Vize-CEO und Europa-Chef von Hellman & Friedman: Patrick Healy

Er machte bereits in Private Equity, als der Begriff noch gar nicht erfunden war: Seit 1994 arbeitet Patrick Healy für den Finanzinvestor Hellman & Friedman und gilt dennoch als einer, der neue Trends so gut aufspüren kann wie wenige andere. Schließlich ist Hellman & Friedman auf Wachstumsunternehmen spezialisiert, die man derzeit vor allem in der Internetwirtschaft findet. Der Vize-Chef der Private-Equity-Firma war hierzulande an mehreren Investments in Medienkonzerne wie ProSiebenSat.1 und Axel Springer beteiligt. Aktuell ist Hellman & Friedman größter Aktionär des Kleinanzeigen-Anbieters Scout24, der im Oktober an die Börse ging.

Nach dem Börsengang von Scout24 sollen Sie sehr euphorisch übers Frankfurter Parkett gesprungen sein. Das passt nicht zum Image von Private-Equity-Managern, die als eher verschlossene Zahlenmenschen gelten. Passen Sie also nicht in diese Kategorie?

Da übertreiben die Augenzeugen etwas, aber ein wenig gefeiert haben wir, schließlich ist ein Börsengang immer ein anstrengendes Projekt mit vielen Beteiligten. Und wir haben gerne auch mal Spaß. Ich bin vielleicht der einzige Private-Equity-Manager, der vom Londoner Flughafen ins Büro joggt, statt das Auto oder die Bahn zu nehmen. Unser Unternehmen sitzt in San Francisco und nicht in New York. Wir leben und denken eben ein bisschen anders als andere.

Manche Skeptiker könnte Ihre Freude auch in ihrer Sicht bestärken, dass die Scout-Aktien überteuert platziert wurden.

Wir halten nach dem Börsengang noch immer knapp 80 Prozent unserer Anteile an Scout24, obwohl wir unseren Anteil auch wesentlich stärker hätten reduzieren können. Das ist der beste Beleg, wie sehr wir weiter an dieses Unternehmen glauben.

Es braucht auch einiges an Glauben, wenn man bedenkt, dass das Unternehmen mit dem 30-Fachen seines Gewinns bewertet ist – das wirkt ambitioniert.

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Man muss erkennen, was in diesem Geschäftsmodell steckt. Kleinanzeigen waren früher die Goldgrube der meisten Zeitungen. Wir wissen das nur zu gut, weil wir seit 1992 in diesem Markt aktiv sind. Nach und nach wandert dieses Geschäft nun überall ins Internet. In Deutschland wird aber bislang erst die Hälfte der Immobilien über Online-Anzeigen verkauft oder vermietet – es gibt also noch ein großes Wachstumspotenzial für Scout24. Außerdem gibt es sehr viel Potenzial, zusätzliche Dienstleistungen rund um die Transaktion anzubieten; hier gibt es noch viel für uns zu tun.

Andere Internetfirmen werden teilweise noch höher bewertet. Bildet sich da eine große Blase am Markt?

Tech 2.0 oder Tech 3.0 unterscheidet sich deutlich von den Firmen aus der Dotcom-Blase. Die meisten Unternehmen von heute haben ein funktionierendes Geschäftsmodell, und viele von ihnen haben das Potenzial, ganze Branchen umzukrempeln. Aber natürlich ist es immer schwer zu sagen, wo man sich innerhalb eines Zyklus befindet. Im Schnitt hält ein Boom etwa fünf Jahre an, der jetzige dauert bereits siebeneinhalb Jahre.

Also doch eine Blase?

Ich würde nicht sagen, dass es eine Überbewertung gibt, aber viele Unternehmen sind definitiv gut bewertet. Und es wird vielleicht zu wenig differenziert zwischen guten und wirklich herausragenden Firmen.

Die Taxi-App Uber wird derzeit mit rund 50 Milliarden Dollar bewertet. Würden Sie so viel für dieses Unternehmen zahlen?

Ich weiß es nicht. Es gehört zu den Vorzügen unseres Geschäftsmodells, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss. Wir investieren nicht in Unternehmen in so einer frühen Phase. Wir setzen auf bewährte Geschäftsmodelle und überlegen, wie wir sie weiterentwickeln können. Und das vor allem in der Tech- und Internet-Branche.

Aber gerade weil Sie den Tech-Sektor gut kennen, wäre es doch naheliegend, auch selbst auf die Suche nach vielversprechenden Startups zu gehen.

Natürlich haben wir uns diese Frage immer wieder gestellt, aber uns bewusst dagegen entschieden. Vielleicht könnten wir mehr Geld verdienen, wenn wir auch noch einen Venture-Capital-Fonds auflegen würden – aber uns ist es wichtiger, uns weiter intensiv um jedes einzelne Investment kümmern zu können, als die Größe der Firma zu maximieren. Im Übrigen: Wir Partner haben unser privates Geld durchaus in das eine oder andere Startup investiert – und Erfolge und Fehlschläge bei den eigenen Investments sind dabei genauso bunt gemischt wie bei den typischen Venture-Fonds. Das zeigt uns, wie schwierig dieses Geschäft ist.

George Roberts, einer der Gründer Ihres Konkurrenten KKR, hat dieses Jahr verraten, dass er in frühen Phasen in Instagram, Facebook oder Amazon hätte investieren können – aber jeweils abgelehnt habe, weil er nicht an das Geschäftsmodell geglaubt habe. Gibt es auch in Ihrer Karriere solche verpassten Gelegenheiten?

Natürlich gibt es eine solche Liste in meinem Kopf. Wir haben zum Beispiel 2002 lange überlegt, ob wir bei der Deutschen Börse einsteigen sollten, und im Nachhinein wäre das ein gutes Investment gewesen. Und dann sind da noch eine Handvoll weitere Fälle, aber die behalte ich jetzt für mich.

Interessant, dass Sie ausgerechnet eine verpasste Gelegenheit aus Deutschland nennen. Wenn man den Boom vieler US-Firmen in den letzten Jahren sieht, fragt man sich, ob Sie hier nicht falsch sind, wenn Sie nach Wachstumsunternehmen suchen.

Ganz und gar nicht. Deutschland ist eines der wichtigsten Industriezentren der Welt, es gibt hier viele Unternehmen, die darauf warten, in die digitale Zukunft transformiert zu werden. Denken Sie an das „Internet der Dinge“: Hier gibt es großes Entwicklungspotenzial für die Investitionsgüter, bei denen Deutschland führend ist. Und Berlin hat sich zudem zu einem der wichtigsten Standorte für Startups entwickelt. Neben London ist Berlin klar die attraktivste Stadt für Gründer und junge Unternehmer in Europa.

Gerade deutsche Gründer beklagen sich aber über schlechte Finanzierungsmöglichkeiten für ihre Ideen. Zu recht?

Ja, in Europa fehlt es eindeutig an Risikokapital – und an Risikoappetit. Das gilt in struktureller Hinsicht: Es gibt nur wenige Venture-Capital-Fonds. Aber auch in kultureller Hinsicht: Die Menschen stehen Eigenkapital-Investments und unternehmerischen Engagements insgesamt skeptisch gegenüber.

Woran liegt das?

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In Amerika ist es gesellschaftlich akzeptiert, als Unternehmer auch mal zu scheitern, in Europa nicht. Deshalb sind die talentiertesten Leute hier seltener bereit, alles auf eine Karte zu setzen und ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Gleichzeitig kaufen die Menschen in Europa weniger Aktien, was wiederum dazu beiträgt, dass Börsengänge immer noch schwieriger sind als in den USA. Auch das ist ein Hindernis für junge Unternehmen – denn wenn ein Venture-Capital-Fonds in ein Startup investiert, fragt er sich natürlich auch, wie er später wieder rauskommt. Da finden junge Unternehmen an der amerikanischen Westküste einfach ein ganz anderes Ökosystem von Gründern, Finanzierern und entsprechenden Dienstleistern vor.

Ketzerisch gefragt: Gibt es im Silicon Valley wirklich die besten Ideen oder einfach das beste Ökosystem?

Das eine kommt zum anderen: Längst nicht alle guten Ideen im Silicon Valley kommen von Menschen, die in Kalifornien geboren wurden. Das Umfeld dort zieht auch einfach viele gute Leute an, auch aus Europa. Dabei hat Europa eine gute Infrastruktur und ein gutes Bildungssystem, gerade mit Blick auf die technische Expertise. Die Bausteine sind vorhanden für einen ähnlich guten Technologiestandort wie in den USA.

Heute ist es schick, ein Gründer zu sein, etwas Neues zu wagen. Wird da früher oder später eine Ernüchterung folgen?

Es erscheint fast unvermeidlich, dass es irgendwann zu einer Abkühlung kommt. Aber Unternehmen mit funktionierenden Geschäftsmodellen werden sich halten. Wahrscheinlich werden manche Ideen überschätzt, aber die großen Trends werden nicht verschwinden: wachsende Bedeutung des Internets, autonomes Fahren, künstliche Intelligenz und so weiter.

Dann werden die Talente erst einmal weiter ins Silicon Valley strömen. Wo finden Sie dann noch neue Private-Equity-Manager?

Zum Glück gehen nicht alle zu den Internetfirmen. Aber wir müssen uns breiter orientieren als früher: Traditionell kam der Großteil unseres Nachwuchses aus Banken oder Beratungsfirmen, heute suchen wir auch anderswo nach Talenten. Im Jahr 1994 gingen von den 800 Leuten in meinem Abschlussjahrgang in Harvard nur 20 an die Westküste, darunter auch ich. Den Rest zog es in die Finanzmetropole New York. Heute entscheidet sich nur noch etwa ein Viertel der Absolventen für die Wall Street – genauso viele gehen ins Silicon Valley. Der Wall Street fehlen also zahlreiche Absolventen, die früher in die großen Investmentbanken und andere Finanzfirmen geströmt wären. Die haben ein viel größeres Problem als wir.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Welt.

Bild: Hellman & Friedman; Disclaimer: Axel Springer ist Gesellschafter der Vertical Media GmbH, dem Medienhaus von Gründerszene. Weitere Informationen zur Vertical Media GmbH hier: www.vmpublishing.com.