Der Blick auf die Hamburger HafenCity. Viele Startups haben dort ihr Büro.

Als wir Seriengründer Nico Lumma nach den Unterschieden zwischen der Berliner und Hamburger Gründerszene fragen, rollt er mit den Augen. „Ich finde diese Diskussion um die Vor- und Nachteile völlig überflüssig“, sagt er bei unserem Treffen im Hamburger Betahaus. „Hamburg und Berlin als die wichtigsten Startup-Hubs in Deutschland liegen doch näher zusammen als das Silicon Valley und San Francisco! Und die WLAN-Verbindung in der Deutschen Bahn ist auch besser als im Caltrain.“ Der weltweit bekannte Zug transportiert Startup-Mitarbeiter von Palo Alto nach San Francisco. Für wenige Dollar. Die Fahrt im ICE von Hamburg nach Berlin kostet mehr als 70 Euro – das ist vielen Gründern zu teuer.

Lumma, aktuell für den Next Media Accelerator verantwortlich, träumt deswegen von einer günstigen Bahncard 100 für junge Unternehmer, um die Hamburger stärker mit Berlin zu verbinden. Ein anderes Problem für die Hanseaten: Berliner Gründer und VCs sind häufig so beschäftigt in der deutschen Hauptstadt, dass sie eine Reise nach Hamburg gar nicht erst antreten – auch wenn sie es sich leisten können. Wieso auch? Ist doch alles in Berlin. Oder?

Ganz so einfach ist das nicht. In nur wenigen Tagen sind wir in Hamburg auf viele interessante Gründer und ihre Ideen gestoßen. Zu den bekannten Unternehmen zählen Protonet, Stuffle, Wunder, Rebelle, oder Familo. Startups wie Spottster, Figo, Tripl oder Sofaconcerts arbeiten sich gerade hoch. Um nur einige wenige zu nennen. Die meisten Startups haben ihren Sitz in der Speicherstadt, in der Neustadt oder auf St. Pauli. Die Teams bestehen häufig aus weniger als zehn Mitarbeitern. Die Mieten und Gehälter sind in hoch in der Hansestadt.

„In Hamburg arbeiten die Startups fokussierter. Hier ist lange testen und ausprobieren einfach nicht drin ist. Dafür ist die Stadt zu teuer“, sagt Nico Lumma. „Außerdem gucken die Investoren immer zuerst nach Berlin.“ Das große Geld sei aber trotzdem in Hamburg, auch wenn es häufig nicht den Startups zugute komme. Genauso wie die wichtigsten Sales-Agenturen. Deswegen seien Unternehmen wie Twitter, Google oder Facebook mit ihren deutschen Büros in Hamburg.

Auf die Büros der großen Player aus dem Silicon Valley verweist auch Lars Hinrichs. Der Xing-Gründer, der in Hamburg gerade sein Digital-Haus Apartimentum erbaut, liebt zwar Berlin, wie er sagt, doch in Hamburg ist der 39-Jährige zuhause. „Hier sitzen die Unternehmen, in Berlin die Projekte“, sagt er über die Szene in seiner Heimatstadt. Viele Startups hätten Potenzial. Das größte Problem seiner Meinung nach: Die Hamburger Politik habe sich viel zu spät um die Digitalwirtschaft in der Stadt gekümmert. Jetzt soll Aufmerksamkeit her, doch Berlin ist vorbeigezogen. „Berlin hat den Coolness-Faktor“, meint Hinrichs. Außerdem gebe es in Hamburg weniger Events, die Stadt sei für Gründer zu teuer.

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Von Sina Gritzuhn und Sanja Stankovic, Gründerinnen von Hamburg Startups, erfährt man, dass es Vorteile hat, ein Startup in Hamburg aufzubauen. Die Gründerinnen sprechen täglich mit jungen Unternehmern, vermitteln Kontakte und organisieren Events. Erst vor wenigen Wochen haben sie einen ausführlichen Startup-Monitor zur Stadt veröffentlich, der alle möglichen Fakten über die Gründer (Alter, Geschlecht, Karriere) und die Unternehmen (Teamgröße, Finanzierung, Bereich) offenlegt. Überraschend: Die Hälfte der teilnehmenden Startups hat noch keine Finanzierungsrunde abgeschlossen.

Gritzuhn und Stankovic sind so etwas wie die Startup-Botschafterinnen für Hamburg. Ihnen ist wichtig, dass die Hansestadt den Anschluss zu Berlin nicht verliert. „In Hamburg gehören Startups noch nicht zur Kultur – die Stadt steht eher für altes Business, Tradition und den Hafen“, sagt Sina Gritzuhn. Für sie hat das aber auch Vorteile: „In Hamburg gründet nur, wer auch wirklich gründen will. Die Community ist sehr eng, hier bekommt man schnell Kontakte zu den wichtigsten Leuten.“ Dafür fehle der Draht zu ausländischen VCs, Business Angels und Mitarbeitern. „Wir kriegen hier den Blick über den Tellerrand noch nicht hin“, gibt Gritzuhn zu.

Den Aussagen von Sina Gritzuhn kann die Hamburger Gründerin Freya Oehle nur zustimmen. „Hier in Hamburg helfen sich alle gegenseitig, jeder kennt jeden. Doch es fehlen große Investoren“, sagt die WHU-Absolventin. Auch die Geldgeber ihres Startups Spottster, darunter der Unternehmer Jochen Schweizer, kämen allesamt nicht aus Hamburg. Und ja, sie vermisse Berlin, gibt Oehle zu. Schließlich seien dort fast alle ihre WHU-Kommilitonen. Aber in Hamburg könne sie sich eben besser konzentrieren. Und bei Bedarf ja mal schnell nach Berlin fahren. Vorerst ohne die Bahncard 100 für Gründer.

Nächste Woche stellen wir Euch auf Gründerszene die 20 heißesten Startups aus Hamburg vor. 


Übrigens: Am 7. April findet in Hamburg das Networking-Event „Spätschicht“ von Gründerszene statt. Hier könnt ihr Euch bewerben:

Bild: Getty Images, Westend61