Schauspieler Benedict Cumberbatch in seiner Rolle als Alan Turing in „The Imitation Game“

Geek, Außenseiter, Genie

Zusammen mit den Filmverleihen DCM und SquareOne Entertainment lud Gründerszene zum exklusiven Neujahrs-Screening des Thriller-Dramas „The Imitation Game“ im Kino International in Berlin ein. Nach der Vorstellung trafen sich die Zuschauer in der Honecker-Lounge und tauschten ihre Gedanken aus. Technisch interessant, dramatisch, spannend, gesellschaftskritisch und zum Nachdenken anregend war der Streifen, der am 22. Januar 2015 deutschlandweit in den Kinos anläuft.

Im Zentrum steht Alan Turing, der als einer der einflussreichsten Theoretiker der frühen Informatik und Computerentwicklung gilt. Neben einem Großteil der theoretischen Grundlagen der heutigen Informatik ist er auch für seinen Nachweis der künstlichen Intelligenz bekannt. Heute würde man ihn als Geek bezeichnen, Tech-Unternehmen würden sich um ihn reißen. Damals hatte sein Umfeld selten Verständnis für den Außenseiter, der auf Grund seiner Arbeit beim britischen Geheimdienst nie laut als Genie gefeiert wurde.

Die Rolle des Alan Turing wirkt Sherlock-Darsteller Benedict Cumberbatch wie auf den Leib geschrieben: Der junge, sehr eigensinnige Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker wird während des Zweiten Weltkriegs von der englischen Regierung beauftragt, den Verschlüsseldungscode der Nazis zu knacken. Während Turings Kollegen versuchen, die Codes per Hand zu entschlüsseln, geht er mehrere Schritte weiter. Er will eine Maschine bauen, die die täglich neu genierten Verschlüsselungscodes der Nazis berechnet. Heute spricht man in diesem Zusammenhang von Big Data, intelligenten Algorithmen und künstlicher Intelligenz.

Parallelen zu den Genies von heute?

In vielen Momenten erinnerte mich der Film an den „This is to the crazy ones“-TV-Spot von Apple. Wie der Spot, so spricht auch „The Imitation Game“ zu denen, die Außenseiter sind, die sich nicht den Vorstellungen der anderen beugen, sondern den steinigen Weg wählen.

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Immer wieder versuchen seine Kollegen, Turing von seinem Vorhaben abzubringen, doch er lässt sich nicht umstimmen. Das liegt unter anderem an seiner herausragenden Genialität, einer Überdosis Arroganz und der gewissen trockenen Rationalität, die an den richtigen Stellen den nötigen Humor in den Film einfließen lassen.

Es wird behauptet, dass durch seine Erfindung der Krieg um zwei Jahren verkürzt wurde, was immense Konsequenzen für Menschen, Politik und Wirtschaft hatte. Dass er technologisch außerdem den Grundstein für das, was wir heute Computer nennen, legte, ließ sich damals nicht erahnen. Wobei dies natürlich keinen Einzelfall darstellt: Viele technologische Entwicklungen, wie zum Beispiel die Mikrowelle, das GPS oder das Funkgerät, wurden vom Militär entwickelt und fanden später in mehr oder weniger veränderter Form Einzug in den Alltag der Zivilbevölkerung.

Was aber hängen bleibt: Turing suchte nicht nach Aufmerksamkeit, sondern nach Lösungen. Wenn man dem Film glaubt, ging es ihm nicht um Ruhm, Ehre und Ansehen. Turing tat, was er liebte: Er löste Rätsel. Er suchte nicht die Lösung für ein kleines Problem, sondern sah das Große, das Ganze.

Fakten und Fiktion

Der Film basiert zwar auf Fakten, es wurde aber auch einiges hinzugedichtet, vereinfacht und verändert, wie die britische Historikerin Alex von Tunzelmann im The Guardian schreibt. Dazu zählen Personen, Abläufe und die Benennung der Maschine.

Trotzdem oder vielleicht deshalb: „The Imitation Game“ ist einer der spannendsten und atemberaubendsten Filme, die ich seit langem gesehen habe. Viele der adressierten Probleme sind noch beziehungsweise wieder aktuell – nicht zuletzt für die Tech-Szene: Abhör- und Geheimdiensttechnologien, Verschwörungstheorien, die Rolle der Frau in einem Männerberuf. Und die Frage, wie Technik Leben rettet und Leben zerstört.

Für alle, die im Tech-Bereich arbeiten, ein Must-See.

Bild: 2015 Square One