grossraumbuero

Was hilft gegen Kollegenterror?

Wer schon einmal in ein Open-Space-Büro geschaut und 25 Leute mit aufgesetzten Kopfhörern gesehen hat, ahnt, was inzwischen auch zahlreiche Studien belegen: Ein Großraumbüro fördert die Kommunikation nicht immer in der gewünschten Art und Weise. Der Schaden ist oft größer als der Nutzen. Gelingen kann die Zusammenarbeit trotzdem.

Die Arbeit im Großraumbüro ist anstrengend, kann die Produktivität eines Unternehmens senken und einzelne sogar krank machen. Mehrere Studien, darunter eine australische Untersuchung sowie eine Studie der Hochschule Luzern belegen dies durch eindrückliche Zahlen. Zusammenfassend kann man sagen: Die Krankheitsquote steigt mit zunehmender Anzahl von Mitarbeitern, die sich einen Raum teilen, und die Arbeitszufriedenheit sinkt.

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Was aber ist die Konsequenz daraus für junge Unternehmen? Kaum ein Startup kann sich Einzelbüros leisten, schon gar nicht, wenn es schnell wächst. Und kein Inhaber einer Kreativagentur wird seine Mietkosten verdoppeln wollen, solange nicht langfristig doppelter Gewinn prognostiziert werden kann.

Es gibt hervorragende Raumkonzepte, die optimale Klima-, Akustik- und Platzbedingungen auch auf kleinerem Raum vorsehen. Nur: Leisten können sich das nicht alle Unternehmen. Es gilt also, die Arbeit in einem Open-Space-Büro zu lernen. Und das geht, wenn man sich an ein paar Regeln hält. Die schwierigste kommt zuerst:

Wohlwollen. „Die quatscht den halben Tag mit ihrer Kollegin, ich weiß gar nicht, wann die arbeitet!“ – „Total der Nerd. Wenn der ‚Hallo‘ sagt, sind 50 Prozent seines Wortschatzes verbraucht. Ich weiß gar nicht, was der macht.“ Solche und ähnliche Aussagen zeigen, welche Haltung unter den Kollegen herrscht: Wer anders arbeitet als ich, nervt. Schon in der Schulzeit gab es Mitschüler, die ihre Hausaufgaben inmitten von vier streitenden Geschwistern und bei laufender Musik erledigen konnten und von Ablenkungen zwischendurch sogar inspiriert wurden. Und es gab die anderen, die ein „NICHT STÖREN!“-Schild an ihre Kinderzimmertür hängten. Und die dazwischen.

Nun sitzen eben alle zusammen in einem Büro. Der Reibungsverlust, der durch die permanente Abwertung und Lästerei entsteht, ist enorm. Dabei gibt es fast immer eine für alle gangbare Lösung. Unter einer Bedingung:

Reden vor Motzen

Man redet miteinander, bevor man sich anmotzt (Pro-Tipp: Das gilt grundsätzlich). „Ich kann mich schlecht konzentrieren, wenn neben mir laut telefoniert wird. Macht es dir etwas aus, leiser zu sprechen?“ Wer das sagt, wird vermutlich Erfolg haben – im Gegensatz zu: „Kannst Du nicht EINMAL so telefonieren, als wär‘ die Welt NICHT schwerhörig, verdammt!“ Der Trick: gleich ansprechen, was einen stört, anstatt es monatelang leidend zu erdulden. Und freundlich bleiben. Niemand telefoniert laut, um jemand anderen zu stören. Allerdings gilt, bei aller Toleranz für laute und leise Stimmen, sensible und belastbare Gehörgänge: Stimme runter. Ein möglichst tiefer, etwas gedämpfter Tonfall ist besser auszublenden als ein hoher, lauter und schriller Ton.

Allerdings ist Lärm nur ein Störfaktor. Der andere ist das Mettbrötchen mit Zwiebeln. Oder die Asiatasse. Oder der Döner. Hier sollte der Geschäftsführer eine strikte Grenze ziehen – und jegliches geruchsintensives Essen im Großraumbüro von Anfang an verbieten. Erstens: Der Geruch setzt sich fest. Zweitens: Man hat keine Chance, ihm zu entrinnen. In der Gemeinschaftsküche (wenn sie eine verschließbare Tür hat) gilt wiederum das Prinzip der Toleranz. Wer sich beklagt, dass es dort nach Essen riecht, soll bitte nicht hineingehen. Es ist eine Küche, kein Büro.

Wer anwesend ist, atmet

Und dennoch: Wer anwesend ist, riecht nach irgendetwas. Und atmet. Es lässt sich also nicht vermeiden, dass die Luft in einem Büro irgendwann verbraucht ist, es muss gelüftet werden. An diesem Thema zerbrechen Ehen. Und es gibt keine alle zufriedenstellende Lösung, nie. Aber es gibt eine Annäherung: Ein paar Mal am Tag kurz und kräftig durchlüften statt stundenlang das Fenster auf- oder zuzulassen. Wer schnell friert, kann so lange in einen anderen Raum gehen, während die Frischluftfanatiker einen ordentlichen Luftaustausch genießen können.

Apropos: Außer geruchsintensivem Essen und Angst vor offenen Fenstern gehört noch etwas nach draußen: Intimes. Der Streit (oder gar Sex) mit der Freundin hat im Open-Space-Büro nichts zu suchen, auch nicht als Nacherzählung. Eine kurze Verabredung, ein liebevolles „Freu mich auf Dich“ oder „Hab Dich lieb“ am Telefon – kein Problem. Ein knappes „Ich bin heut schlecht drauf, gestern gab‘s Krach zu Haus“ geht auch noch. Der Rest wird draußen besprochen.

Nähe und Distanz

Und nicht nur verbal ist es den meisten wichtig, eine bestimmte Distanz zu wahren, auch körperlich. Die so genannte Intimzone beträgt 50 Zentimeter. In diese lassen wir nur enge Freunde oder Partner, keine Kollegen und schon gar keine Fremden. Die für uns angenehme Gesprächsdistanz liegt zwischen 50 Zentimetern und einem Meter. Diese ist im Arbeitsumfeld mindestens einzuhalten, auch wenn am PC oder Smartphone etwas gezeigt wird und auch, wenn man selbst etwas großzügiger mit Nähe umgeht.

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Ach ja, das Smartphone. Oder welches mobile Endgerät auch immer da brummt, pfeift, singt, klackert oder kichert – es nervt. Wo viele Menschen zusammenarbeiten, gehört es lautlos gestellt. Das ist im Übrigen nicht nur angenehmener für die anderen, sondern auch für einen selbst.

„Alter, geht los!“

Dies alles gilt nicht nur während der eigenen Arbeitszeit, sondern während der gesamten Zeit, in der im Open-Space-Büro gearbeitet wird. Wer um sechs Uhr am Abend froh den Laptop herunterfährt und dem Kollegen vier Tische weiter „Alter, bist Du soweit? Geht los! Hast Du die Karten? Vorher noch McDeee?“ zuruft, der hat offensichtlich vergessen, dass andere noch arbeiten. Deren Feierabend beginnt vielleicht erst um 20 Uhr. Und jetzt um 20:08 Uhr. Denn laut einer Untersuchung der Computerwissenschaftlerin Gloria Mark dauert es rund acht Minuten, um nach einer Unterbrechung die Konzentration zu erlangen, die man vor der Unterbrechung hatte. Also: Der Feierabend beginnt draußen.

Es sitzt zusammen, was zusammengehört

Aber nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch der Inhaber oder Geschäftsführer hat für gute Bedingungen im Open-Space-Büro zu sorgen. Dazu gehört eine gute Planung. Und die sollte beinhalten: Es sitzt zusammen, was zusammen gehört. Auch wenn sich unterschiedliche Funktionsinhaber untereinander austauschen müssen, sollten die Mitarbeiter möglichst nach Funktionsbereichen getrennt sitzen. Entwickler zu Entwicklern, Analysten zu Analysten, Texter zu Textern, Designer zu Designern, Controller zu Controllern und Vertriebler zu Vertrieblern. Sie haben untereinander die größten Schnittmengen und sind von der Arbeit der anderen daher am wenigsten abgelenkt. So gelingt die Kommunikation, die das Großraumbüro ja fördern soll, am besten.

Dadurch darf der Austausch zwischen den Funktionsbereichen natürlich nicht unterbunden werden. Hierfür sollten Kommunikationsecken oder –räume eingerichtet werden, in denen nicht nur regelmäßige Meetings, sondern auch Ad-hoc-Austausch möglich ist (klar, verabredet wird sich per Chat, nicht verbal und quer durch den Raum). Und auch eigene Ruheräume sind sinnvoll. Wer für eine begrenzte Zeit einmal auf absolute Ruhe angewiesen ist, kann sich dorthin zurückziehen.

Wenn also keiner so arbeitet, als wäre er in seinem Büro allein, und alle akzeptieren, dass sie nicht allein im Büro sind, kann sie sogar nichtig Spaß machen, die Arbeit im Open-Space-Büro.

Bild: PantherMedia, Monkeybusiness Images