eat the bankers

Mit dem Berliner Startup N26 – früher Number26 – ist das Thema Fintech spätestens in diesem Jahr bei einem breiteren Publikum angekommen. Gerade in den vergangenen Wochen gab es aufsehenerregende Diskussionen, etwa wegen einer Sicherheitslücke bei dem Startup. Und auch die Politik ist stärker auf das Thema angesprungen – mit mehreren Branchentreffen.

Was hat das Jahr in der Fintech-Szene noch geprägt? Wir haben die Experten vom Blog Payment and Banking gefragt.

André M. Bajorat

Schon 2015 war ein Weckruf für die Finanzwirtschaft – und auch dieses Jahr habe ich so wahrgenommen: Die etablierten Player sind nun wach und beschäftigen sich mit Technologie. Es gibt gute Lösungen, die Banken gemeinsam mit Fintechs umsetzen oder selber starten, wie die Postbank mit ihrer App Finanzassistent.

DSC8750axswDie beiden großen Retail-Bankengruppen – also die Sparkassen-Finanzgruppe und die Volks- und Raiffeisenbanken – haben das Thema Fintech für sich erkannt und es oben auf ihre Agenda geschrieben. So haben beide Gruppen eigene Einheiten geschaffen und arbeiten gezielt mit Fintechs zusammen. Die Sparkassen kooperieren zum Beispiel über ihre Tochter Star Finanz mit dem Fintech Gini und das Zentralinstitut der VR-Gruppe hat in der DZ Bank ein eigenes Innovation-Lab gestartet.

Einen Schritt in die richtige Richtung geht auch die Deutsche Bank mit ihrer Digital Factory und die Comdirect mit der Startup-Garage. Die Commerzbank hingegen hat die Fintech-Aktivitäten zurückgefahren: Kein Fintech, in das der Bank-eigene Mainincubator investiert hat, ist bei der Commerzbank im Einsatz.

In diesem Jahr ist außerdem deutlich geworden, dass Frankfurt den Platz als Finanzstandort Nummer 1 in Deutschland – auch bei den Fintechs  – nicht einfach an Berlin abtreten wird. Die Aktivitäten der Deutschen Börse und die von den etablierten Banken gegründeten Tech-Quartiers sind ein Zeichen dafür.

Meine Erwartungen für dieses Jahr zum Thema Blockchain haben sich nicht erfüllt: Ich glaubte, 2016 würde es voraussichtlich erste echte Use-Cases auf Basis der Technologie geben. Auch Apple Pay ist nicht wie von mir erwartet nach Deutschland gekommen.

Dass Fintechs von Banken übernommen wurden, ist wie vorgesagt eingetreten. Holvi beispielsweise wurde von der spanischen Bank BBVA übernommen. Andere Fintechs sind selber zu Banken geworden, etwa N26 und die Solarisbank. Zudem gewinnt das Thema Insurtech an Bedeutung, wie sich an der jüngsten Ankündigung der Allianz ablesen lässt: Die Versicherung will künftig 430 Millionen in die Digitalisierung investieren.

André M. Bajorat ist ein Branchenkenner und CEO des Fintech-Startups Figo. Hinweis: Die Deutsche Börse ist an dem Startup Figo beteiligt.

Kilian Thalhammer

Zwei Tatsachen haben das Jahr besonders geprägt: Einmal die Abwanderungsgedanken einiger Startups aus der Fintech-Hochburg London nach dem Brexit – und ein grundsätzlicher Zweifel an der grenzenlosen Globalisierung, die Vieles im Finanzsektor erst ermöglicht hat. Die Unternehmen sind nicht von Tag eins global unterwegs – denn auch Märkte mit großem Potential haben ihre Eigenheiten, die es zu verstehen gilt.

kilian-thalhammer-foto.1024x1024-150x150Den Konflikt Fintech versus Banken gibt es nicht mehr: Banken haben sich arrangiert und ihre Strategien angepasst. Und damit manchen Beobachter positiv überrascht. Fintechs haben erkannt, dass eine durchdachte Bankpartnerschaft doch Vorteile haben kann, wie die Kooperationen zwischen dem Kontowechsel-Service Finreach und den Sparkassen zeigt.

Es ist viel schwerer mit einem fokussierten, aber isolierten Produkt alleine Geld zu verdienen. Ein Beispiel dafür ist der Robo-Advisor Vaamo, der nur relativ niedrige Nutzerzahlen aufweisen kann. Sogenannte White-Label-Lösungen entwickeln sich zum neuen Heilsbringer, generell scheint die Business-Zielgruppe ein echtes Comeback zu haben. Sei es über Angebote wie ein modernes Konto für kleinere Unternehmen und Freelancer wie bei Kontist oder die Entdeckung der Banken als Kunden.

Die Entwicklung ist noch nicht am Ende, aber die Szene kommt langsam aus dem Hype in der Realität an. Regulatoren wie die Bafin bewegen sich und versuchen sich auf neue Marktgegebenheiten einzustellen.

Apple Pay ignoriert den deutschen Markt weiter – oder tut sich schwer, mit den Banken auf Augenhöhe zu kommunizieren. Die Girocard versucht nun mobil zu werden und PayPal ruht sich auf seinem Status quo aus. Immerhin: Das Kundentreueprogramm Payback hat eine App auf den Markt gebracht, mit der man auch bezahlen kann und das scheint gut zu funktionieren.

Kilian Thalhammer ist seit mehr als zehn Jahren im Bereich Payment, Fintech, E-Commerce & Loyalty unterwegs. Er war Geschäftsführer bei Paymill und ist heute als Berater und Business Angel aktiv.

Bild: Getty Images/CARL DE SOUZA

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