Fintech - EXIST

Auge um Auge, Schein um Schein?

Banken und Fintechs setzen vermehrt auf Kooperation statt Konfrontation. Und das nicht ohne Grund. Die meisten Fintechs spezialisieren sich auf Teilbereiche der Wertschöpfung, sie sind ihre eigene Zielgruppe und kennen neue Kundenbedürfnisse von daher besser als so manch ein alteingesessenes Finanzinstitut. Innovationen werden von den jungen Finanz-Revoluzzern schnell umgesetzt. Und auf genau diese Impulse sind Banken angewiesen, um in Sachen Digitalisierung nicht den Anschluss zu verpassen und neue Kunden von sich zu überzeugen. Banken wiederum sind erfahrene und lizenzierte Institute mit bestehenden Infrastrukturen, die Fintechs für die Abwicklung ihrer Geschäfte benötigen.

So weit, so gut. Welche Signale zeigen jedoch ganz konkret, dass die Fintech-Branche nicht mehr in den Kinderschuhen steckt – und dass die Kooperationsbereitschaft zunimmt?

Fintech wird erwachsen: Die 3 wichtigsten Entwicklungen

1. Akzeptanz und Professionalisierung

Banken nehmen Fintechs immer ernster. Viele große Geldhäuser kooperieren mittlerweile mit Startups, um gemeinsam an neuen digitalen Banking-Lösungen zu tüfteln. Einige Fintechs sind zudem auf dem besten Weg, zu unabhängigen Banken zu werden: So erhielt ein bekanntes deutsches Startup kürzlich Vollbanklizenzen von der BaFin und der Europäischen Zentralbank. Außerdem sprießen immer mehr Verbände und Netzwerke aus dem Boden, die die Weiterentwicklung der Branche vorantreiben. Im Sommer dieses Jahres wurde zum Beispiel die European Fintech Alliance gegründet – eine Art Lobby, die anstrebt, bei europäischen Finanzfragen mitentscheiden zu können.

Und: Fintech kann man jetzt auch studieren. Der Studiengang „Digital Innovation and Fintech“ an der School of Finance and Management in Frankfurt zum Beispiel richtet sich an gründungshungrige Finanz-Liebhaber.

2. Hohe Investments

Die Bereitschaft, in Fintechs zu investieren, steigt kontinuierlich. Einer Accenture-Studie zufolge belief sich 2015 die Summe der Investitionen hierzulande auf 770 Millionen US-Dollar – ein Anstieg von 840 % im Vergleich zum Vorjahr. Bei Finanzierungsrunden machten Startups wie Barzahlen oder Cringle mit namhaften Investoren von sich reden, die mit beträchtlichen Summen einstiegen.

3. Vielfalt und Disruption

Neue Technologien in den Bereichen Crowdleding, Crowdinvesting, Robo Advisor, Mobile Wallets oder Blockchain zeigen, dass Fintechs nicht nur klassische Bankdienstleistungen digitalisieren, sondern auch mit komplett neuen Innovationen den Markt aufbrechen wollen – und können.

Die nächsten Schritte? Vertrauen schaffen und Kundendialog aufbauen

Traditionelle Banken mitsamt ihrer klassischen Produktpalette sind bekannte Institutio – allein das verschafft ihnen den Vorteil, dass Kunden ihnen vertrauen. Der Durchschnittskunde höheren Alters hat zudem in der Regel wenig an seiner Bank auszusetzen. Doch was ist mit der jüngeren Kundengruppe, die sich neue Dienste wünscht?

Viele Konsumenten wissen vielleicht gar nicht, was es bereits alles auf dem Fintech-Markt gibt. Das Wissenslevel über Innovationen schwankt von Verbraucher zu Verbraucher. Vor allem komplizierte Produkte müssen also von Seiten der Startups klar erklärt werden. In der Kundenkommunikation ist es daher wichtig, das Geschäftsmodell transparent zu halten und eine Balance zwischen Seriosität und Innovator-Image zu finden, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. Denn das ist letztendlich die wichtigste Entscheidungsgrundlage für Finanzgeschäfte.

Vorantreiben der Fintech-Szene

Verschiedenste Initiativen unterstützen die Fintech-Bewegung, da diese essenziell für die Digitalisierung des Bankensektors ist. So auch EXIST: Mit drei verschiedenen Ausrichtungen fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft, die einen innovativen technologierorientierten oder wissensbasierten Schwerpunkt haben. Im Fintech-Pool des Gründerstipendiums lassen sich einige bekannte Player finden – zum Beispiel Cringle und Barzahlen. Im Interview erzählen die Gründer, was der Trigger für die Gründung war, welche Pläne sie noch haben und warum sich eine Bewerbung bei EXIST lohnt.

Mit dem Smartphone Geld versenden

Mit Cringle können User sich kleine Geldbeträge unkompliziert per App schicken. Die Idee entstand nach einem Fußballspiel, als die Gründer mit ihren Freunden auf den Sieg anstoßen wollten: Während der Bestellung merkten sie, dass niemand Bargeld, aber dafür jeder sein Smartphone bei sich hatte. Ein Paradebeispiel dafür, wie man selbst sein eigener Kunde wird und umgehend eine Produktlücke füllt. „Und das ist der große Wettbewerbsvorteil: Fintechs besitzen eine besondere Nähe zum digitalen Endkunden“, sagt Mitgründer Joschka Friedag. „Sie sind technisch interessiert und können mit ihrer Digitalexpertise und ihrem Tatendrang schneller agieren als so manch eine Bank.“

Team Cringle Das Cringle-Team

Damit seien die Startups den traditionellen Finanzhäusern oft einen Schritt voraus. „Da eigene Banking-Lösungen meist zu kompliziert und wenig innovativ sind – und zudem zu spät entstehen – suchen Banken gezielt Kooperationen mit Fintechs“, so Friedag. Nur so könnten sie den Herausforderungen der Digitalisierung begegnen.

Geld überweisen ohne mühseliges Nummern-Wirrwarr

Die Cringle-Gründer fanden, die Eingabe einer IBAN stelle keinen zeitgemäßen Prozess des Online-Bankings mehr dar. Sie entwickelten ein Produkt, das dieses Problem löste und dazu einfach zu bedienen ist. Seit 2014 kooperieren sie mit der DKB. „Durch die enge Zusammenarbeit mit den Banken ist es nicht nötig, vorab ein virtuelles Konto zu eröffnen und dieses vor der Nutzung aufzuladen. Man kann einfach loslegen.“

Cringle

Support von EXIST in der Gründungsphase

Die EXIST-Förderung habe dem Team maßgeblich dabei geholfen, die Idee umzusetzen. „Die finanzielle Unterstützung und die zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten waren das Fundament für unseren erfolgreichen Start“, fasst Friedag zusammen. Durch die Nähe zur TU Berlin bestand für das Team ein enger Kontakt zur Forschung und zum wissenschaftlichen Netzwerk der Universität, was ihnen in puncto Produktentwicklung weiterhalf. „EXIST legte den Grundstein für unsere bisherigen Erfolge, wie unsere Crowdfunding-Kampagne, die mit knapp 800.000 Euro unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen hat“, so Friedag. Schon bald will das Fintech auch Nutzern außerhalb Deutschlands die Möglichkeit bieten, Cringle in ihren Alltag zu integrieren.

Online shoppen – und bar bezahlen

Online bestellen und bar an der Kasse bezahlen? Was auf den ersten Blick paradox erscheint, hat tatsächlich eine breite Abnehmerschaft. Und genau diese Zielgruppe bedient das Fintech Barzahlen. Wie kam das Startup auf die Idee, Bargeld online zu bringen?

„Mein Mitgründer war im E-Commerce tätig. Ihm fiel auf, dass viele Kunden ihren Einkauf bei der Auswahl der Zahlungsart abbrechen“, erzählt Co-Founder Achim Bönsch. „Ich wiederum komme aus dem Bereich Cosumer Goods & Retail einer Unternehmensberatung – im Einzelhandel lässt niemand seinen vollen Einkaufswagen kurz vor der Kasse stehen.“ Bei näherer Betrachtung fiel den beiden auf: Der einzige Unterschied war das Vorhandensein von Bargeld.

Barzahlen CEOs Die Barzahlen-CEOs Achim Bönsch und Sebastian Seifert

Expansion in andere Branchen

Mittlerweile ist Barzahlen nicht mehr nur eine Zahlart für den Online-Einkauf. „Wir sind aktuell in zehn verschiedenen Branchen tätig. Kunden können ihre Telefonrechnung, Versicherung, Miete oder Stromrechnung mit Barzahlen bezahlen – und sogar Geld von ihrem Konto über unser Netzwerk abheben“, erklärt Bönsch. „Besonders stolz sind wir auf unsere neue Banking-Lösung, mit der Kunden mit dem Smartphone Geld im Supermarkt abheben können.“ Nach N26 bietet auch die DKB ihren Kunden diesen Service an.

Barzahlen Eine Barzahlerin mit Zahlschein an der Kasse

EXIST war für die Gründer ein sehr guter Starthelfer. „Wir konnten das Produkt entwickeln und in eine erste technische Infrastruktur investieren. Zudem waren viele durch EXIST vermittelte Kontakte äußerst hilfreich. Insbesondere Prof. Dr. Volker Roth von der FU Berlin hat uns in technischen sowie Sicherheitsfragen mit seiner Expertise unterstützt“, so Bönsch.

Chancen und Herausforderungen der Fintechs

Wie geht es weiter in Sachen Fintech? Großes Potenzial sieht Bönsch insbesondere im B2B-Geschäftsfeld, da hier sehr komplexe Modelle gebaut werden können. Digitale Geldangelegenheiten sind jedoch immer noch ein sensibles Thema. „Fintechs sollten – genau wie Banken auch – die Bedenken der Kunden ernst nehmen. Hier geht es um Themen wie Käuferschutz, Einlagensicherung oder Datensicherheit. Wir haben bereits früh in eine TÜV-Zertifizierung als „Geprüftes Zahlungssystem“ investiert und bieten einen umfassenden Käuferschutz im E-Commerce-Bereich“, erzählt Bönsch.

Hier finden Interessierte alle Informationen zu EXIST.

 

Artikelbild: bossfight.co
Bilder Barzahlen: Barzahlen
Bilder Cringle: Cringle