Was sollen wir tun? Wie verwandeln wir Digitalisierungsskepsis in Zukunftsbegeisterung? Klar ist: Eine digitale Gründerkultur ist kein hipper Selbstzweck.

Wir brauchen jetzt Maßnahmen und Narrative. Bei guten Geschichten besteht die Kunst im Weglassen und Verdichten. Lasst uns also herausfinden, wo unsere europäischen Stärken liegen, was wir wollen – und was nicht. Die Marslandung ist uns nicht so wichtig. Aber als Kontinent der Aufklärung wollen wir Spitzenbildung, die sich alle leisten können – kann uns die Digitalisierung da helfen? Weil sozialer Frieden für uns Europäer ein hohes Gut ist, brauchen wir eine Top-Gesundheitsversorgung für alle Bürger – wird das durch digitale Medizin bezahlbar? Wir wollen keine Kohle mehr fördern und die CO2-Emissionen senken – schaffen wir das durch eine neue, digitalisierte Mobilität?

Wir wollen keine Abschottung und keine Kleinstaaterei, sondern aus der Vielfalt an Sprachen und Kulturen als Kontinent die weltweit hörbare Stimme der Vernunft sein. Lasst uns also anfangen, eine Vision zu entwickeln!

Weg mit den Fördergeldern!

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Und konkret: Wir streichen alle Fördergelder für Startups. Antragsprosa ist keine Gründungskompetenz. Fördergelder schaffen kein Ökosystem für die Digital Economy. Im Gegenteil: Sie fördern die Gefahr, dass sich die richtigen Köpfe mit den falschen Ideen beschäftigen. Stattdessen verbessern Deutschland und Europa die Voraussetzungen für Angel- Investments in der Frühphase von Unternehmen und für Venture Capital in ihrer Wachstumsphase. Nur die Investoren-Validierung hilft den Startups und dem Markt. Es geht nicht darum, dass alle Startups Gelder bekommen. Sondern darum, dass die aussichtsreichsten große Finanzierungen und großes Talent anziehen. Daran hapert es heute noch.

Europa setzt Anreize zur Übernahmen von Startups durch Industrie und Mittelstand. Das beschleunigt die digitale Transformation der Old Economy. Vor allem aber: Mehr Exits helfen dem gesamten Ökosystem und steigern indirekt den Zufluss von internationalem Wagniskapital – durch die damit wachsende Erfolgswahrscheinlichkeit für die Investoren. Das Silicon Valley ist auch deshalb so erfolgreich, weil die GAFA-Konzerne vor ihrer Haustür Gründungen aufkaufen, sobald sie ihnen auffallen.

Das nächste Google gründet kein Betriebswirt

Liebe Universitäten, holt Eure Gründer zurück an die Alma Mater! Die Samwer-Brüder, wenn auch nicht unumstritten, haben das mit der WHU vorgemacht. Studenten brauchen Vorbilder, um selbst zu gründen. Da sind sich Spitzenforschung (Endziel Nobelpreis) und Gründerszene (Fernziel Börsengang) sehr ähnlich. Die Nachbarschaft von Silicon Valley und Stanford University ist kein Zufall. Und sorgt dafür, dass sich die Besten aus unterschiedlichen Fachbereichen kennenlernen. Soviel ist sicher: Das nächste Google wird wieder nicht von einem Betriebswirt gegründet. Gerade den Naturwissenschaften muss deshalb schon in der Schule mehr Kreativität und Unternehmergeist eingehaucht werden.

Was Mut und Hoffnung macht, sind Hubs wie Tel Aviv oder Stockholm, die ohne großen Heimatmarkt und gerade aus der Schwäche einer fehlenden Industrie heraus funktionierende Ökosysteme mit erfolgreichen Gründungen hervorgebracht haben. Ihr Momentum zeigt: Europa darf sich nicht mit Förderprogrammen und Infrastrukturbürokratie vom Wesen der Digitalisierung ablenken lassen. Jetzt ist die Zeit, Europa digital auf die Sprünge zu helfen.

Dieser Essay erschien in einer gekürzten Version bereits in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Gründerszene veröffentlicht ihn exklusiv in voller Länge.

Bild: Archiv

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