Doctor

Muss man einen Arzt persönlich sehen – oder reicht der Besuch einer virtuellen Praxis?

Wer geht schon gerne zum Arzt, weil es plötzlich im Schritt kribbelt, schmerzt oder brennt? Oder wegen Erektionsstörungen, vorzeitigem Samenerguss oder Genitalherpes? Es gibt Fälle, bei denen das „bitte freimachen“ beim Arzt noch unangenehmer ist als sonst. Und auch der Gang zum Doktor nach einer Verhütungspanne gehört gewöhnlicherweise nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen der Menschen.

Umso dankbarer scheinen die Deutschen das Angebot von DrEd anzunehmen. DrEd ist eine virtuelle Arztpraxis, bei der sich Patienten online an sieben Tagen in der Woche von einem Mediziner beraten lassen können. Rund 70 Mitarbeiter arbeiten in dem in London ansässigen Unternehmen. Darunter sind 15 Ärzte, die sich zum Teil in Teilzeit um 1500 Patienten am Tag kümmern – zwischen 400 bis 500 kommen davon aus Deutschland.

Um behandelt zu werden, füllen die Patienten einen Fragebogen aus. Bei manchen Krankheiten telefonieren sie auch mit den Ärzten oder schicken Fotos der betroffenen Hautstellen. Danach können sie ein Rezept für ein verschreibungspflichtiges Medikament erhalten, das die Mediziner an eine Versandapotheke oder direkt zu den Patienten nach Hause schicken. Zwischen 9 bis 29 Euro kostet die Behandlung, je nach Aufwand.

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Diese medizinische Hilfe aus der Ferne ist allerdings umstritten, vor allem unter Medizinern. Einige von ihnen machen Stimmung gegen die Konkurrenz aus dem Internet. Erst vor Kurzem hat der Präsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery auf dem Deutschen Ärztetag gesagt, er wolle keine „Schmuddel-Rezepte“ aus dem Netz.

Die Kritiker beziehen sich auf das Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung in Deutschland. Es besagt, dass ein Arzt einen Patienten mindestens einmal getroffen haben muss, um ihn danach aus der Ferne behandeln zu dürfen. Bald schon könnte sich die Gesetzeslage noch verschärfen. Der Bundestag hat ein Gesetz auf dem Weg gebracht, nach dem Apotheken ein verschreibungspflichtiges Medikament nur herausgeben dürfen, wenn klar ist, dass Arzt und Patient direkten Kontakt miteinander hatten. Das Gesetz läuft in Branchenkreisen unter dem Namen Lex DrEd – es richtet sich direkt gegen das Startup.

Der Jurist David Meinertz hat DrEd im Jahr 2010 gegründet. Montgomery antwortet er in einem offenen Brief und bittet um eine sachliche Diskussion. Außerdem merkt der 42-Jährige an: „In über 700.000 Behandlungsfällen seit Aufnahme unserer Tätigkeit vor 4,5 Jahren ist es noch zu keinem einzigen Schadensfall bei DrEd gekommen.“ Uns hat der Gründer erzählt, welche Konsequenzen Lex DrEd für sein Unternehmen hätte, welche Krankheiten sich online besonders gut behandeln lassen und welche Auswirkungen der Brexit auf sein Unternehmen hat.

Wie schaffen es 15 Ärzte, 1500 Patienten am Tag zu behandeln?

David Meinertz

David Meinertz hat DrEd gegründet.

Die Algorithmen unserer Software helfen ihnen dabei. Die Patienten füllen erstmal einen ärztlichen Fragebogen aus. Darin stehen Fragen zur Gesundheit, die ihnen ein Arzt vor Ort auch stellen würde. Der Fragebogen ist so ausgelegt, dass unsere Algorithmen schnell erkennen, ob der Patient überhaupt ein Problem hat, bei dem wir ihm helfen können. Ein Beispiel: Wenn Frauen ein Rezept für die Anti-Baby-Pille haben möchten, müssen sie ihr Alter und Gewicht angeben, ob sie an Thrombose oder Bluthochdruck leiden, rauchen oder ob sie bestimmte Krebsfälle in der Familie haben. Treffen zu viele gesundheitliche Risiken aufeinander, stellen wir kein Pillenrezept aus. Die Algorithmen sortieren diese Anfrage aus und verweisen an einen Kollegen vor Ort.

Wie können Ihre Ärzte sicher sein, dass die Patienten sie nicht anlügen?

Ganz sicher sein können sie sich nicht. Deshalb beraten und behandeln unsere Ärzte auch nicht bei Anfragen nach Medikamenten, die Missbrauch begünstigen. Männer fragen zum Beispiel oft nach Stereoiden, Frauen nach Medikamenten, mit denen sie abnehmen können. Viele wünschen sich auch Beruhigungs- und Schlafmittel. Aber Rezepte für solche Medikamente stellen unsere Ärzte nicht aus. Außerdem kann sich auch ein Mediziner vor Ort nicht sicher sein, ob ihn ein Patient anlügt oder sich beispielsweise dasselbe Rezept bereits vor zwei Tagen bei einem Kollegen geholt hat.

Welche Krankheiten behandeln Ihre Ärzte?

Wir bekommen viele Anfragen von Patienten mit chronischen Erkrankungen, die eine fortlaufende Behandlung wünschen – zum Beispiel bei Asthma oder Bluthochdruck. Aber auch viele Menschen mit Geschlechtskrankheiten wenden sich an uns. Sie schämen sich oft sehr dafür, ihnen fällt der virtuelle Arztbesuch leichter als der Gang zum Mediziner vor Ort. Bei manchen Infektionen senden wir ihnen ein Testkit zu, das sie nutzen und an unser Labor zurückschicken können. So wissen wir innerhalb von einer knappen Woche, an was der Patient leidet.

Eine Woche? Das klingt nach einer ziemlich langen Zeit mit einer Geschlechtskrankheit.

Solche Krankheiten sind nicht lebensbedrohlich, aber behandlungsbedürftig. Häufig leiden Patienten über mehrere Wochen daran, ohne sie anfangs zu bemerken oder weil sie sich nicht trauen, zum Arzt zu gehen. Und selbst wenn sie um einen Termin bitten, erhalten sie den oft erst Tage später. Dann machen sie beim Arzt den Test – und die Auswertung dauert nochmal eine Weile. Bei uns bekommen sie oft schneller eine Behandlung.

Wann lehnen Ihre Ärzte einen Patienten ab?

Wir verweisen zwischen fünf bis 20 Prozent der Patienten an einen Kollegen vor Ort, etwa weil eine körperliche Untersuchung oder eine Messung vorgenommen werden muss. Im Übrigen behandeln wir keine Erkrankungen, bei denen eine körperliche Untersuchung für eine Diagnose notwendig ist. Auch bei akuten medizinischen Notfällen verweisen wir die Patienten immer an den Notarzt oder das örtliche Krankenhaus. Hat ein Patient beispielsweise Lähmungserscheinungen, muss sich das ein Arzt persönlich ansehen. Eine Antibabypille bekommt bei uns nur, wer bereits von einem Gynäkologen auf ein Mittel eingestellt wurde. Das wird sich aber vielleicht in Zukunft ändern, unsere Mediziner arbeiten daran, auch die Erstdiagnose machen zu können. Bis dahin versenden wir nur Folgerezepte.

Sie kommen aus einer Ärztefamilie, ihre Eltern sind Mediziner. Trifft Sie der Ton, mit der sie von einigen Ärzten angegangen werden?

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Eben weil meine Eltern Ärzte sind, weiß ich, wie sehr Telemedizin in manchen Fällen helfen kann. Schon jetzt gibt es in Deutschland viel zu wenig Hausärzte, vor allem auf dem Land. In manchen Gegenden muss man 20 bis 30 Minuten fahren, um zu einem Arzt zu gelangen. In Zukunft wird es immer mehr ältere Menschen geben, die ärztlich versorgt werden müssen. Für solche Patienten ist Telemedizin eine echte Alternative und das wissen auch viele Kollegen. Wir bekommen auch eine Menge positives Feedback, besonders von jungen Ärzten.

Welche Konsequenzen hätte der Brexit für Ihr Team?

Im Moment wissen wir das noch nicht. Großbritannien hat ja Interesse daran, auch nach dem Austritt Zugang zum europäischen Markt zu bekommen. Passiert das, wird sich für uns nichts ändern. Schottet sich aber das Land ab, hätten wir ein Problem. Dann müssten wir wahrscheinlich unsere Ärzte in einem anderen europäischen Land zulassen und umziehen, vielleicht nach Irland oder Schottland – die Schotten wollen ja weiter in der EU bleiben. Ich rechne aber damit, dass es noch Jahre dauert, bis die rechtliche Lage geklärt ist. Uns und die Telemedizin wird es auf jeden Fall weiter geben. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist nicht aufzuhalten, ob das nun einigen Vertretern der Ärzteschaft gefällt oder nicht.

Bilder: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von jeffeaton / David Meinertz / DrEd