Impraise-Y-Combinator

Das Impraise-Team im Silicon Valley – v.l.n.r.: Arnaud Camus, Steffen Maier, Bas Kohnke und Filipe Dobreira.

Ein Beitrag von Steffen Maier, Mitgründer von Impraise. Sein Team verbrachte gerade drei Monate im Accelerator Y Combinator und überzeugte am Ende des Programms auch vor den Investoren. Für Gründerszene bericht Maier von seinen Erfahrungen im Silicon Valley.

„Your application looks promising“

„Your Application looks promising and we’d like to meet you in person… See you in California!“

Es ist schon sehr schwierig, Freunden und Familie daheim verständlich zu machen, was für enorme Möglichkeiten aus dieser einfachen E-Mail heraus entstehen können.

Es war Mitte April 2014 und ein gewöhnlicher Tag im Frühleben meines Startups namens Impraise. Ein Startup zu gründen und es täglich voran zu bringen ist eine Achterbahnfahrt in dichtestem Nebel. Man erwartet das Unerwartete, aber eine Einladung von Y Combinator, zum Gespräch ins Silicon Valley zu kommen, gehört sicher nicht dazu.

Y Combinator?

Nur sehr wenige in meinem Umfeld konnten mit diesem Begriff überhaupt etwas anfangen. Meine Erklärungsversuche waren holprig: Y Combinator, das ist der wohl renommierteste Frühphasen-Investor in den USA und eine Art Startup-Schmiede – also wenn es eine Uni wäre, spielte sie in der gleichen Liga wie das MIT oder Harvard, nur eben für junge Internet- und Technologieunternehmen. Wir erhalten 120.000 US-Dollar und werden für immer Mitglied eines extrem hilfreichen Alumni-Netzwerks sein, zusammen beispielsweise mit den Gründern von Dropbox oder Airbnb.

Anzeige
Zweimal im Jahr bewerben sich über 3.000 Jungunternehmen aus aller Welt für Y Combinator (YC). Und dieses Mal war es das härteste Auswahlverfahren seit Bestehen von YC: Nur 2,5 Prozent der Bewerbungen waren erfolgreich. Es mangelt nicht an Mythen und Theorien, wie eine erfolgreiche Bewerbung auszusehen hat. Es ist jedoch sicher, dass viele bereits daran scheitern, das eigene Vorhaben in einfachsten, unverblümten Worten zu beschreiben.

YCs Philosophie ist ebenso unverblümt: Make something people want! Und macht bloß nichts anderes, als an eurer Software zu schreiben und mit euren Nutzern zu sprechen, so die bekannten, mahnenden Worte von YC-Mitgründer Paul Graham, dessen bekannte Essays zur Basislektüre eines jeden Entrepreneurs gehören sollten.

Schnelles Wachstum oder noch schnelleres Scheitern

Uns des enormen Drucks bewusst, der auf uns während der nächsten drei Monate zukommen sollte, zogen wir mit dem gesamten siebenköpfigen Team von Berlin ins Valley. Es war zwar keine Garage, in der wir wohnten, da aber YC willentlich keinerlei Arbeitsräume zur Verfügung stellt, hieß es arbeiten und leben auf engstem Raum. Dies ist gewollt, da, falls es aufgrund der intensiven Wohnumstände zu Konflikten käme, das Team nicht reif und willens genug wäre, Unstimmingkeiten im Gründerteam zu meistern. Wenn es im Team nicht passt und du scheiterst, dann tue es möglichst schnell, so das Credo im Valley. Da wir darüber hinaus Berliner Mietpreise gewöhnt waren, rückt man bei den Kosten im Valley natürlich gern mal mit zwei oder drei Teammitgliedern auf ein Zimmer.

Das große Ziel, auf das Startups in den meisten Acceleratoren hin arbeiten, ist, sich am sogenannten Demo Day glänzend vor Investoren zu präsentieren. Für uns stand daher fest, dass wir alle Energie aufwenden müssen, um in den nächsten zwölf Wochen mächtig zu wachsen und gegenüber den anderen rund 70 Startups herausragen zu können. Dies ist mitunter auch die größte Stärke von Acceleratoren: Du hast einen eindeutigen Stichtag, auf den du mit aller Kraft hinarbeiten musst. Dieser Stichtag schafft einen Handlungsdruck, dessen Dringlichkeit dich härter arbeiten lässt denn je zuvor.

De facto setzen diese drei Monate selbst dem umfangreichen Arbeitspensum eines Startups noch einmal einen drauf. 16 Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche heißt es für uns am Produkt arbeiten, Kunden akquirieren, Nutzerfeedback einholen und gleichzeitig die Moral im Team hochhalten.

Mehr als Mentoring und Abendessen mit Zuckerberg & Co

Einmal pro Woche lädt Y Combinator dann zum Abendessen zu sich nach Mountain View und bietet zusätzlich jederzeit die Möglichkeit, sich mit den Partnern für Office Hours zusammen zu setzen, um Probleme und Fortschritte zu diskutieren. Hier erlebt man nicht nur hautnah die enorme Entschlossenheit der mitstreitenden Unternehmen oder die Hilfsbereitschaft der YC-Partner, sondern auch einen starken Zugzwang, sich gegenüber den anderen Startups und den Mentoren zu behaupten.

Als Bonus sitzt man mit den wohl bedeutendsten Personen der Internetwirtschaft zu Tisch. Ikonen wie Mark Zuckerberg, Drew Houston oder Peter Thiel kommen vorbei und erzählen von ihren Anfängen, Herausforderungen und Erfolgen. Teilweise werden sie sehr persönlich. YC hält immer zusammen und kein Wort dringt jemals nach außen. Dies schafft eine eindrucksvolle Aura, die von motivierender Inspiration, Erfolgshunger und Zusammenhalt geprägt ist.

Die vorherrschende Parole: Du selbst hast es in der Hand, die nächste Erfolgsgeschichte des Internetzeitalters zu werden, du musst nur etwas machen, was die Menschen wollen, und dann möglichst lange durchhalten.

Das eigentlich Entscheidende ist jedoch dieses besondere Wir-Gefühl, das Y Combinator seinen Startups vermittelt. YC-Präsident Sam Altman und YC-Mitgründer Paul Graham setzen alles daran, starkes Vertrauen und einen nahezu familiären sozialen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten. Egal, was euch passiert, versichern sie, wir sind hier, um euch in den schlimmsten Misslagen zu helfen. Kommt zu uns und vertraut uns eure schwierigsten Probleme an. Ihr könnt sicher sein, dass wir so etwas schon einmal bei einem anderen Startup erlebt haben und euch helfen können.

YC: Die Übermacht im System Silicon Valley

Es ist diese mächtige Reputation und das enorme Netzwerk von Y Combinator, insbesondere im Silicon Valley, das die hochkarätigsten Entrepreneure und Investoren in Scharen anlockt und uns YC-Startups viele Türen öffnet. Es ist aber viel mehr noch das Vertrauen in Y Combinator und seine Startups, das Zuckerberg ebenso offen und privat sprechen lässt, wie die VCs von Sequoia oder Andreessen Horowitz.

Anzeige
Ein B2B-Unternehmen wie Impraise hat natürlich auch den entscheidenden Vorteil, bereits über 700 Unternehmen im YC-Verbund zu haben, die potenzielle Kunden darstellen könnten, denn der Zusammenhalt unter den Alumni ist nahezu übermächtig. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass bei der stetig steigenden Anzahl der aufgenommen Startups die Klasse und der Zusammenhalt des Netzwerks nicht auf Dauer leidet.

Und dann Silicon Valley selbst. Es ist das weltweite Epizentrum der Innovation. Nirgends ist die Dichte von Technologieunternehmen größer. Die Nachbarn arbeiten bei Google und Apple, fahren Tesla oder gleich nur noch Uber. Es herrscht eine Grundstimmung, dass alles möglich und das Unmögliche sogar wahrscheinlich ist. Diese Atmosphäre reißt einen völlig mit, sobald man sich selbst darin wiederfindet, und motiviert, noch länger und härter zu arbeiten.

Für Impraise geht es dennoch zunächst zurück nach Europa

Am Demo Day hieß es dann, binnen 2,5 Minuten die 600 Investoren im Raum vom enormen Potenzial unseres Unternehmens zu überzeugen. Neben weltbekannten VCs finden sich Namen wie Ashton Kutcher, Chamillionaire oder Footballlegende Joe Montana auf der Anwesenheitsliste. Uns selbst gelang es, großartige internationale Investoren von unserem Potenzial zu überzeugen, sodass wir in den nächsten Wochen unsere erste Finanzierungsrunde erfolgreich abschließen können.

Als durchweg europäisches Team ist es für uns allerdings sehr schwierig, nun nach Ende des Programms in den USA zu bleiben. Zum Einen ist es langwierig und teuer, für jeden im Team ein Visum zu beschaffen, zum Anderen sind Gehälter im Valley drei bis fünf Mal so hoch wie in Mitteleuropa. Um dann noch mit Facebook oder Google in Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte zu treten, bedarf es derartiger Anstrengungen, dass wir uns entschieden haben, für die nächsten 18 Monate zurück nach Europa zu kehren. Dennoch werden wir mehrere Monate im Jahr in den USA verbringen und mit hoher Wahrscheinlichkeit bald dauerhaft zurückkehren, da wir dieses großartige Netzwerk nicht aufgeben wollen.

Eines ist jedoch absolut sicher: Egal ob Berlin oder Silicon Valley, ob Hub:raum oder Y Combinator, macht bloß nichts anderes, als an eurer Software zu schreiben und mit euren Nutzern zu sprechen.

Bild: Impraise