Die Tür geht auf und da stehen sie auch schon vor mir. Zwölf chinesische Journalisten sind gerade auf Deutschlandtour und schauen sich an, was hier in Berlin so geht. In Sachen Journalismus – und in Sachen Startups. Sie erzählen mir, dass es auch in China eine lebendige Startupszene gibt. Mit ähnlichen Erfolgsmodellen. Besonders groß und schnell wachsend sind junge Unternehmen, die im weitesten Sinne mit der Lieferung von Essen zu tun haben. Die chinesische Regierung, die ja einen streng geregelten Kapitalismus praktiziert, lässt den jungen Leuten ziemlich freien Lauf. So wird mir jedenfalls berichtet.

Als ich von der manchmal sehr anstrengenden deutschen Eigenart berichte, die digitalen Innovationen als Bedrohung zu empfinden, geben mir die Kollegen eine einfache Antwort. Die chinesische Gesellschaft sei im Durchschnitt viel jünger. Da gäbe es so gut wie keine Widerstände gegen Innovationen. Die jungen Leute saugen alles auf wie ein Schwamm. In Deutschland sei es vielleicht die gesetzte Babyboomer-Generation, die jetzt um die 50 Jahre alt ist, die das Tempo drossele und lieber auf Bewährtes setzt. Als ich bemerke, dass ich auch Babyboomer und 52 Jahre alt bin, ist das Gelächter bei den Kollegen groß.

Anzeige
Zum Ausklang der Woche gab es dann noch einen Test des Kollegen Kai Diekmann, dem Herausgeber und Chefredakteur der Bild-Zeitung. Übrigens auch ein Babyboomer. Am späten Freitagabend streamte er zum ersten Mal per Facebook Livebilder ins Netz. An der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin gab es Bläsermusik und Feuerwerk. Bereits nach wenigen Sekunden wollten mehr als 100 seiner Facebook-Freunde sehen, was Diekmann mit seinem Smartphone filmte. Dazu kommentierte er live – und erwies sich als Meister der Überbrückungs-Moderation. Es dauerte nämlich eine Weile bis das Feuerwerk endlich losging. Zwischendurch kletterte er über einen Sicherheitszaun und wurde von den Sicherheitskräften charmant auf seinen Fehler aufmerksam gemacht. Diekmann befolgte die Anweisungen, sich zurückzuziehen, selbstverständlich prompt und unverzüglich.

Was hat Facebook eigentlich vor? Was ist die Strategie? Mit den Liveübertragungen atmet der Zuckerberg-Konzern mal eben schnell Twitters Live-Stream-App Periscope ein. Wer wird Periscope nutzen, wenn man auch mit Facebook live senden kann? Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur All-Inclusive-Lösung für das Netz. Der Nutzer soll in Zukunft alles auf Facebook oder im dazugehörigen Messenger erledigen können. Mal schauen, wann Geldüberweisungen und ärztliche Ratschläge dazu kommen. Facebook is eating the internet. Mahlzeit!

Für uns bei Gründerszene ist Facebook ein wichtiger Vertriebskanal. Seit Freitagnachmittag haben wir mehr als 100.000 Freunde im Netzwerk. Sie sehen unsere Artikel, wenn wir auf Facebook posten; und der Algorithmus es gut mit uns meint. Denn er bestimmt, was die Leute an ihren digitalen Endgeräten in ihrem Stream lesen oder eben nicht. Wenn in ein paar Wochen Artikel auf der neuen Blogging-Plattform, Live-Videos und native Medieninhalte veröffentlich werden, ist Facebook auf einen Schlag Herausgeber, Chefredakteur und Chef vom Dienst in Personalunion. Viele Medien werden dabei sein. Wir sind gespannt, wie Facebook mit dieser Verantwortung umgeht. Wenn die Nutzer das Gefühl haben, dass gewisse Inhalte ausgeblendet werden, kann es auch schnell wieder vorbei sein mit der journalistischen Ämterhäufung bei unserem Lieblingsnetzwerk.

Da fällt mein Blick kurz vor Schluss dieser Kolumne nach links. Auf die Zwischenüberschrift einer Tageszeitung aus dem süddeutschen Raum. „Die Beglückungsfantasien der Silicon-Valley-Unternehmer nützen vor allem ihnen selbst“, steht da. Während in den USA und in vielen Startups in Deutschland an der Zukunft programmiert wird, hält sich das deutsche Feuilleton immer noch für geistig und vor allem moralisch überlegen. Solche Zeilen sind alltäglich und im Grunde eine Selbstvergewisserung für Leser, die es sich gemütlich eingerichtet haben, die sich auf keinen Fall von der Stelle bewegen möchten. Und alle Bewegungen da draußen, vor allem die digitalen, ohne genauere Prüfung als moralisch verkommen diskreditieren.

Wir freuen uns über fast alle Arten von Beglückung, vor allem sommerliche Wochenenden und unsere vielen Facebookfreunde. Doch bevor es mit Club Mate und Chips, die uns GoButler und Sixtyoneminutes vorbeigebracht haben, an den Landwehrkanal geht, hier noch drei handverlesene Musikstücke.

Das ist Pop! Jeff Lynne und sein Electric Light Orchestra. Mit verstörenden Bildern. Gute Kombination.

 

Die Hamburger Band Boy hat gerade ihr neues Album herausgebracht.

 

Japaner sind anders. Schaut selber. 

 

Foto: Screenshot Youtube / ELO