So sah die Eröffnung von Food Assembly im Berliner Betahaus aus – das Berliner Food-Assembly-Team ist an den Schürzen zu erkennen.

Ein junger Mann nähert sich dem Verkaufsstand von David Peacock. „Nummer 16, bitte.“ Der junge Mann hat einen französischen Akzent. Peacock, ein großer, schlaksiger Typ, schaut in einer Liste nach, dann hakt er die 16 ab. „Eier und Saft, richtig?“ Der Franzose nickt. Wann die Eier gelegt wurden, will er wissen, und wie lange er sie aufbewahren kann. „Die sind von heute“, sagt Peacock. Zwei Wochen haltbar. Der junge Mann packt Eier und Saft in seinen Jutebeutel. „Der Saft war sehr gut letzte Woche“, sagt er noch. Peacock lächelt.

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Der Franzose verabschiedet sich. Ohne auch nur einen Cent zu zahlen, verlässt er den Markt in der Veteranenstraßen in Berlin-Mitte. Seinen Einkauf hat er schon vorher bezahlt. Online. Auf der Plattform von Food Assembly, einem Social Startups aus Frankreich. Das Konzept: Produzenten aus der Region mit Kunden zusammenbringen, die genau wissen wollen, wo ihr Essen herkommt.

Die Kunden von Food Assembly bestellen ihre Lebensmittel einmal wöchentlich auf der Food-Assembly-Plattform. So wissen die Produzenten wissen also genau, welche Warenmengen sie am Ende verkaufen werden. Einmal in der Woche findet dann ein zweistündiger lokaler Assembly-Bauernmarkt statt. Dieser wird von einem Gastgeber organisiert – das kann ein Verein, ein Café, eine Schule, ein Kulturzentrum sein. Dort werden die Produkte dann übergeben.

Von Toulouse nach Berlin

Die Idee zu Food Assemby entstand 2010 in Toulouse, Frankreich. Guilhem Chéron und Marc-David Choukroun wollten mithilfe der Internetplattform La Ruche Qui dit Oui eine neue Möglichkeit für Erzeuger und Verbraucher schaffen, sich zu vernetzen. Inzwischen gibt es mehrere hundert französische Assembly-Märkte, auch in Belgien, Großbritannien und Spanien ist die Initiative aktiv – und seit Sommer 2014 auch in Deutschland.

Beim Assembly-Markt darf immer auch probiert werden.

Hinter dem deutschen Ableger steht die Equanum GmbH mit Sitz in Berlin-Mitte. Angefangen hat das deutsche Team mit Networking im Berliner Betahaus. Aktuell gibt es 15 deutsche Märkte, unter anderem in Berlin, Köln und München. Etwa 20 weitere befinden derzeit sich bundesweit im Aufbau.

Das Modell trägt sich über Dienstleistungsgebühren: Jeweils 8,35 Prozent des Umsatzes der Erzeuger gehen an Food Assembly und an den Gastgeber des Bauernmarkts. Für den Produzenten soll sich das Ganze trotzdem rentieren, denn der Verkauf der Waren an den Verbraucher findet direkt statt, ohne Zwischenhändler.

Für kleine Landwirtschaftsbetriebe mit Überschuss

Landwirt David Peacock stieß eher zufällig auf das Konzept von Food Assembly. Seine Frau hatte einen Flyer des Startups in die Hand bekommen. Schon am nächsten Tag meldeten sie sich für ihren ersten Assembly-Markt in der Berliner Veteranenstraße an. Mittlerweile machen sie jede Woche mit. Auch beim Assembly-Markt in der Ruheplatzstraße in Berlin-Wedding.

Peacock ist 27 Jahre alt. Sein Hof liegt in Mecklenburg, in der Nähe der Müritz. Landschaftlich genial, sagt er, aber sehr dünn besiedelt. Auf dem Hof werden Milchprodukte, Eier, Saft, Brot und Fleisch von Lamm, Rind und Geflügel produziert. Der junge Landwirt und seine Frau leben vor allem davon, dass im Sommer die Touristen kommen, Leute, die sich etwas Gutes gönnen wollen. „Das ist unsere größte Einnahmequelle“, erzählt Peacock. „Aber ganz klar: Die Mengen Fleisch, die wir inzwischen produzieren, können wir vor Ort nicht absetzen. Dafür gibt es in unserer Gegend nicht genug Genießer.“

So sah die Eröffnung von Food Assembly im Berliner Kulturzentrum ACUD aus.

Um die überschüssige Ware an den Großhandel zu verkaufen, ist es wiederum zu wenig. Was also tun, um die Produkte an den Mann zu bringen? Sich stundenlang auf den Markt stellen, um am Ende vielleicht doch nicht alles verkauft zu haben? Keine besonders attraktive Option.

Deswegen entschied Peacock, seine Produkten über den zusätzlichen Vertriebskanal von Food Assembly zu verkaufen. Preise und Mengen kann er selbst festlegen. „Wenn ich mir meine Landwirtschaft rein betriebswirtschaftlich anschaue, dann müsste ich das Ganze sein lassen“, erzählt Peacock. „Aber es gibt Synergieeffekte und da spielt eben auch das Food Assembly mit rein – alles zusammen trägt sich eben doch wieder.“

Erzeuger trifft Verbraucher

Für das Food-Assembly-Modell können sich nur Landwirte und Lebensmittel-Hersteller anmelden, die in der Region Lebensmittel selbst anbauen oder verarbeiten. Mit seinem Konzept nachhaltiger und regionaler Produkte steht das Startup im Wettbewerb mit Obst- und Gemüsekisten, die frisch vom Bauern kommen. Für die meisten Kunden ist offenbar der persönliche Kontakt zu den Produzenten einer der wichtigsten Anreize, um an den Assembly-Märkten teilzunehmen: dass sie denjenigen kennenlernen können, der ihren Käse oder Honig hergestellt hat.

Und auch für die Erzeuger ist es positiv, mit den Kunden zu sprechen zu können, Lob und Kritik zu bekommen. Zudem haben sie keinen Zeitdruck, ihre Waren an den Mann bringen zu müssen – denn es ist ja bereits klar, was verkauft wird. David Peacock macht auf den beiden Märkten pro Woche rund 500 Euro Umsatz und wird dabei meist alle Produkte los, wie er sagt. „Ich bin zufrieden, das klappt.“

Bilder: Food Assembly