Nicole Reistel

„Wir suchen eine nicht ganz klassische Sekretärin“, stand in der Stellenanzeige, die Nicole Reistel im September 2008 auf einem Jobportal entdeckte. Aufgegeben hatten die Anzeige Robert Gentz und David Schneider, die Gründer des 10-Milliarden-Euro-Unternehmens Zalando. Als die beiden diesen Satz formulierten, war ihr Startup noch keinen Cent wert. Das Konzept stand, zwei Praktikanten saßen in den engen Büroräumen und nun waren die beiden auf der Suche nach ihrem ersten festen Mitarbeiter.

Nicole Reistel, damals 23 Jahre alt, las die Anzeige und war neugierig. Sie traf Robert Gentz für ein Gespräch im ersten Zalando-Büro in der Schönhauser Allee im Berliner In-Viertel Prenzlauer Berg. „Robert war genauso alt wie ich und mir sofort sympathisch“, sagt Reistel rückblickend. Sie kündigte ihren soliden Job im öffentlichen Dienst und bekam den ersten festen Vertrag von Zalando. Von da an war Reistel als Team-Managerin zuständig für Bewerbungen, Arbeitsverträge, die Buchhaltung und auch das Büromaterial. „Ich wollte etwas bewegen, auch wenn ich damals nicht sicher sein konnte, wie sich das Unternehmen entwickeln würde.“ 

Der Rechner fehlte, die Partylaune nicht

Ihre ersten Tage im neuen Job verliefen für die gebürtige Berlinerin nicht wie erwartet. Nicht einmal einen Rechner hatten die Gründer ihr besorgt. „Es war immer alles superchaotisch bei uns“, gibt Reistel zu. „Trotzdem war uns allen schnell klar: Das hier wird mal etwas richtig Großes.“

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Anfang 2009 kam erstmals der DHL-Kurier und holte die Pakete ab, die im Souterrain gelagert wurden. Deren Inhalt – Flip-Flops, Sneaker, Stiefeletten – interessierte Nicole Reistel kaum: „Ich war nicht sehr modisch, als ich mich beworben habe“, gibt sie zu und zeigt grinsend auf ihre rosafarbenen Sneaker, die sie für unser Interview zur schwarzen Hose und weißem Top trägt. „Solche Schuhe hätte ich damals ganz sicher nicht getragen.“

Das Team von Zalando wuchs nach ihrer Einstellung schnell, jeden Freitagabend feierten alle gemeinsam eine „Fashion Friday Party“ in den Büroräumen. Danach ging es häufig ins Rodeo in der Auguststraße in Berlin-Mitte. „Wir waren wie eine große Familie.“

„Ich bin zufrieden, wenn ich die Chefs glücklich machen kann“

Auch heute noch, fast neun Jahre später, arbeitet Nicole Reistel für den inzwischen börsennotierten Konzern. Parallel hat sie ein BWL-Studium abgeschlossen und nennt sich offiziell „Assistentin der Geschäftsführung“. Noch immer teilt sie sich das Büro mit Robert Gentz und David Schneider sowie dem dritten Vorstand Rubin Ritter. Eine hohe Position hat Reistel selbst nie angestrebt: „Ich bin Assistentin durch und durch und zufrieden, wenn ich die Chefs glücklich machen kann.“

Die meiste Zeit kümmert sie sich um Termine von Robert Gentz, den sie als „sehr kollegial“ und „unglaublich visionär“ beschreibt. Sie bucht seine Flüge, koordiniert Investorengespräche, checkt seine Mails. Ansonsten hält sie sich bei Nachfragen zu den Gründern bedeckt, über Klatsch aus dem Unternehmen plaudert sie merklich ungern.  

Heute sei sie mit den Gründern gut befreundet. „Ich wollte nie gehen“, gibt sie offen zu. „Es hat mir die ganze Zeit Spaß gemacht, nie war es langweilig.“ Ihr persönliches Highlight? Der Börsengang vor zwei Jahren. Gemeinsam mit der Geschäftsführung durfte sie nach Frankfurt fahren – eine große Ehre, wie sie sagt. Eine Fotomontage, die sie an den Tag erinnert, hängt als Andenken bei ihr zuhause im Wohnzimmer.

Ihr größter Fehler? Eine falsche Sitzplatzreservierung

Bei Zalando gilt Nicole Reistel als die „Seele des Unternehmens“. So jedenfalls bezeichnet sie Gründer und CEO Robert Gentz auf Nachfrage. „Absolutes Vertrauen und Loyalität in alle Richtungen“ würden Reistel für ihn besonders machen, sagt er.

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Andere Mitarbeiter, die mit ihr zu tun haben, beschreiben sie als herzlich und zuverlässig. Sie selbst schätzt sich ähnlich ein: „Ich würde sagen, dass ich unkompliziert bin, immer gut drauf und sehr organisiert“. Situationen, in denen sie in der Vergangenheit die Geduld verlor oder schlecht gelaunt war, fallen ihr auf Nachfrage nicht ein. 

Große Fehler sind ihr in den neun Jahren offenbar auch nicht unterlaufen. Sie habe einmal ein Zugticket für einen der Geschäftsführer gebucht und seinen Sitzplatz für den falschen Tag reserviert. „Das passiert mir nie wieder. Ich achte jetzt immer auf die Zeiten“, sagt sie, völlig ohne Ironie. 

Mittlerweile weiß Nicole Reistel auch, warum Robert Gentz sie im September 2008 sofort eingestellt hat. „Der Aha-Moment war für ihn, dass ich im Gespräch die Stifte auf dem Tisch sortiert habe“, erzählt sie lachend. 

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Bilder: Zalando