Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Industry X.0 – Digitale Chancen in der Industrie nutzen“ von Eric Schaeffer. Er ist Managing Director bei der Unternehmensberatung Accenture. Das Werk ist im Redline Verlag erschienen.

Ich gehe davon aus, dass sich die Automobilindustrie während der nächsten fünf Jahre mit den folgenden fünf dominierenden Trends konfrontiert sehen wird:

1. Je größer die Abhängigkeit der internen Funktionsweise des Autos von digitalen Algorithmen ist, desto stärker treten die zeitlichen Diskrepanzen zwischen den Entwicklungszyklen von Hardware und Software zutage. Dieses Phänomen kommt auch in anderen Branchen vor und lässt sich nur schwer handhaben.

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„Industry X.0“, 336 Seiten, 29,99 Euro

2. Der Klimawandel wird die Automobilhersteller zwingen, Motoren mit immer geringerem Schadstoffausstoß zu entwickeln. Das ist ohne ultrapräzise Steuerungssoftware für die Zündung und andere Motorenteile schlicht nicht machbar. Digitale Komponenten und Software werden deshalb schon bald nicht mehr wegzudenken sein.

3. Seine funktionale Eigenschaft wird das Auto als reines Transportmittel ablegen. Die Zukunft gehört dem vernetzten Auto. Ein Fahrzeug wird Hardware mit verschiedenen Arten von regelmäßig aktualisierter, schnell getakteter Software an Bord sein. Das bedeutet, dass Automobilhersteller schon allein, um zu überleben, in der Lage sein müssen, mit fortgeschrittenen Datenanalysemethoden zuarbeiten und früher oder später riesige Mengen sensibler privater Kundendaten sicher zu handhaben.

4. Das Auto wird seinen Status als nicht vernetztes Transportmittel von Einzelnutzern verlieren. Stattdessen werden das vernetzte Auto sowie digital arrangierte Fahrgemeinschaften und die entsprechenden Technologien das Wettbewerbsgefüge der zukünftigen Automobilindustrie prägen. Autos werden sich schon bald aufeinander abgestimmt bewegen und handeln, in Flotten unterwegs sein und zu einer Komponente umfänglicher Mobilitätskonzepte reduziert werden. Digitale Technologien sind für die Steuerung dieser komplexen Mobilitätsangebote nicht nur vital, sondern diese werden durch sie überhaupt erst möglich.

5. In dem Maße, wie das Auto ein Konsumgut bleibt, wird es sich zuletzt derselben fragilen Loyalität unterwerfen, die auch andere Konsumgüter in einer Zeit hypervernetzter Verbraucher, die ständig anderweitigen Versuchungen ausgesetzt sind und unter dem Einfluss einer Crowd-basierten Mundpropaganda stehen, erfahren. Umso mehr müssen sich die Automarken ins Zeug legen und starke Offline- und Online-Erlebnisse bieten, mit denen sie sich die Treue ihrer Kunden sichern.

Auf dieser Grundlage lautet unsere Prognose, dass Automobilhersteller, die den Weg der Digitalisierung gehen und sich in Richtung eines komplett digitalisierten Geschäftsmodells bewegen, ihren globalen Umsatz in den vier Jahren bis 2020 um 15,6 Prozent oder 216 Milliarden US-Dollar steigern werden.

Der durch digitale Technologien bewirkte Margenschub ist ebenso beeindruckend. Die Studie schätzt dass das Gesamt-EBITDA für Automobilunternehmen – der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen – in der Summe um 42,8 Prozent oder 59 Milliarden US-Dollar zulegen wird.

Bis 2020 wird der Großteil des von der Digitalisierung des Kundenerlebnisses und des internen Betriebs in der bestehenden Wertschöpfungskette induzierten Potenzials realisiert sein. Der wesentliche digital bedingte Auftrieb wird dann in den Folgejahren von neuen Geschäftsmodellen bewirkt werden.

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Welche Digitalisierungsstrategie erzeugt den höchsten Wert?

Systematisch in digitale Technologien zu investieren, ist für die Automobilindustrie ein logischer Schritt. Aber wie sollte das geschehen? Wir wollen uns einige Zahlen für die fortgeschrittensten neuen digitalen Geschäftsmodelle anschauen – für Hersteller mit einem Jahresumsatz von 50 Milliarden US-Dollar.

Würden Sie einen Mobilität-on-demand-Ansatz, ein B2C- oder Peer-to-peer-Carsharing-Modell oder auch eine intermodale Fortbewegungsplattform implementieren, die verschiedene Transportmittel wie Zug, Flugzeug, Bus, Fahrrad und Auto miteinander kombiniert, so würden Sie in den heutigen unterentwickelten Märkten mit diesen Dienstleistungen lediglich 260 Millionen US-Dollar verdienen.

Vernetzte Automobillösungen für fahrzeugbezogene Dienstleistungen oder eine Plattform für offene Mobilitäts-Apps würden Ihnen minimale 35 Millionen US-Dollar einbringen.

Genauso unbedeutend ist bislang die Nachfrage nach autonomen Fahrdienstleistungen, zu Premiumpreisen angebotene Verbraucherdaten oder eine „lebendige“ Dienstleistungsplattform rund um bestimmte Automarken. Laut unserem Szenario würde das Ihr EBITDA-Ergebnis lediglich um weitere zehn Millionen US-Dollar anheben.

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Und stellen Sie sich schließlich vor, Sie würden die partielle Digitalisierung überspringen und über Nacht – noch heute Nacht – alle die radikal neuen Geschäftsmodelle für die Automobilindustrie implementieren. Der gesamte EBITDA-Zugewinn über die nächsten vier Jahre würde bescheidene sechs Prozent oder 325 Millionen US-Dollar nicht übersteigen – 20 Millionen US-Dollar weniger, als Sie nur aus der Digitalisierung Ihrer Support-Funktionen in einem partiell digitalisierten Ansatz gewinnen würden.

In der Summe haben wir festgestellt, dass Unternehmen, die sich auf die Digitalisierung ihres internen Betriebs und des Kundenerlebnisses konzentrieren, ein EBITDA-Wachstum von 36,3 Prozent oder ein absolutes Wachstum in Höhe von 1,815 Trillionen US-Dollar realisieren können.

Bild: Getty Images /  Erik Dreyer