Yücel

Eine pralle Woche mit vielen News und Geschichten aus der Startup-Welt liegt hinter uns. Ich war auf zwei politischen Veranstaltungen, in deren Fokus die Digitalisierung der Wirtschaft und die Innovationskraft unseres Landes stand. Es wurde leidenschaftlich und frei diskutiert. Politikerinnen, Vertreter der Wirtschaft, der Verbände, Gründer und Gründerinnen aus der Startup-Szene – man hört sich zu und tauschte Gedanken und Meinungen aus, um sich besser zu verstehen und sich das Leben und Arbeiten gegenseitig etwas leichter zu machen.

Doch während er Diskussion dachte ich oft an meinen Kollegen Deniz Yücel, der zur gleichen Zeit in einer Zelle eines türkischen Gefängnisses sitzt und sich an keinem Gespräch und an keiner Diskussion beteiligen kann. Die gegenwärtige Führung der Türkei hat offenbar kein Interesse an einem freien Meinungsaustausch und an einem freien Diskurs. Sie hat sogar so viel Angst davor, dass Journalisten wie Yücel eingesperrt werden.

Kritik aus Liebe zum eigenen Land

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Dabei hat Yücel in der Türkei nur seinen Job gemacht. Die Vorwürfe, er sei Mitglied in einer terroristischen Vereinigung sind abwegig und ungeheuerlich. Im Gegenteil. Yücel hat seine Korrespondenten-Aufgabe für die Welt ernst genommen und war aus Liebe zur Türkei besonders kritisch und genau in seinen Darstellungen des Landes. Genau auch in den Darstellungen von Fehlleistungen und Fehlentwicklungen. Aber eben nicht aus Gegnerschaft, sondern aus einer tiefen Zuneigung zur Türkei.

Zur gleichen Zeit sitzt in den USA ein Mann im Weißen Haus, der der freien Presse öffentlich den Kampf angesagt hat. Donald Trump bezeichnet alle Berichte und Kommentare, die ihm nicht gefallen, als Lüge. Medien und Journalisten seien Feinde des Landes. Ausgenommen davon sind lediglich diejenigen, die Trump und seiner Agenda nahestehen und sich zum Teil wie Werbeagenturen oder Verlautbarungsorgane des Präsidenten aufführen.

Wenn die Welt aus Freunden und Feinden besteht

In seinen Tweets zeigt Trump täglich, dass er das Prinzip der freien Meinungsäußerung und des öffentlichen Diskurses, der in den Medien und über die Medien geführt wird, gar nicht verstanden hat. Sein Verstand reicht offenbar lediglich dafür aus, die Welt in Freunde und Feinde einzuteilen. Und Feinde sind die, die eine andere Meinung haben als er selber oder die sein Vorgehen als Präsident kritisch begleiten.

Statt mit ihnen Argumente auszutauschen, sollen unliebsame Journalisten und Medien mundtot gemacht werden. Denn auch Trump hat nicht verstanden, dass in der unbeugsamen Kritik an Missständen im eigenen Land und an seiner Politik viel mehr Verantwortungsgefühl und Liebe liegt, als in pauschaler Lobhudelei und stumpfen Nationalismus.

Woher kommt die Verachtung des freien Wortes?

Wir schreiben bei Gründerszene selten über Politik. Eigentlich nur, wenn sie sich mit Digitalisierung oder Startups auseinandersetzt. Aber die Vorgänge in der Türkei und den USA geben mir zu denken. Wir schauen uns täglich genau an, was dort passiert und nehmen erschrocken zur Kenntnis, dass Trump mit seinem Kurs durchaus auf seine Wähler bauen kann, die diese Verachtung der freien Medien offenbar in großer Zahl teilen.

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In den Netzwerken sehen wir leider täglich, dass es solche Tendenzen auch in Deutschland gibt. Natürlich ist nicht alles, was in den Medien verbreitet wird, wahr. Nicht alles, was geschrieben wird, muss jedem gefallen. Alles kann und sollte diskutiert werden. Aber uns beschleicht leider ein ungutes Gefühl, dass die Errungenschaften des freien Wortes und der freien Presse von einigen Menschen nicht mehr Wert geschätzt werden.

Wenn wir nicht mehr schreiben dürfen, was ist, dann ist der Tag nicht mehr weit, an dem niemand mehr frei entscheiden kann, was er in seinem Leben tun will. Wir fordern die Freilassung unseres Kollegen Deniz Yücel. Und wir fordern euch alle auf, für die Freiheit der Meinungsäußerung zu kämpfen. Für unsere Freiheit!

Zur allgemeinen Beruhigung singt Alison Krauss hier ein sehr schönes Lied von ihrem neuen Album.