Ja, ich weiß. Früher war alles besser. Diesen Sound sollte man eigentlich dringend vermeiden. Aber ich schreibe es trotzdem: Was ist bloß mit Twitter passiert? Ich habe bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel in diesem Netzwerk. Eine Lernphase mit blutiger Nase und durchtwitterten Nächten. Eine unglaublich inspirierende Twitter-Konferenz in New York, die mir die Augen öffnete – für das, was alles möglich ist. Dann folgte dieser legendäre Termin im Vorstand, bei dem es mir nicht mal ansatzweise gelang, zu erklären, was Twitter so mächtig machen würde. Aber das Jahr 2015 auf Twitter hat sich irgendwie anders angefühlt. Ja, ich war ein Fan. Und bin es immer noch. Aber leider nur noch aus sentimentalen Gründen.

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Es zeichnete sich bereits in den Jahren zuvor ab. Der Wind hat sich gedreht. Es ist so – anders geworden. Leute, die noch vor wenigen Jahren zu den lautstärksten Kritikern des 140-Zeichen-Netzwerkes gehörten, gehören jetzt zu den lautstärksten Twitterern. Oft mit Fremdschämgarantie. Eigentlich habe ich mich so wohl auf Twitter gefühlt, weil hier auch zaghafte Stimmen Gehör fanden. Jetzt wird das eigene Brett vorm Kopf so vollkommen angstbefreit und humorlos in die Diskurs-Schlacht geworfen, dass ich an vielen Tagen Sehnsucht nach dem Differenzierungsgrad von Günther Jauchs Talkshow bekomme. Und das hat nichts mit den neuen Herzchen zu tun. Oder der verwirrenden Sortierung der Tweets in meiner Timeline.

In meinen Twitter-Anfangstagen bin ich oft gefragt worden, ob ich für die Redaktion oder für mich selber twittere. Der Übergang war eher fließend, vielleicht weil ich nicht so scharf zwischen Job und Privatleben unterscheide. Heute steht in vielen den Redaktionen und Unternehmen Twitter auf dem Dienstplan. Und so lesen sich die Beiträge häufig auch. In den Anfangstagen kamen Menschen ins Gespräch, die sich auf der Straße nie unterhalten würden. Weil sie sich nie getroffen hätten oder weil man einfach mal für ein paar Twitter-Momente seine Vorurteile beiseite räumte und es wenigstens für entfernt denkbar hielt, dass das Gegenüber auf der anderen Seite des Endgerätes vielleicht auch Recht haben könnte. Oder zumindest das Recht auf eine eigene Meinung. Heute werden die real existierenden ideologischen Denkbeschränkungen fein säuberlich auf Twitter nachgezeichnet und mit einer deutschen Verbissenheit verteidigt, die an manchen Tagen leichte Übelkeit bei mir auslöst.

Eigentlich ist das alles keine Überraschung. Die Netzwerke bilden einfach nur die oft trostlose Realität des Diskurses ab. Das habe ich selber oft genug geschrieben. Allerdings immer in der leisen Hoffnung, dass sie außerdem dazu beitragen könnte, mehr Verständnis, mehr Humor, mehr Gelassenheit im Umgang mit anderen Meinungen zu produzieren. So als Nebeneffekt. Diese Hoffnung muss ich jetzt wohl endgültig begraben. Und weine am Ende des Jahres 2015 ein paar leise Tränen für mein Lieblingsnetzwerk. Nein. Keine Abschiedstränen. Aber es tut schon etwas weh.

Foto: Attribution Some rights reserved by JULIAN MASON