Young woman in office standing by org chart

Bei einem Pitch zählt nicht nur ein gutes Geschäftsmodell, sondern auch das Auftreten des Gründers.

Natürlich ist jeder Gründer so unterschiedlich wie sein Unternehmen, doch wahrscheinlich kann niemand, der schon eine größere Anzahl Pitches gesehen hat, von sich behaupten, nicht schon mal etwas gedacht zu haben wie: „Ah, das scheint wieder so einer zu sein, die machen meistens…“ oder im schlimmsten Fall: „Oje, wieder einer von der Sorte!“. Ein geschickter Gründer kann sich das ein oder andere Klischee dabei vielleicht durchaus zu Nutze machen. In diesem Sinne, hier eine nicht ganz ernst gemeinte und weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Richtigkeit erhebende Darstellung einiger kursierender Klischees.

Der Dynamische

Er ist überaus selbstbewusst, redegewandt, stilsicher und liefert einen rhetorisch perfekten Pitch, der oft fast schon einer Show gleicht und die perfekte Balance zwischen Information und Unterhaltung trifft. Wenn er dann noch ein ehemaliger Ex-Top-Berater ist und ein E-Commerce- oder Marktplatz-Modell vorstellt, ist das Klischee perfekt. Häufig wird dieser Typ für ehrgeizig, zahlengetrieben und belastbar gehalten. Doch den schmalen Grat zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz überschreitet er schon mal. Dann wirkt er beratungsresistent, unbelehrbar oder zu ehrgeizig – und lässt Zweifel daran aufkommen, ob man wirklich mit ihm arbeiten will.

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Der Absolvent

Wie der Name schon sagt, ist er jung, hat vielleicht gerade mit dem Studium abgeschlossen. Hier gibt es aber eigentlich zwei verschiedene Typen, die sich grundlegend unterscheiden. Der erste kommt dem dynamischen Gründer sehr nahe, durch seine fehlende Berufserfahrung wird ihm aber Arroganz noch viel weniger verziehen als einem erfahreneren Pendant. Den zweiten könnte man gut auch den geborenen Gründer nennen. Er hat oft schon während seines Studiums gegründet oder sich selbstständig gemacht, brennt für sein Thema und weiß praktisch alles darüber. Oft fehlt aber auch ihm noch ein wenig Erfahrung, so dass er vor lauter Begeisterung vergisst, seine Hausaufgaben zu machen und beispielsweise eine solide Finanzplanung aufzustellen. Schade eigentlich.

Der Geek

Ganz klar: Jedes Startup braucht ihn. Unbedingt. Schließlich muss irgendjemand auch für die Innovation sorgen, und das ist er. Oft sehr zurückhaltend, blüht er jedoch auf, wenn er über „seine“ Technik erzählen darf. Man will ihn dann eigentlich nicht unterbrechen, versteht beim besten Willen aber meistens maximal die Hälfte. Da es bekanntermaßen einen Mangel an Geeks gibt, werden sie immer gerne gesehen. Allerdings gibt es auch den schwierigen Geek, der so technologieverliebt ist, dass es ihm schwer fällt, sich auf die Kundenbedürfnisse einzustellen. Oder es müssen Kämpfe mit ihm ausgefochten werden, um etwas auf den Markt zu bringen, das seiner Meinung nach noch nicht perfekt oder gut genug ist. Dies kann dann dem Unternehmen genauso sehr schaden, wie er wichtig für es ist.

Der Erfahrene

Er ist ein erfahrener Industriespezialist, der nach langjähriger Arbeit in einer Branche eine Lösung für ein prägnantes Problem entwickelt hat. Auch ist er fantastisch vernetzt und hat oft schon die ersten großen Kunden aufgetrieben. Da er die Relevanz des Problems sehr gut kennt, unterschätzt er jedoch manchmal den Aufwand, der nötig ist, um Alteingesessene von Neuerungen zu überzeugen. Schwierig wird dieser Typ dann, wenn seine Motivation zu Gründen eher durch das Ausbleiben des nächsten Karriereschrittes geweckt wurde als durch eine wirklich gute Geschäftsidee. Dann wird aus dem Experten der Überdrüssige, und das mit dieser Motivation identifizierte Problem ist vielleicht nicht stark genug, um wirklich Nachfrage für die Lösung zu erzeugen.

Der Hipster

Er ist überaus kreativ, kann auf völlig neuen Wegen denken und lässt sich von keiner Konvention zurückhalten. Von Genie bis Spinner kann er alles sein, manchmal auch in einer Person. Doch auch abseits von Berlin kommt seine Motivation zum Gründen mehr von seiner grundsätzlichen Lebenseinstellung als von seiner Begeisterung für ein spezifisches Thema oder einen Markt. Manchmal stellt er es sich aber auch zu einfach vor, oder hält sich zu viel mit unwichtigen Dingen auf. Dann hat er plötzlich wieder die nächste zündende Idee, die ihn beschäftigt. Dass er dabei nicht besonders stark an der Idee selbst hängt, kann sogar von Vorteil sein: Ein notwendiger Pivot wird von diesem Typ wohl am ehesten erkannt und realisiert.

Auf die Mischung kommt es an

Es gibt nicht den präferierten Gründertypen, der jeden Investor von sich überzeugt. Wie man sieht, hat jeder Typ seine Vor- und Nachteile für Geldgeber. Und bekanntlich ist ein heterogenes Team gefragt, das sich gut ergänzt. Wenn man sich selbst und seine Teamkollegen gut kennt, ergibt es also vielleicht sogar Sinn, einem bestimmten Klischee zu entsprechen und das zu betonen. Gleichzeitig sollte man aber den Investoren versichern, dass man die entsprechenden nachteiligen Eigenschaften nicht mitbringt.

Bild: Westend61