Martin-Ott-Facebook
Martin-Ott-Facebook Trägt bei Facebook die Verantwortung für Mittel-, Nord- und Osteuropa: Martin Ott, hier bei einer Veranstaltung in Berlin

Es war ein kritisches Jahr für Facebook. Wurden durch falsche News im sozialen Netzwerk die Wahlen in den USA gezielt beeinflusst? Wieso bekommt das Unternehmen Hasskommentare nicht in den Griff – und wie sehr gibt sich Facebook Mühe dabei? Nicht zuletzt: Ist Facebook überhaupt noch schnell und innovativ oder flüchten die Nutzer langsam aber sicher von der Plattform?

In den vergangenen Tagen traten diese Kritikpunkte erneut an die Oberfläche. Zum einen ist das Magazin der Süddeutschen Zeitung an Informationen zu den Berliner Löschkommandos gelangt, deren Aufgabe es ist, rechtswidrige Inhalte und sogenannte Hate-Speech von der Plattform zu verbannen. Facebook selbst hatte sich zu der Einrichtung zwar bekannt, allerdings keinerlei Informationen dazu preisgegeben. Auch das Unternehmen selbst hat zum Jahresende noch einmal nachgelegt. Als Reaktion auf die Vorwürfe zu bewusst gefälschten Nachrichten wird in den USA ein Button getestet, über den die Nutzer solche Inhalte melden sollen.

Wir sprachen mit Martin Ott, Chef für Nord, Mittel- und Osteuropa bei Facebook, darüber, wie Facebook arbeitet, ob dem Unternehmen seine Verantwortung klar ist und darüber, wie er als Business Angel auf die deutsche Startup-Szene blickt.

Martin, ist Facebook noch interessant für die junge Generation? Es heißt ja immer wieder, das sei nicht so.

Wir wachsen mit der blauen Facebook-App weiter, auch in Deutschland. Nichtsdestotrotz nutzen gerade die jungen Leute auch andere Apps neben Facebook. Instagram zum Beispiel, aber auch Whatsapp oder Snapchat. Es ist ja auch gut, dass es ganz verschiedene Möglichkeiten der Kommunikation gibt.

An Snapchat hat sich Instagram, das ja zu Facebook gehört, zuletzt sehr stark orientiert. Ist die App der größte Konkurrent für Euch?

Wir sind zu allererst selbst unser größter Konkurrent. Wir sind zwar eigentlich keines mehr, aber wir verstehen uns immer noch als Startup. Das sieht man ja auch an den Räumlichkeiten hier – wir legen die Rohre frei und der Beton schaut hervor, alle sitzen zusammen in einem großen Büro. Das soll sicherstellen, dass wir die Innovationskraft weiter behalten und uns nicht selbst im Weg stehen.

Was Facebook und vor allem Instagram in den letzten Monaten vorgestellt hat, war in weiten Teilen aber von Wettbewerbern abgeschaut.

Innovation gibt es überall im Markt. Und es ist nichts verkehrtes dabei, eine Lösung für die eigenen Plattformen umzusetzen, die vielleicht bereits auf einer anderen existiert. Für uns ist es wichtig, das zu bieten, was die Nutzer auch wollen. Facebook entwickelt sich als Plattform weiter. Natürlich ist da nicht jede Neuerung gleich disruptiv. Zum Beispiel ist die Autoplay-Funktion von Videos vielleicht erst einmal ein kleines technisches Detail. Aber die Wirkung für die Nutzer ist gewaltig.

Bei Facebook gibt es kontinuierlich kleine Neuerungen, die großen Veränderungen bleiben aus. Geht es Euch darum, neue Funktionen unter der Haube einzuführen und dem Nutzer an der Oberfläche das zu zeigen, was er kennt?

Nein, gar nicht. Was wir uns beibehalten wollten und was jedes gute Startup machen sollte, ist, verschiedene Dinge zu testen. Mit A/B-Tests kann man gut herausfinden, was die Menschen annehmen und was nicht. Das machen wir täglich mit vielen kleinen Features. Daraus ergibt sich eine graduelle Entwicklung.

Gerade hat Facebook eine große Marketingkampagne gestartet, an Plakatwänden und Straßenbahnhaltestellen kleine Bedienungsanleitungen für die Plattform gezeigt. Ist das Netzwerk zu kompliziert für die Nutzer geworden?

Die Kernapplikation Facebook ist heute sicherlich eine ganz andere als vor einigen Jahren. Sie bietet mehr Funktionen. Mit den Postern wollen wir den Nutzern zeigen, wie sie die Plattform so nutzen können, wie sie es möchten.

Die Anleitungen beziehen sich wohl nicht ohne Grund auf immer wieder aufkommende Kritikpunkte wie fehlende Privatsphäre oder unerwünschte Inhalte…

Wir haben in dieser Hinsicht in der Vergangenheit vielleicht auch einige Sachen versäumt. In einer sich so rasant entwickelnden Gesellschaft ist es unsere Aufgabe, die Nutzer an der Hand zu nehmen und ihnen zu zeigen, was man mit der Plattform machen kann. Für einige Nutzer sind die Funktionen selbstverständlich. Aber wir haben verstanden, dass es ein Fehler war, sie nicht noch besser zu erklären.

Die schiere Größe von Facebook alleine, besonders aber die gezielte Ausgabe von Inhalten für die Nutzer, bringt auch eine große Verantwortung mit sich. Ist Facebook dem gewachsen? Es gab in den vergangenen Monaten ja sehr starke Kritik hinsichtlich Hate-Speech und Fake News.

Die Verantwortung ist für uns ein ganz zentrales Thema. Und eines, das uns schon seit langem massiv beschäftigt. In der Außenwahrnehmung mag das nicht immer so ankommen. Auch nicht die Maßnahmen, die wir etwa hinsichtlich Hate-Speech umgesetzt haben. Zunächst hatte uns das Ausmaß der Diskussion natürlich überrascht, da gab es bei uns wie bei anderen eine Lernkurve. Wir sollten nicht vergessen, dass diese Themen in aller erster Linie gesellschaftliche Herausforderungen sind. Wir von Facebook haben aber reagiert, zusammen mit dem Bundesjustizministerium wurde unter anderem eine Task Force ins Leben gerufen. Außerdem arbeiten wir mit sehr vielen Organisationen wie der FSM, Jugendschutz.net oder der Antonio Amadeo Stiftung zusammen.

Das Thema ist nicht schwarz-weiß. Wir müssen genau einordnen, was rechtswidrig ist und auf der Plattform nichts zu suchen hat, beziehungsweise was freie Meinungsäußerung ist. Wir sind da in den letzten Monaten deutlich besser geworden. Aber man bekommt ja von außen auch nicht so gut mit, was alles nicht gezeigt wird.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten an der Entfernung solcher Inhalte in Deutschland?

Konkrete Zahlen dazu nennen wir nicht. Unser Community-Team hat weltweit mehrere Tausend Mitarbeiter. Wir sind eine klare Vereinbarung eingegangen, rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden zu entfernen.

Dennoch werden immer wieder Vorfälle bekannt, in denen es mitunter deutlich länger dauert. Am Jahrestag der Pogromnacht wurden Adressen von fast 70 jüdischen Einrichtungen auf einer rechtsextremen Berliner Facebook-Seite veröffentlicht, was hohe Wellen in den Medien schlug. Von einigen Seiten drohen sogar rechtliche Schritte, auch gegen Mark Zuckerberg persönlich. Derzeit gibt es Vorschläge, Facebook teuer bezahlen zu lassen, wenn rechtswidrige Inhalte nicht zeitnah gelöscht werden.

Wie bekannt ist, können wir Einzelfälle nicht kommentieren und ich verstehe voll und ganz, dass das manchmal schwierig ist oder uns in eine schwierige Position bringt. Aber ich denke, es ist nur allzu verständlich, dass wir eben nicht die Hintergründe einzelner Fälle öffentlich diskutieren können. Unser Commitment steht. Im Schnitt liegen wir beim Löschen solcher Inhalte deutlich unter den 24 Stunden, die wir versprochen haben.     WEITERLESEN…

Facebook-Intelligenz

Wird die Entfernung der Inhalte immer eine Aufgabe sein, die Menschen erledigen müssen? Oder kann das irgendwann der Algorithmus erledigen?

Wir kommen heute nicht darum herum, dass Menschen sich die Inhalte anschauen müssen. Zum einen braucht es Nutzer auf der Plattform, die Inhalte melden, damit wir darauf aufmerksam werden. Die Maschinen sind noch nicht so stark, dass sie die semantischen Feinheiten unterscheiden könnten. Was ist freie Meinungsäußerung, was ist Hassrede? Wir arbeiten natürlich daran, das auch maschinell einordnen zu können. Bei Erkennung von rechtswidrigen Bildinhalten wie Nazi-Symbolen etwa sind wir schon deutlich besser geworden. Bei Texten muss man aber auch oft zwischen den Zeilen lesen, immer auch den Kontext betrachten und das kann kein Algorithmus.

Wäre auch denkbar, dass bereits vor der Veröffentlichung entschieden wird, ob der betreffende Inhalt untersucht werden muss?

Das ist ein sehr schwieriger Spagat. Wir sind in erster Linie eine neutrale Plattform. Wir können und wollen nicht zensieren, dafür ist das Justizsystem zuständig. Wir werden uns nicht über das System stellen.

Du hast einmal gesagt, Facebook sei als Plattform viel mehr als ein soziales Netzwerk. Was meintest Du damit?

Zum Beispiel, dass wir auch eine gute Plattform für Unternehmen sind. Und für Firmen aller Größen entsprechende Tools anbieten. Über Facebook haben viele kleine und mittelständische Unternehmen den Schritt ins Digitale geschafft. Sie können Menschen in aller Welt erreichen. Und die Produkte anderer Partner-Anbieter über die Facebook-Präsenz nutzen.

Kannst Du das mit einem Beispiel erklären?

Vielleicht am Beispiel Holzconnection hier in Berlin. Das ist ein mittelständisches Unternehmen, das Tischlermöbel herstellt. Der Geschäftsführer Ralf Nagel hat erkannt, dass immer weniger Kunden ins Geschäft gehen und zusammen mit seinem digital-affinen Sohn unter anderem über Facebook einen Weg zu mehr Kunden gefunden. Heute ist das Unternehmen auch in Hamburg und in der Schweiz aktiv. Es gibt weltweit mittlerweile mehr als 60 Millionen Unternehmensseiten auf Facebook, in Deutschland sind es etwa 1,3 Millionen.

Wie relevant ist das Angebot für Unternehmen? Wie stark wird es weiterentwickelt?

Es ist sehr relevant und auch ein Fokusthema. Mit unserer Kampagne Digital Durchstarten klären wir über das Angebot auf, bundesweit gab es schon weit mehr als ein Dutzend Veranstaltungen. Auch hier wollen wir präsenter sein und den Nutzern besser erklären, was mit der Plattform alles möglich ist.

Zielt das Angebot nur auf Unternehmen ab?

Unter dem Namen Blueprint haben wir auch ein E-Learning-Angebot gestartet, das vor allem Agenturen die Plattform näherbringt. Alles in allem geht es darum, ein Ökosystem aufzubauen. Wir können nicht für jeden Anwendungsfall eine passende Lösung bauen. Deswegen gibt es auch technische Schnittstellen zu Facebook.

Du sprachst eingangs schon über die Atmosphäre bei Facebook. Es fällt schwer, einem derart großen Unternehmen abzunehmen, noch den ,Startup-Charakter´ zu besitzen. Vor allem abseits der US-Zentrale, wo ja ganz klar der Ton angegeben wird. Gibt es das Startup-Life bei Facebook wirklich?

Überraschender Weise ja. Als ich zu Facebook kam, machte das Unternehmen gerade seinen IPO. Da habe ich mir schon Sorgen gemacht, dass Facebook bald langsam und behäbig werden könnte. Das ist aber nicht passiert. Ganz im Gegenteil: Die Schlagkraft ist heute noch bemerkenswert.

Hast Du dazu ein konkretes Beispiel?

In Israel habe ich mich gerade mit einem Team getroffen, das sich um Facebook Lite kümmert. Das ist unser Angebot für Länder, in denen es noch kein 4G oder 3G gibt. Es ist keine einfache Sache, ein Facebook zu bauen, das auch mit langsamen Datenverbindungen funktioniert. So etwas wird bei Facebook in kleinen Teams umgesetzt, die sich intensiv auf ein einziges Projekt fokussieren.

Du warst schon einmal selbst Gründer, sprichst für Facebook mit Startups und bist auch als Business Angel aktiv. Was hat sich in den letzten zehn Jahren in der Startup-Szene verändert?

Zum einen ist es heute viel einfacher, ein Unternehmen zu starten. Es gibt heute ein komplettes Ökosystem von Anwälten, Tools im Netz oder Open-Source-Projekte. Das macht es einfach, eine App zu programmieren. Zum anderen ist vor allem Berlin deutlich internationaler und attraktiver für internationale Talente geworden. Das ist ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor.

Fehlen nicht die kleinen Teams, die es mit einem viralen Produkt zum Riesenexit schaffen – siehe Whatsapp? Man könnte ja fast den Eindruck gewinnen, dass für Deutsche das Internet oft nur ein Verkaufskanal ist.

Jein. Natürlich könnten die Gründungen hier noch technologiegetriebener sein. Hier wird allzu oft noch aus BWL-Sicht gegründet. Etwa die technischen Universitäten müssten zukünftig viel stärker Gründer hervorbringen. Und, das Scheitern darf nicht so stark verurteilt werden. Dann trauen sich auch Gründer ohne betriebswirtschaftliche Erfahrung mehr zu und wir sehen vielleicht doch ein Whatsapp aus Deutschland.

Martin, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Alex Hofmann / Gründerszene