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Die Skyline von Hongkong mit ihren Bankentürmen. Jetzt will die Stadt zum Tech-Hub werden.

„Wenn wir etwas machen, dann machen wir es richtig“, sagt James Lau im Gespräch mit Gründerszene. Und der stellvertretende Leiter des Büros für Finanzen in Hongkong hat recht. Es ist beeindruckend, wie sich Hongkong in das Thema Digitalisierung und Startups in den vergangenen Jahren hineingearbeitet hat. Mit sehr viel Geld. Und der Überzeugung, dass eine lebendige und wachsende Startup- und Tech-Szene essentiell für die positive Entwicklung einer Weltstadt der Zukunft ist. Es gibt sogar eine spezielle Abteilung in der Administration für die Entwicklung dieses Ökosystems. Gründerszene hat sich auf eine Entdeckungsreise durch die Startupszene der Stadt begeben.

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Hongkong ist seit 1997 wieder ein Teil Chinas. Zuvor war die Stadt offiziell britische Kronkolonie und in ihrer Geschichte immer wieder Zufluchtsort für viele Chinesen, die hier freier leben konnten als in ihrem Mutterland. Sieben Millionen Menschen wohnen hier heute trotz der Rückgabe an China immer noch nach eigenen Regeln. Die Wirtschaft ist unabhängiger als im chinesischen Mutterland. Alles ist international ausgerichtet. Die Sonderverwaltungszone möchte eine Art Bindeglied zwischen China und dem Rest der Welt sein – das Tor zur boomenden asiatischen Wirtschaft. Man legt hier Wert darauf zu betonen, dass in Hongkong ein hohes Maß an Eigenständigkeit in Bezug auf Exekutive, Gesetzgebung, Marktwirtschaft und Gerichtsbarkeit herrscht.

Noch ist die Startup-Szene überschaubar

Das Startup-System in Hongkong steht am Anfang. Richtige Stars unter den Startups gibt es noch nicht. Die nackten Zahlen sind im Vergleich mit Berlin, London oder Tel Aviv überschaubar. Im Jahr 2016 wurden knapp 2.000 Startups gezählt, in denen insgesamt 5.300 Menschen einen Job hatten. Zwei Drittel der Gründer kommen aus Hongkong, das restliche Drittel meistens aus den USA, Großbritannien, China oder Frankreich. Die meisten Gründer tummeln sich im Bereich Information, Technologie, E-Commerce, Logistik, Fintech und Health. Junge Leute in der Stadt wollen und sollen traditionell eher Anwälte oder Banker werden. Die Idee, ein eigenes Startup zu gründen, ist noch nicht sehr verbreitet und stößt bei Eltern oft auf Verständnislosigkeit.

Die Verlockungen der Stadt für Unternehmen sind vielfältig. Alle wichtigen asiatischen Märkte sind innerhalb von vier Stunden und die Hälfte der Weltbevölkerung ist innerhalb von fünf Stunden Flugzeit erreichbar. Hongkong ist eine Autostunde Fahrtzeit vom Perlflussdelta entfernt – das ist die weltweit größte und dynamischste Produktionsregion Chinas. Außerdem locken die niedrigsten Steuersätze Südostasiens: 16,5 Prozent Ertragssteuer, 15 Prozent Lohnsteuer, keine Umsatz-, Dividenden- und Kapitalertragssteuer, freier Waren-, Kapital-, und Personenverkehr und Englisch als Amts- und Geschäftssprache. Dazu kommt das kosmopolitische Lebensgefühl einer asiatischen Metropole, die vor Energie zu vibrieren scheint.

Startups sollen Hongkong in eine Smart City verwandeln

Mit der Hilfe von Startups will sich die Hongkong in den kommenden Jahren in eine Smart City verwandeln. Dafür wurden in den vergangenen 15 Jahren 4.800 Projekte angeschoben und 1,2 Milliarden Dollar investiert. Schlüsselprojekte sind der sogenannte Cyberport und der Science Park. Hier treffen bereits etablierte Techfirmen auf Forschung und Startups. Die Kombination soll für Innovationen, neue Geschäftsmodelle und Ideen für die Stadt der Zukunft sorgen und aus Hongkong der Startup-Hub für Technologiefirmen machen.

Science Park

Die Macher-Garage im Science Park. Hier wird an Prototypen gearbeitet.

Der Science Park ist mit 400.000 Quadratmetern eigentlich ein eigener Stadtteil. Hier residieren mehr als 600 Firmen aus den Bereichen Health-Tech, Elektronik, Umwelttechnologie, Informations- und Kommunikations-Technologie und Material-Forschung. Auf der anderen Seite der Straße liegt eine der Universitäten. Für Startups gibt es im Park ein Inkubator-Programm. Außerdem forschen und arbeiten hier drei interdisziplinäre Abteilungen: Robotik, Gesundheit im Alter und Smart City. Beim Rundgang wirkt der Park eher wie eine moderne Universität. In Berlin oder Tel Aviv sieht die Startup-Szene deutlich wilder und individueller aus. Dafür stellt der Science Park den Tech-Firmen modernste Labors und Gerätschaften zur Verfügung. Aus dem Labor soll es dann aber möglichst innerhalb von zwei Jahren mit fertigen Produkten auf den Markt gehen.

Im ehemaligen Wohnheim für verheiratete Polizisten ist die Hipster-Szene eingezogen. Im sogenannten PMQ verkaufen junge Designer ihre Klamotten oder Hüllen für Smartphones. Die Preise sind gepfeffert. In den oberen Stockwerken residieren Startups und drumherum haben sich coole Restaurants und Bars etabliert. In Deutschland würde man diese Entwicklung eines Stadtteils abschätzig Gentrifizierung nennen. Hier ist sind die Macher der Hipster-Begegnungsstätte stolz, dass sie zur Weiterentwicklung ihrer Stadt beitragen. Hier lässt es sich leben. Wenn man eine bezahlbare Wohnung findet. Das ist nicht einfach und viele junge Leute müssen lange bei ihren Eltern wohnen.

Fintech passt besonders gut nach Hongkong

Für die Investition in einzelne Startups will die Administration von Hongkong Fonds auflegen und sich auch als Seed-Investor betätigen. In der ersten Hälfte dieses Jahres sollen 250 Millionen Dollar staatliche Gelder zur Verfügung stehen, die gerne auch gemeinsam mit privaten Investoren im Bereich der Zukunftstechnologien eingesetzt werden. Anteile an ihren Firmen müssen die Gründer dafür nicht abgeben.

Blueprint

Ein Coworkingspace in der City von Hongkong.

Treffpunkt aller Stakeholder im aufstrebenden Startup-Ökosystem der Stadt Hongkong ist alljährliche das Start-Me-Up-Festival. Hier versammelten sich für eine Woche alle, die etwas mit der Digitalisierung und Startups in Asien zu tun haben. Mehr als 1.000 Menschen aus aller Welt verfolgten Panels, Diskussionen und Keynotes. Schwerpunkte waren in diesem Jahr die Themen Health Tech, Fintech, Retail und Connected City. Fintech passt natürlich perfekt in die Stadt der Banken. In Hongkong sitzen 74 der 100 größten Banken der Welt.

Startups als Innovationslabor der Stadt

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„Eine Stadt ist wie eine Firma“, erklärt Bryan Ha, der für Innovation und Technologie zuständig ist. Und die Innovationsabteilung dieser Firma soll jetzt mit möglichst vielen Startups bevölkert werden. Hongkong will sich als Stadt neu erfinden und nicht mehr nur ein Finanzzentrum der Welt sein, sondern auch im Tech-Bereich durchstarten. Der Flughafen soll zum Beispiel noch in diesem Jahr zum „grünsten“ Airport der Welt umgebaut werden und eine dritte Startbahn erhalten.

Das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und Nanotechnologie sollen aus Hongkong die Metropole der Zukunftstechnologien machen. Von hier aus will man dann das Knowhow exportieren und damit die Welt verändern. So wie die Vorbilder aus dem Silicon Valley das gemacht haben. Zuzutrauen ist es den Machern hier. Sie besitzen die nötige Disziplin, Leidenschaft und offenbar auch das Geld. Eine vielversprechende Kombination. Mit Hongkong ist also in Zukunft zu rechnen.

Fotos: Frank Schmiechen

Die Reise nach Hongkong wurde unterstützt vom Government of the Hong Kong Special Administrative Region.