Eigentlich hat Apple eine gehörige Portion Charme verloren…

Diese Zahlen. Abstrakt. 18 Milliarden Dollar Gewinn im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2014/2015. Mit einem Umsatz von 74,6 Milliarden US-Dollar. 74,5 Millionen verkaufte iPhones. 178 Milliarden Dollar Cash in der Kasse. Wie machen die das bloß? Noch nie hat ein Unternehmen in einem Quartal so viel Geld verdient.

Bei uns in Deutschland hat die Marke Apple gefühlt eine gehörige Portion Charme und Faszination eingebüßt. Der charismatische Chef Steve Jobs lebt nicht mehr, Nachfolger Tim Cook hat deutlich weniger Ausstrahlung. Echte Innovationen sind nicht in Sicht. Es ist auch nicht ganz einfach, richtig innovativ zu sein, wenn man mit iPod, iPhone, iTunes und iPad die Latte selbst fast unerreichbar hoch gelegt hat. Die lange angekündigte Uhr soll im April endlich auf den Markt kommen. Schon jetzt heißt es, sie habe zu wenig Akkulaufzeit. Ein richtiges Fieber hat die Ankündigung bis jetzt jedenfalls noch nicht ausgelöst.

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Das bargeldlose Bezahlsystem Apple Pay läuft in den USA schon ganz gut. Bald kann man auch an Getränkeautomaten mit dem iPhone bezahlen und immer mehr Banken sind dabei. In Deutschland ist immer noch Bargeld das beliebteste Zahlungsmittel. Nur jeder dritte Deutsche ist im Besitz einer Kreditkarte. Technisch gesehen gibt es schon lange keinen Grund mehr, sich unbedingt ein Produkt von Apple kaufen zu müssen. Die Konkurrenz hat längst gleichgezogen oder ist manchmal sogar besser.

Aber wie schafft es Apple, diese unglaublichen Zahlen abzuliefern? Fünf Thesen:

1. Apple hat den Kampf aufgenommen

Unter Steve Jobs wäre das vielleicht nicht möglich gewesen. Aber Tim Cook nimmt die Konkurrenz ernst. Die Displays von Samsung und anderen Herstellern wurden immer größer. Bei Apple herrschte lange die Devise von Jobs: Der Nutzer muss mit seinem Daumen den ganzen Bildschirm erreichen können. Wahrscheinlich hat sich der große Meister geirrt und Nachfolger Cook nahm mit dem iPhone 6 unerschrocken den Kampf gegen Samsungs große Bretter auf. Die Kundschaft wünscht größere Displays? Dann soll sie die bekommen. Samsung und andere Konkurrenten haben ihren Vorteil verloren.

2. Apple besetzt die richtig großen Märkte

Zum ersten Mal in der Geschichte von Apple wurden in China mehr iPhones verkauft als in den USA. 36 Prozent der ausgelieferten iPhone-Einheiten sollen nach China verschickt worden sein. Nur 24 Prozent gingen in die Vereinigten Staaten. Aus deutscher Sicht kann man streiten, ob man unbedingt ein Smartphone von Apple haben muss. Das kann dem Konzern eigentlich egal sein. In China leben 574,2 Millionen Smartphone-Nutzer. Tendenz steigend. Hier spielt die Musik in Sachen Absatz. Auch in den USA sind es lediglich 184,2 Millionen Smartphone-Besitzer.

3. Das eigene Ökosystem

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Wer sich ein iPhone kauft, wird sich sehr wahrscheinlich auch Laptops oder Tabletcomputer von Apple kaufen. Weil die Geräte seit den Betriebssystemen iOS 8 und OS X 10.10 nahtlos miteinander funktionieren. Telefonate können auch vom Computer geführt werden. Man kann zum Beispiel eine Nachricht oder Mail auf dem iPad beginnen und auf dem Computer zu Ende schreiben. Das ist praktisch. Ein Wechsel zu Windows oder Android wird dadurch immer unwahrscheinlicher.

4. Apple kämpft um jeden Dollar

Die Produktion eines iPhone 6 kostet laut Experten zwischen 200 und 247 Dollar. Das hängt von der Speicheraustattung ab. Das ist nicht teurer als die Herstellung eines iPhone 5. Für ein iPhone 6 muss der Kunde allerdings im Schnitt rund 100 Dollar mehr bezahlen. Also stieg Apples Gewinnmarge auf 24 Cent für jeden Dollar Umsatz. Die Bedingungen, unter denen die Geräte hergestellt werden, sind allerdings sehr häufig Gegenstand von heftiger Kritik. Spiegel Online schreibt: „Dass Apple so große Gewinne macht, liegt nicht zuletzt daran, dass iPhone, iPad und andere Geräte unter ausbeuterischen Bedingungen gefertigt werden.“

5. Die beste Marke

Technische Geräte funktionieren nicht nach dem Prinzip: höher, schneller, weiter. Die große Masse kauft eine sexy Marke, ein Image – und nicht das Gerät mit der besonders hohen Kameraauflösung. Apple gilt immer noch als das Original und Erfinder des tragbaren Internets mit eingebautem Musikplayer. Alle anderen Geräte werden den schalen Geruch der Nachahmung nicht so richtig los. In der Mittagspause sind wir von Gründerszene an einem hübschen Designhotel in Berlin Mitte vorbeigegangen. Für einen Moment dachten wir, es sei ein Applestore. In der modern gestalteten Lobby stehen natürlich iMacs auf den hohen Tischen. Nichts anderes.

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Håkan Dahlström