Ideenklau

Vor Investoren die eigene Idee vorzustellen und diesen dann zuzuschauen, wie sie die Idee selbst kopieren, ist wohl das Albtraum-Szenario schlechthin für jeden Gründer. Glaubt man den Ausführungen von Renato Hlevnjak ist genau dies im Falle des Gebrauchtwagen-Checks Check My Car (www.checkmy-car.com) geschehen. Der Textilbetriebswirt und Marketing-Experte erzählt gegenüber Gründerszene wie ihm angeblich seine Idee geklaut wurde und wie man sich in diesem Falle verhalten sollte. Es liege kein Ideenklau vor, meint hingegen Investor Marc Griefahn und ergänzt die Perspektive eines Geldgebers.

Die Idee der „Buying Angels“

Wie so viele Gründer kam auch Renato Hlevnjak aus Eigenbedarf zu seiner Gründung. Als er im Februar 2011 einen Gebrauchtwagen kaufen wollte, halfen ihm Fremde über ein Forum dabei, nicht in eine Schrottmühle zu investieren. Bis er allerdings soweit war, suchte der Hamburger eine ganze Weile nach Hilfe und sagte sich fortan, dass es doch auch leichter gehen muss, einen Gebrauchtwagen auf Tauglichkeit prüfen zu lassen. So entstand das Konzept zu Buying Angels, einem „Internetportal, auf dem man Experten findet, die das Fahrzeug, das man bei einer Internetautobörse gefunden hat, vor Ort in Augenschein nehmen, es bewerten und eine Kaufempfehlung aussprechen, oder gegebenenfalls vom Kauf abraten.“ So erzählt Renato Hlevnjak die Entstehung seiner Idee und schildert im Fortgang eine Investoren-Achterbahnfahrt.

Die Kosten für das Projekt ließ Hlevnjak mit 125.000 bis 250.000 Euro kalkulieren. „Da mir so viel Kapital nicht zur Verfügung stand, sprach ich Marc Griefahn an, einen guten Bekannten, der über entsprechendes Kapital verfügte“, erinnert sich Renato Hlevnjak zurück. „Da er ja ein Bekannter war, ließ ich ihn keine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben, sondern präsentierte ihm die Idee und erstellte auf seinen Wunsch hin ein Konzept.“ Besagtes sechseitiges Konzept liegt Gründerszene vor und beschreibt oberflächlich die Funktionalität einer entsprechenden Plattform, ohne dass es ein vollständiger Businessplan oder ein detaillierter Maßnahmenplan wäre. Die Annahme: Von zehn Millionen verkauften Gebrauchtwagen in Deutschland würden etwa rund ein Drittel von privaten Anbietern verkauft. Sollte es gelingen, 0,5 Prozent des Gebrauchtwagenmarktes abzuwickeln, könnte dies bereits einen Umsatz von einer Million Euro pro Jahr bedeuten. Dabei visierte Hlevnjak einen Beurteilungsbetrag von 70 Euro an – 50 Euro für die „Buying-Angels“ und 20 Euro für das Vermittlungsportal.

Ideenklau: Vom befreundeten Investor geprellt?

Bis heute gibt es die Buying Angels nicht, dafür aber ein Konkurrenzportal, dessen Entstehung mit der Geschichte von Renato Hlevnjak eng verwoben scheint: Check My Car. Über Ideenklau klagten wohl schon viele Gründer und generell ist der Streit um Ideen stets schwierig einzuschätzen – vor allem von außen. Was den Fall der Gebrauchtwagenprüfer besonders macht, ist der Umstand, dass Hlevnjak akribisch seine gesamte Geschäftskommunikation dokumentierte. So erstellte er das Ereignis-Tagebuch eines Gründers, das sich liest wie ein Krimi:

  • Am 12. März 2011 nahm ich telefonischen Kontakt mit Herrn Marc Griefahn auf. […] Er zeigte sich absolut begeistert von der Idee. Ich erklärte ihm, dass ich auf der Suche nach Risikokapital-Geldgebern bin und fragte ihn ob er sich vorstellen könnte gegen Beteiligung mein Projekt zu finanzieren. Dieses hat er bejaht. […]
  • Kurze Zeit später traf ich Abends in einem Restaurant seine Frau Martina Griefahn, die mir sagte, ihr Mann hätte ihr von meiner Idee erzählt und wäre absolut begeistert und würde es auf jeden Fall mit mir zusammen machen wollen. Zeuge Bernd Klaus, Martin Schmadtke [Namen von der Redaktion geändert].
  • […]In der Zeit bis zum 20. Mai, habe ich mit Herrn Griefahn noch einmal telefoniert. In dem Gespräch teilte er mir mit, dass er auf jeden Fall dabei ist und ich bitte eine Präsentation vorbereiten sollte.
  • Am 24. Mai um 09:32 bekam ich eine SMS von Herrn Griefahn in der er mir mitteilte, dass er mir demnächst einen Terminvorschlag mitteilen wird. Zeitgleich sagte er, dass seinerseits auch ein Konzept erstellt wurde und wir die Konzepte vergleichen sollten.
  • Am 01. Juni 2011 trafen wir uns […]. Anwesend war ein Herr Dr. Michael Gösch, der mir als Mittarbeiter von Herrn Griefahn vorgestellt wurde. Nachdem ich mein Konzept präsentiert habe, versicherte mir Herr Griefahn erneut, dass er das Projekt auf jeden Fall machen will, allerdings sieht er mich nicht als Geschäftsführer, vielmehr würde er gerne Leute einstellen, die sich um das Operative kümmern. Wenn er das alles finanziert, würde er mir fünf Prozent von der Firma anbieten. Ich sollte mir das überlegen und ihm bescheid sagen.
  • […]
  • Irgendwann im Oktober rief ich seine Frau an um zu erfahren warum ich Marc Griefahn nicht mehr erreichen kann. Sie beruhigte mich damit, dass er wahnsinnig beschäftigt ist mit einem Projekt aus Amerika und mein Projekt nicht finanzieren wird. Er hätte nur keine Zeit, mir abzusagen.
  • Am Donnerstag den 08. Dezember 2011, habe ich über Facebook erfahren, dass er mein Konzept unter den Namen Check My Car gelauncht hat.

Basierend auf den Gesprächs- und Gedächtnisprotokollen zeichnet sich vom angedachten Geldgeber Marc Griefahn so ein düsteres Bild. Immer wieder zitiert Hlevnjak Aussagen des Unternehmers, die er dann zu widerlegen wissen will.

  • Angeblich horrende Vorstellungen des Gründers – seien aus der Luft gegriffen;
  • Hlevnjak habe keine Antwort nach dem Angebot abgegeben – mehrfach habe der Ideenschmied den Investor kontaktiert;
  • Griefahns Frau Martina Griefahn sei in dessen Geschäfte gar nicht involviert und deshalb nicht relevant – sie ist Vorsitzende des Aufsichtsrats bei Check My Car.

Wie häufig in solchen Fällen variieren dann auch die Ansichten: „Ich kenne dich nicht genug, für mich bist du ein Lebenskünstler!“ soll der Eine gesagt haben. „Ich habe sehr große Projekte für Unternehmen wie Reemtsma und Conleys aufgebaut und geleitet – alleine bei Reemtsma mit einem Umsatz von 24 Millionen D-Mark im letzten aktiven Jahr.“ habe der Andere geantwortet.

„Ideenklau? Nein, die Idee war am Markt etabliert!“

Auf Anfrage von Gründerszene äußerte sich auch Marc Griefahn offen, aber bestimmt: „Auf unserem Weg zum Startup Check My Car haben sich unsere Wege unter anderem auch mit denen von Herrn Hlevnjak gekreuzt und ein Gedankenaustausch hat stattgefunden. Den Vorwurf des Ideenklaus möchte ich allerdings schon an dieser Stelle weit von mir weisen.“ Weiter verweist der Unternehmer darauf, dass mit Inspect My Ride (www.inspectmyride.com), Ihr Kaufbegleiter (www.ihr-kaufbegleiter.de), Ihr Checker (www.ihr-checker.de) und Die Prüfer (www.dieprüfer.de) zum Zeitpunkt der Gespräche im März 2011 schon mindestens vier Anbieter „dieser Idee“ am Markt existierten – „die gleiche Idee in unterschiedlicher Ausprägung ist am Markt wohl etabliert, weshalb von Ideenklau kaum gesprochen werden kann“, meint Griefahn.

Der allgemeine Stand des Wissens ist eine Argumentationsgrundlage, auf die Investoren im Gründungsprozess gerne einmal verweisen. Neben dem Geschehen auf dem Markt spielt dann wohl auch die Umsetzung eine entsprechende Rolle, betont zumindest Marc Griefahn auf Anfrage von Gründerszene: „Ideen fallen meiner Ansicht nach nicht vom Himmel sondern entstehen in einem langwierigen Prozess, der den Austausch mit Gleichgesinnten beinhaltet und nicht immer geradlinig verläuft. Im Endeffekt entscheidet dann aber nicht die Genialität der Idee, sondern die Effizienz der Umsetzung, ob ein Startup erfolgreich wird.“

Auch in dieser Formulierung findet sich eine häufig anzutreffende Investorenhaltung wieder: Ideen gelten in dieser Denke als wertlos, auf die Umsetzung komme es an. Und der Weg zu Ideen sei ohnehin so multilinear, dass Überschneidungen leicht entstehen und schnell wie eine Abkupferung wirken würden. Aber berechtigt dies zu einer Die-Gedanken-sind-frei-Haltung beim Austausch mit Gründern?

Im konkreten Falle von Check My Car heißt es weiter von Griefahn, dass Gründer Renato Hlevnjak bei Gehalt und Anteilen unrealistische Vorstellungen gehabt habe, weshalb er weder  an die eigentliche Idee von Herrn Hlevnjak, noch an seine Kompetenz als Geschäftsführer geglaubt habe – die Beschäftigung mit dessen Konzept habe Hlevnjak wohl bereits als Umsetzungszusage verstanden. Ein Umstand, den der Betroffene freilich anders sieht und fragt, warum es zur Gründung einer Aktiengesellschaft kommt, wenn nicht an die Idee geglaubt wurde. In einem Interview skizziert Check-My-Car-Vorstand Michael Gösch weiterhin, wie Check My Car laut seiner Erinnerung zu der Idee gekommen sein will – eine bittere Pille für Gründer Hlevnjak?

Ideen sind in Deutschland nicht schützenswert

Ob im Falle von Check My Car wirklich ein Ideenklau vorliegt und ob das Konzept der Buying Angels schon ausgereift genug für eine Umsetzung war, lässt sich daher von außen nur schwierig beurteilen. Renato Hlevnjaks ausführliche Dokumentation spricht sicherlich für den angehenden Unternehmer aus Hamburg – letztlich ist aber auch dies nur die Aussage einer Person, wenn auch eine gut belegte. Spannend für Gründer ist deshalb vor allem zu wissen, was in Sachen Ideenklau die möglichen Missverständnisse sein können und wie sich vor dem Diebstahl von Ideen geschützt werden kann. Was ist zu tun, wenn es einen dann doch einmal erwischt?

Schließlich stellt sich angesichts solcher Streitpunkte schnell auch die Frage nach der Möglichkeit, Ideen zu schützen. Sieht man einmal von Technologie-Patenten und Markenanmeldungen ab, sind bloße Geschäftsideen nicht schützenswert. Das Thema Ideenklau ist im Fall von Internetgeschäftsideen somit eher eine moralische als eine rechtliche Frage. Auch ein existiert nicht, wenn ein junger Gründer mit einer Idee aufwartet. Grundsätzlich ist dies auch sinnvoll, da Vielfalt den Wettbewerb anheizt beziehungsweise erst ermöglicht und zumal viele Ideen so generisch sind, dass ein Schutz wohl mehr blockieren als verbessern würde. Dennoch ist es für angehende Gründer freilich ein Unsicherheitsfaktor, dass ihre Idee jederzeit von einem anderen umgesetzt werden könnte. Die Folge: Gerade deutsche Gründer teilen ihre Ideen aus Angst vor Ideenklau häufig nicht, sondern igeln sich ein und verbauen sich so nicht nur potenziell wertvolles Feedback, sondern limitieren sich auch bei wichtigen Netzwerkfaktoren.

Welchen Schutz gibt es also vor Ideenklau? Gründerszene befragte dazu Dr. Antje Weertz, Rechtsanwältin in Berlin und spezialisiert auf die Rechtsgebiete Gesellschaftsrecht, It-Recht und allgemeines Wirtschaftsrecht:

  • Die (Geschäfts)Idee allein ist nicht schutzfähig. Es gilt der Grundsatz: die Gedanken sind frei. Deshalb gibt es auch keine Verfahren, mithilfe derer ein Gründer eine Idee wirksam schützen kann. Es soll dadurch vermieden werden, dass Ideen, also Gedanken, zu Gunsten eines Einzelnen monopolisiert werden. Schutz bietet grundsätzlich nur das Urheberrecht und der so genannte Gewerbliche Rechtsschutz und nur unter den dort jeweils bestimmten – eingeschränkten – Voraussetzungen.
  • Das Urheberrecht schützt die auf Ideen basierenden „Werke“. Schutzwürdig ist also erst die Verkörperung einer persönlichen geistigen Schöpfung („Idee“) in einer konkreten, wahrnehmbaren Form, das heißt nur die konkret umgesetzte Ausgestaltung. Dies sind beispielsweise Computerprogramme, Konzepte, Skizzen, Design, Texte, Bücher etc.
  • Sofern die Idee keinen Schutz nach UrhG, MarkenG, PatG etc. genießt, weil die einschlägigen Voraussetzungen (noch) nicht erfüllt sind, gibt es für Gründer die Möglichkeit von vertraglichen Vereinbarungen, die die Idee und/oder das Know-how zumindest im Verhältnis zu den Personen und Institutionen sichert, mit denen eine Zusammenarbeit erfolgt oder erfolgen soll. In der Praxis können dies beispielsweise Geheimhaltungsvereinbarungen/Non Disclosure Agreements („NDA“), Unterlassungsverpflichtungserklärungen, Kooperationsvereinbarungen oder Letters of Intent (LoI) sein. Hierbei handelt es sich aber jeweils um recht komplexe Verträge, so dass es durchaus sinnvoll sein kann, sich von einem auf das Recht des geistigen Eigentums spezialisierten Rechtsanwalt, der von Gesetzes wegen zur strengen Verschwiegenheit verpflichtet ist, beraten zu lassen. Und zwar zu einem möglichst frühen Zeitpunkt der Gründung!

Ideenklau hin oder her – es geht weiter

Renato Hlevnjak will dennoch weiter seine Gründungsvorhaben verfolgen – wenn nicht mit dieser Idee, dann womöglich mit einer anderen. Vor allem hat er seine ganz persönlichen Lehren aus diesem Austausch gezogen, die er mit den Gründerszene-Lesern teilt:

  • Egal wie gut man jemanden kennt, egal wie sympathisch und seriös er auf einen wirkt, lass ihn immer bevor du deine Idee vorstellst, eine Verschwigenheitserklärung unterschreiben, die ihm verbietet, das von dir vorgestellte Projekt weiter zu verfolgen, selbst wenn sich im Nachhinein rausstellen sollte, dass deine Idee kein Alleinstellungsmerkmal hat. Sollte dein Gegenüber nicht bereit sein, dies zu unterschreiben, gib deine Idee nicht preis und suche dir einen anderen Investor.
  • Wende dich lieber an in der Internetbranche bekannte Business-Angels oder Venture-Capitalists sowie Inkubatoren. Die Angebote, die dir dort unterbreitet werden, können durchaus besser sein und sie werden penibel darauf achten, sich ihren Ruf nicht durch Gier zerstören zu lassen, denn sie funktionieren nur, wenn ihnen auch weiterhin neue Ideen vorgestellt werden.
  • Etwas, das ich selbst praktiziere: Fertige von allen Telefonaten, persönlichen Gesprächen, Meetings, sprich sämtlichen Gesprächen über das Thema, Gesprächsprotokolle oder so genante Erinnerungsprotokolle an. Dies kann verhindern, dass sich dein Gegenüber plötzlich nicht mehr an Gesagtes erinnert. Füge nichts hinzu und lass nichts weg. Bleibe immer bei der Wahrheit.
  • Gib niemals auf, glaube an dich, glaube an deine Idee und sei dir bewusst, man trifft sich immer zwei mal.
  • Wenn du das Gefühl hast, du kannst in der Angelegenheit nichts ausrichten, setz dich hin, überlege dir etwas neues, denn dir ist schon mal etwas eingefallen, dass so gut war, dass es jemand realisiert hat ;-). Ist dir wieder etwas eingefallen und davon gehe ich aus, freue dich und beherzige die Punkte oben.

Dennoch hat eine solche Diskussion auch immer zwei Seiten, sodass Marc Griefahn hingegen eher die Wichtigkeit einer guten Umsetzung unterstreicht und betont, dass nicht jedes Investoreninteresse einem Umsetzungsangebot gleich kommt. Manchmal überschneiden sich Ideenfindungsprozesse eben, wer dabei letztlich „im Recht ist“, stellt am Ende des Tages womöglich – leider – eine subjektive Frage dar. Unter dem Strich bleibt geneigten Gründern nur, bedacht mit anderen zu kommunizieren. Der gegenseitige Austausch ist richtig und wichtig, so er denn mit der passenden Person und unter entsprechender Absicherung erfolgt.

Bildmaterial: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de