Kreativität freien Lauf, aber erst bei der Präsentation wurde ihnen klar, wie frei dieser Lauf gewesen war. Während die anderen Teams einfach neue Haarfönentwürfe vorstellten, hatten Chesky und Gebbia gleich eine komplette neue Unternehmensvision auf Lager. Dazu gehörten unkonventionelle Produktideen wie ein aus Seife gefertigtes Hemd, das man nach dem Tragen einfach abwaschen konnte.

„Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände“, schildert Gebbia die Reaktion der Conair-Manager. Der Marketingleiter, der für das Projekt verantwortlich war, meinte, Chesky habe wohl einen Koffeinrausch. „Dabei hatte ich gar keinen Kaffee getrunken“, beteuert Chesky. Beiden wurde trotz der befremdeten Reaktion ihrer Kunden allerdings etwas klar, das nichts mit Elektrogeräten zu tun hatte: wie sich ihr kreatives Potenzial vervielfachte, wenn sie die Köpfe zusammensteckten. „Wir bauten automatisch auf den Ideen des anderen auf“, so Chesky. „Joe und ich – wenn wir uns zusammentun, werden die Ideen immer größer, nicht kleiner.“ Gebbia sah das ebenso: „Ich dachte mir: Okay, wenn [Brian und ich] zusammenarbeiten, dann kommt etwas anderes heraus als bei normalen Designern.“

Gebbia hatte das schon erlebt. Einen Monat zuvor hatte Chesky sein Abschlussdiplom erhalten. Sein Auftritt bei der Verleihungsfeier blieb den Teilnehmern im Gedächtnis: Die Studierenden hatten ihn als Festredner ausgewählt, und er hatte aus dem Vortrag eine Performance gemacht. Zu den Klängen von Michael Jacksons „Billie Jean“ war er im Zuschauerraum aufgetaucht, hatte seinen Talar abgeworfen, unter dem er ein weißes Sakko trug, um in echtem Jackson-Stil vor der Bühne entlangzugrooven, und war dann aufs Podium gesprungen. Einige Tage darauf hatte Gebbia seinen guten Freund und Geistesverwandten auf ein Stück Pizza eingeladen. Die gemeinsame Studienzeit war so gut wie vorbei, und Gebbia wollte sich etwas von der Seele reden: „Ich muss dir was erzählen. Eines Tages machen wir eine Firma auf, und jemand wird ein Buch darüber schreiben.“

Bild: Getty Images / Stefanie Keenan