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Das Flower-Power-Bild beginnt zu bröckeln

Wer an Cannabis denkt, kommt am Bild von bunten Blumenkleidern und bunt bemalten VW-Bullis kaum vorbei. Dabei ist heute alles anders, das Peace-Zeichen ist hartem Tech-Geschäft gewichen. In den USA gab es im vergangenen Jahr sogar einen Gras-IPO: Mit Innovative Industrial Properties legte das erste Marihuana-Startup sein Debut auf dem Parkett der New York Stock Exchange hin. Dabei handelt es sich um ein recht junges Unternehmen, das mit nur einer Handvoll Mitarbeitern in Cannabis-Plantagen investiert – und das nun eine Marktkapitalisierung von 62 Millionen Euro aufweist. Fast täglich kommen an den und abseits der Börsen neue Marihuana-Investitionsmöglichkeiten hinzu.

„Zuerst war Cannabis eine riesige rechtliche Unsicherheit. Aber heute ist es ein tragbares Geschäftsmodell“, sagt Mark Williams im Gespräch mit Gründerszene. Er ist Gründer des kalifornischen Cannabis-Startups Firefly Vapor. Mit seinem Gras-Erhitzer will das junge Unternehmen in den lukrativen Cannabis-Markt einsteigen, und das sogar, ohne sich direkt mit der Legalität des Pflanzenprodukts auseinandersetzen zu müssen. Morgen tritt er auf der HEUREKA Konferenz auf und erzählt seine Geschichte.

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Williams hofft auf den Erfolg von handlichen Geräten, die die berauschenden Stoffe aus Cannabis freisetzen können, ohne dass durch die übliche Verbrennung entstehenden krebserregenden Stoffe entstehen. Alles Smartphone-gesteuert für die richtige Temperatur, versteht sich. Das Unternehmen verkauft seit April bereits ein zweites, verbessertes Modell seines sogenannten Vaporisierers. 100.000 davon habe man bis Ende 2016 bereits an die Kunden bringen können. Über einige spezialisierte Online-Shops ist das Gerät auch hierzulande erhältlich, darunter ein Laden namens Verdampftnochmal im Berliner Stadtteil Treptow. Vier Fünftel der Kunden kommen aber aus den USA.

Mark Williams hat, hier darf man gerne schmunzeln, aus einem Hobby seinen Beruf gemacht: In der Uni kommt er zum ersten Mal in Kontakt mit Cannabis, erzählt er – alles ganz legal, natürlich, und mit medizinischer Erlaubnis. Dann fängt er an, Bongs aus Keramik zu fertigen und zu verkaufen. Das macht ihn nicht reich, aber für ein Auto reicht es. Einen Namen macht er sich als Interface- und Produkt-Designer im Silicon Valley, stolze 22 Jahre lang. Unter anderem arbeitet er für Apple, wo er für die Benutzeroberfläche von Mac OS X verantwortlich ist. Auch in dieser Zeit nutzt er immer wieder Cannabis, sagt Williams. Weiterhin legal, betont er.

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Sasha Robinson und Mark Williams (von links)

Allerdings ist er nicht zufrieden mit der Art und Weise, wie Cannabis konsumiert wird. Besonders die negativen gesundheitlichen Aspekte hätten ihn gestört. „Das hat uns so sehr beschäftigt, dass wir unsere Jobs gekündigt haben“, sagt Williams. Zusammen mit seinem Freund und Kollegen Sasha Robinson verlässt er Apple, zusammen gründen sie Firefly, die Entwicklung finanzieren sie selbst. Auf die eigene Methode, das Marihuana ohne Kontakt mit Heizmaterial blitzschnell und nur während des Einatmens zu erhitzen, ist er stolz. Es sei genau das, was Firefly von den vielzähligen Wettbewerbern unterscheide. Die allerdings sind zumindest finanziell schon einen Schritt weiter: Der Anbieter Pax etwa, der als Hauptkonkurrent mit einem einfacheren Heizsystem auf den Markt gegangen ist, hat bereits etwa 45 Millionen Dollar aufgenommen.

Im diesen Jahr will Williams nun aber doch Investoren finden, die sich in den gerade entstehenden Cannabis-Markt hineinwagen. „Wir wollen mehrere Millionen Dollar aufnehmen“, verrät der Firefly-Gründer. Angesichts des wachsenden Interesses ist er überzeugt davon, schnell Geldgeber zu finden. Mit dem frischen Kapital soll das Produktangebot ausgeweitet werden. „Es gibt ja mehrere Preispunkte, zu denen man solche Geräte verkaufen kann“, erklärt Williams. Mit 300 Dollar sieht er den Firefly im oberen Mittelfeld platziert. Der Knackpunkt werde aber das Marketing sein. „Wie viel sollen wir dafür ausgeben?“, fragt er rhetorisch. Zu frühe Investitionen in einen gerade erst entstehenden Markt sind nicht effizient. Wer aber zu spät kommt, muss umso mehr Geld ausgeben.

Dass der Markt wachsen wird, da ist sich Williams sicher. „Jetzt ist ein großzeitiger Zeitpunkt um zu expandieren. Cannabis wird in immer mehr Staaten legalisiert“, sagt Williams. Seit dem Frühjahr 2017 ist Cannabis übrigens auch in Deutschland als Arznei auf Kassenrezept zugelassen werden. Hinzu komme: Noch ist die Technologie nicht ausgereift und kein weit verfügbarer Gebrauchsgegenstand. „Wir erfinden bei Firefly tatsächlich Kram!“, betont Williams. In den kommenden fünf Jahren rechnet der Gründer aber mit einer Stabilisierung bei der Cannabis-Technologie.

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Der Firefly 2 hat ungefähr die Größe eines Telefons.

Gleichzeitig sei aber auch die Cannabis-Forschung gerade erst am Anfang. „Heute kennen wir 175 unterschiedliche Cannabinoide. Aber niemand weiß, wie sie sich im Zusammenspiel verhalten, auch was Geschmack und Wirkung angehen.“ Irgendwann soll sein Unternehmen nicht mehr nur Vaporisierer verkaufen, verrät der Gründer, sondern auch passende Cannabis-Präparate.

Bevor es dann in ein paar Jahren zur Konsolidierung kommt, will Williams Firefly zu einem dominanten Anbieter aufgebaut haben. Das soll vor allem deshalb klappen, weil Firefly mit seinem achtköpfigen Team effizienter arbeite als die Konkurrenz. Während die US-Wettbewerber wie das stark Design-orientierte Pax gleich in der Nachbarschaft im Mission District San Franciscos ansässig ist, kommt ein wichtiger Konkurrent aus Tuttlingen an der Donau: der schwäbische Anbieter Storz & Bickel. Der hat bereits eine ganze Reihe an Vaporisierern auf den Markt gebracht. Und längst auch ein Büro in Kalifornien eröffnet, auch für den deutschen Hersteller sind die USA der mit Abstand größte Absatzmarkt.

Von der vermeintlichen Übermacht will sich Williams aber nicht beeindrucken lassen. „Wir brauchen weniger Geld für die Entwicklung“, gibt sich Williams sicher. Vor allem aber sei der Firefly gut an den Lebensstil der jungen Zielkundschaft angepasst. Während andere Geräte zwar in der Handhabung durchaus ähnlich funktionieren, habe der Firefly einen wichtigen Vorteil: „Unser Vaporisierer ist fast sofort einsatzbereit. Man kann also immer mal schnell einen Zug nehmen“, wirbt Williams. Will heißen: Kiffen on the go. Die eigene Zielgruppe sieht der Firefly-Gründer daher auch nicht nur beim bewussten abendlichen Genießer. „Nach einem anstrengenden Meeting etwa kann ich so runterkommen“, erklärt er. Spätestens hier wackelt das romantische Bild der Flower-Power-Bewegung aus den Sechzigern endgültig.

Dieser Artikel ist Ende 2016 erschienen. Anlässlich der morgigen HEUREKA Konferenz, auf der Firefly-Gründer Mark Williams auftritt, haben wir das Porträt noch einmal aktualisiert.

Bild: Jeremy Rice / Gettyimages

 

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