DLD 2013

Von Captain Kirk und Data-Konversationen

Allein der flüchtige Blick auf das Programm der diesjährigen DLD verriet: In München würde es sich nicht selten um „wenig Greifbares“ drehen. Damit war von Anfang an klar, dass für viele Besucher das Networking stärker in den Vordergrund rücken würde. Auch wenn die Veranstaltung in diesem Jahr an echten Höhepunkten etwas ärmer gewesen sein mag, so hatte Verleger Hubert Burda von Ben Horowitz von Andreessen Horowitz über den israelischen Vorzeigeinvestor Yossi Vardi und den Founders-Fund-Partner Peter Thiel bis hin zu Amazon-CTO Werner Vogels doch namhafte Redner eingeladen, über die Zukunft des Online-Geschäfts zu diskutieren.

Entsprechend gab es zum Teil durchaus knackige Weisheiten zu hören, etwa zum aktuellen Thema Big Data. Spätestens DJ Patil, Data Scientist bei Greylock Partners, machte mit seinem Plädoyer den Anfang: „Spock war Captain Kirk’s Datenwissenschaftler und immer bei ihm. Moderne Business-Größen sollten Daten ebenso eine wichtige Rolle einräumen.“ Noch knackiger gefällig? Big Data sei wie das Thema Sex bei Teenagern – „jeder spricht davon, aber wenige kennen sich damit aus“.

Amazon-CTO Vogels sieht sein Unternehmen sogar nicht nur als Online-Retailer, sondern als großes Forschungsinstitut. Ob man Big Data zum Wort oder zum Unwort des Jahres küren sollte, sei einmal dahingestellt. So offensichtlich wie wichtig allerdings der Hinweis des Greylock-Manns, dass nicht die Daten selbst im Mittelpunkt stehen sollten, sondern die Interpretation. Daher Patils Tipp: „Nutzt Daten, um ein Gespräch zu starten!“

Recht eindeutig fiel die Kritik des US-Vorzeigeblogger und „What Would Google Do“-Autors Jeff Jarvis an der hierzulande hitzig geführten Debatte am Leistungsschutzrecht aus: „Deutschland versucht, Google für Links zu Inhalten bezahlen zu lassen – das ist ein gefährlicher Weg für die Medienbranche“. Dabei wertet er digitale Medien hoch, das Internet sei eine Gutenberg-Druckpresse in jedermanns Tasche.

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Auch wenn insbesondere soziale Netzwerke immer stärker die Medienlandschaft beeinflussen, sieht Spiegel-Online-Chefin Katharina Borchers aber auch eine Überlebenschance für traditionelle Medien: „Wie sollten die Macht, die wir noch haben, nutzen, um Journalisten ‚draußen‘ zu unterstützen. Wir sollten uns ranhalten und das Beste tun, um gute Arbeit abzuliefern“, damit der Qualitätsanspruch der traditionellen Medien Bestand habe.

E-Commerce, M&A und Mobile Payment

Generell dürfe man dabei nicht all zu isoliert denken: Man könne Online- und Offline-Welt nicht voneinander trennen, beide müssten stattdessen miteinander verbunden werden, war von Claudia Gonzales von The Global Fund zu hören. Gleichwohl sieht Terence Kawaja das Segment Network/Commerce als eindeutigen Zukunftsmarkt – der frühere Investmentbanker hatte die desaströse 183-Milliarden-Fusion von AOL und Time Warner betreut.

Das „digitale Schlachtfeld“ sieht er zwischen den vier Tech-Größen Amazon, Apple, Facebook sowie Google und den Konsumenten. Ausgetragen werde der Kampf um die Themen Suche, Display, Video, Mobile, Social und Commerce, die Waffen seien Geräte, Location, Cloud, Zahlungen und künstliche Intelligenz. Entsprechend sieht er insbesondere Apple, Amazon und Facebook mit deutlich aggressiveren M&A-Strategien im Jahr 2013.

Recht wählerisch präsentierte sich währenddessen Ben Horowitz. Von 2.355 Deal-Angeboten, sie sich im vergangenen Jahr auftaten, habe er in lediglich 24 investiert. Wert lege sein Unternehmen, das insbesondere durch frühe Investments in US-Größen wie Facebook oder Skype auf sich aufmerksam gemacht hatte, dabei insbesondere auf die Idee: Diese müsse „ein echter Durchbruch sein und besser als alles bestehende. Ideen müssen verrückt erscheinen, wenn sie ‚groundbreaking‘ sein sollen“.

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Entsprechend hoch sind auch die Ausfallraten, wie Joe Schoendorf von Accel Partners betonte. „Auf zehn Erfolgsgeschichten kommen 10.000 ‚Experimente‘, die schief gelaufen sind.“ Entsprechend müsse besonders in Europa gelernt werden, auch mit Rückschlägen umgehen zu können und eine „culture of failure“ aufzubauen. Auch Esther Dyson sieht Nachbesserungsbedarf jenseits des Atlantik: “In Europa gibt es zu viele Chefköche und zu wenige Restaurantchefs.“ Ein ausführliches Interview mit der Investorin, die sich ausschlißlich auf Gesundheitsthemen spezialisiert hat, führte übrigens Gründerszenes Schwestermagazin VentureVillage.

Auch wenn in Europa das Arbeitsrecht gerade jungen Unternehmen im Weg stehe, wie FON-Gründer Martin Varsavsky betonte, sieht Airbnb-Mitgründer Joe Gebbia deutliche Marktchancen. „Das größte Potenzial im E-Commerce bietet Europa, nach der Rezession ändert sich das Kundenverhalten, und der Wechsel zu Online-Angeboten wird schneller stattfinden.“ Ganz konkret detaillierte dies Rene Schuster, CEO von Telefónica Deutschland: 82 Prozent aller Zahlungen in Deutschland finden derzeit noch mit Bargeld statt.

Aber: „Die Kinder von heute werden in 20 Jahren kein physisches Portmonee mehr besitzen. […] Ihr habt Eure Wohnung heute mit drei Dingen verlassen: Geld, Geldbörse und Schlüssel, aber Smartphones werden die Fernbedienung für Euer Leben.“ Vor kurzem erst hatte sein Unternehmen eine mobile Payment-Lösung gestartet.

Studienabbruch, Cyber-Krieg und Fortschrittsdenken

Seine eigene Geschichte erzählte derweil Codeacademy-Gründer Zack Sims am Rand des DLD-Geschehens: Der 22-jährige brach sein Studium an der rennomierten Columbia University vor 16 Monaten ab, um sich seiner Geschäftsidee zu widmen. Seitdem ist seine Lerngemeinschaft für heranwachsende Programmierer von einem Freizeitprojekt zu einem Vorzeigeprojekt der verknüpften Zusammenarbeit in der Bildung geworden.

Mit Index Ventures und Kleiner Perkins konnte das Jungunternehmen namhafte Investoren gewinnen, im vergangenen Juni statteten die Valley-Größen Codeacademy mit zehn Millionen US-Dollar aus, um die weltweite Expansion voranzutreiben. Was Sims als nächstes plant und warum es nicht unbedingt schlecht sein muss, das Studium abzubrechen, verriet Sims VentureVillage.

Mit Eugene Kaspersky, Gründer des gleichnamigen Anti-Virus-Anbieters, und Mikko Hypponen, waren auf der DLD derweil zwei Cyber-Krieger ganz in ihrem Element. „Amerikanische Gefängnisse sind heute schon mit dem Internet verbunden. Und sie sind verwundbar. Sind wir für solche Technologien schon bereit?“, fragte ersterer plakativ.

Zweiterer ergänzte derweil: „Freundliche Hacker gibt es nicht mehr. Die Angriffe kommen längst von Kriminellen, Hacktivisten und Regierungen. Sobald Kriminelle großes Geld mit den Attacken verdienen, können sie fähige Programmierer anheuern. Selbst Regierungen nehmen am Cyber-Krieg teil. In Deutschland etwa werden Trojaner eingesetzt.“

Dass die beiden Anbieter dabei vielleicht nicht ganz frei von Eigeninteressen argumentierten, liegt nahe. Zum Glück besänftigte Security-Fachfrau Keren Elazari zumindest ein wenig: „Ich kann Ihnen hier und heute sagen, dass die Hacker unter Kontrolle sind“ – ob man das angesichts der immer stärker zunehmenden Angriffe nun glauben mag oder nicht.

Beendet wurde die DLD13 übrigens mit einem Vortrag von Founders-Fund-Partner und Paypal-Mitgründer Peter Thiel, der ein radikales Fortschritts- und Wachstumsdenken in der IT-Branche anmahnte: Denn ohne Fortschritt drohte nicht Stillstand, sondern sogar der Rückschritt. Letztendlich würde sich dann die Lebensqualität der Menschen verschlechtern. Aus Business-Sicht müsse also getan werden, was sonst niemand tut, anders ließe sich keine einzigartige Story abliefern. Zu guter Letzt rief er zu mehr Optimismus auf: „Eine optimistische Weltsicht ist nicht auf Menschen im Alter von 20 Jahren beschränkt.“