Facebook

Das Leben ist ein Hack. Der Eingang zur Facebook-Zentrale im kalifornischen Menlo Park.

Der ehemalige Facebook-Manager Antonio García Martínez hat Insider-Wissen. Denn er hat hinter den Zaun geschaut, den das soziale Netzwerk um seine Firma gezogen hat. In seinem Buch „Chaos Monkeys. Obscene Fortune and Random Failure in Silicon Valley“, das im Juni auf Englisch erschienen ist, lässt er nichts unversucht, um nachträglich kein gutes Haar an seinem Arbeitgeber zu lassen.

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Es muss natürlich ganz dringend erzählt werden, dass Mitarbeiter sogar auf dem Klo programmieren. Oder Plakate mit Motivationssprüchen an den Wänden hängen. Bei all seinen Erzählungen, die er jetzt auch in einem großen Interview mit der Zeit vom Stapel gelassen hat, wird man den Eindruck nicht los, dass es sich um den gescheiterten Versuch einer Skandalgeschichte handelt. Martínez selber kommt dabei nicht so richtig sympathisch und glaubwürdig rüber, weil er etwas hilflos versucht, seinen Arbeitgeber Facebook im Nachhinein zu dämonisieren.

„Ich habe alles gefucked“

Die Schulung, die neue Mitarbeiter bei Facebook durchlaufen, nennt Martínez „Bootcamp“. „Auf der Bühne gibt es mitreißende Reden über die neue Kultur und Philosophie, von der wir jetzt Teil sind“, erzählt er der Zeit. Ja, warum nicht? Mitreißende Reden sind ja erstmal nichts Schlechtes. Im „Bootcamp werde man anschließend „wie beim Militär in die Philosophie eingewiesen und muss den Code des Netzwerks bedienen lernen“. Ja. Es kann vielleicht nichts schaden, wenn man den Code des Unternehmens lernt. Worin der „Bootcamp“-Aspekt der Schulung besteht, erläutert Martínez nicht.

Über seine ersten Tage hat Martínez dann noch folgende Anekdote zur Hand: „Die Architektur von Facebook ist ein Code – der verblüffend einfach ist. Ich habe ihn heruntergeladen und dann den Likebutton auf meinem Account umbenannt in Fuck. Fortan habe ich nichts mehr geliked, sondern nur noch alles gefucked.“ Einfacher Code ist das Ziel jedes Programmierers. Da kann man Facebook wohl gratulieren. Und dieser Fuck-Button sagt eine Menge über den Autoren. Eher weniger über Facebook.

„Poster in Revolutionsästhetik“

Auch über seinen Chef Mark Zuckerberg äußert sich Martínez natürlich. Da muss er sich schon mächtig anstrengen, um skandalträchtige Einzelheiten zu finden. „Je näher man an Zuckerberg sitzt, desto wichtiger ist man. Es gibt ein zentrales Besprechungszimmer, ganz aus Glas, alle nennen es das Aquarium. Dort hält Zuck Hof“, erzählt er der Zeit. Man bespricht sich nicht, Zuckerberg „hält Hof“. Ist klar. Und weiter: „Überall hingen Poster in so einer Revolutionsästhetik. Es gab eine eigene Posterpresse bei Facebook für interne Propaganda. Die wichtigsten Lehrsätze lauten: Make an impact! Go fast and break things! Done is better than perfect. Get in over your Head.“ Ja, echt schlimm.

Interessant wird es, wenn Martínez von seinem eigenen Geschäftsgebaren erzählt: „Ich hatte ein ziemlich heißes Startup für Internetwerbung aufgebaut. Wir hatten ein paar der bekanntesten Investoren an Bord. Nach zehn Monaten begann Twitter, sich für uns zu interessieren. Um deren Angebot zu erhöhen, versuchte ich sie gegen Facebook auszuspielen. Die wollten dann mich. Mein Unternehmen und meine alten Partner habe ich an Twitter verkauft.“ Die Kälte und Technokratie, die er Facebook vorwirft, scheint ihm selber ganz gut zu liegen.

„Facebook ist legales Crack“

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Und dann äußert der Ex-Manager noch seine generellen Bedenken gegen Facebook. „So oft, wie die Leute das täglich nutzen, denke ich, Facebook ist legales Crack.“ Ja, das muss sich doch verkaufen. Facebook ist wie Crack. Die Zeit macht daraus prompt die Überschrift. So liefert man Schlagzeilen. Das geht sogar noch besser: „Die Silicon-Valley-Firmen ziehen irgendeiner Branche, die sie für reif halten, einfach den Stecker und schauen dann, was passiert. Ich weiß nicht, ob die Gesellschaft stabil genug ist, um das zu ertragen.“ Systemuntergang, Baby! Ausgelöst von den Tech-Firmen im Valley. Das liest man besonders in Deutschland gerne. Ohne Katastrophen ist das Leben doch irgendwie langweilig.

Zu Startup-Szene in Deutschland hat Martínez auch eine Meinung: „In Berlin fehlt es wie in allen anderen Möchtegernvalleys erstens an Geld, um ein Startup aufzubauen, und zweitens an Geld, um ein Startup aufzukaufen. In den USA finanzieren die, die in der ersten dotcom-Welle Geld gemacht haben, die Startups. Und nachher werden die dann von großen Unternehmen teuer eingekauft. Wann hat die deutsche Telekom zuletzt ein Drei-Leute-Startup eingekauft, so wie mich damals Facebook reinholte?“

„Ich werde meine Kinder nicht auf Facebook lassen“

In seinem Schlusswort des Interviews klingt Martínez dann endgültig wie ein kulturpessimistischer, zukunftsfeindlicher Soziologieprofessor, der seit Jahren vergeblich darauf wartet, dass unser System kollabiert: „Was die Zukunft meiner Kinder angeht: Ich werde sie nicht auf Facebook lassen. Ich werde versuchen, sie von der Technologie abzuschirmen. Ich werde sie davor schützen, soweit ich es kann. Sie sollen in der Realität einer kleinen Gemeinschaft aufwachsen, nicht in einer Simulation dieser.“

Die Kinder vor der Technologie abschirmen? Er muss mit seinem Geheimnisverrat gut verdient haben, um es sich leisten zu können, sie ihrer Zukunftschancen zu berauben. Wir dagegen werden unsere Kinder vor seinem Buch warnen.

Foto: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von jikatu