Instagram

Der Sound auf Instagram hat sich geändert. Weniger Bikinis und Pools, mehr alltägliches Leben.

Ich hatte mich gerade daran gewöhnt. An die sorgsam arrangierten und ausgeleuchteten Fotos, an das Hashtag-Gestrüpp unter jedem Eintrag. Mein Instagram-Stream bestand aus Schauplätzen einer Parallelwelt: die schönsten Strände, teure, hippe Mode, exotische Drinks und Essen, die schönsten Menschen, Luxusleben am Pool in voller Pracht. Dazu Fotos von einigen Prominenten wie zum Beispiel Sean Lennon und einigen Freunden und Bekannten. Ein paar Minuten auf Instagram waren wie ein kleiner Urlaub vom Alltag.

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Seit es die Stories gibt, ist alles anders auf Instagram. Über meinem Stream erscheint jetzt diese Reihe mit runden Fotos. Dahinter verstecken sich Stories mit einer Reihe Videos oder Fotos, die die Nutzer oft mit Kritzeleien im Snapchat-Stil verschönert haben. Wenn man auf die erste Story klickt, werden automatisch alle neuen Stories hintereinander abgespielt. Und das ist genau das, was ich jetzt in erster Linie mache, wenn ich Instagram nutze. Die Timeline ist völlig in den Hintergrund gerückt. Hashtags sehe ich nicht mehr. Nur selten scrolle ich noch nach unten.

Schluss mit retuschierten Luxus-Leben

Aber es hat sich noch mehr geändert. All die jungen Damen, die auf Instagram ihr retuschiertes Bilderbuch-Katalog-Fitness-Leben vorleben und dabei wie nebenbei ein paar Produkte präsentieren, müssen sich jetzt umstellen. Denn in den Stories erwarte ich etwas ganz anderes: Authentizität – einer echte Persönlichkeit und eine Geschichte. Hier will ich einen Blick hinter die geschniegelte, gebügelte Fassade werfen. Und wenn man sich die ersten Versuche der sogenannten Influencer anschaut, dann bin ich mit meiner Erwartungshaltung nicht der Einzige.

Die Stories der deutschen Instagram-Queen Pamela Reif zeigen, wohin die Reise jetzt geht. Sie zeigt sich hier ihren 2,4 Millionen Abonnenten auch in Alltagssituationen, meistens bei ihrem Workout. Das lässt sich natürlich problemlos in bewegten Bilder transportieren. Und sie ist dabei nicht ganz so perfekt ausgeleuchtet, abgepudert und choreografiert, wie auf ihren Instagram-Fotos. Alles soll etwas persönlicher und realistischer wirken. In diese Richtung könnte sich Produktwerbung und Influencer-Marketing in Zukunft auf Instagram bewegen.

Jetzt ist eine neue Chance da

Etwas schwerer tut sich noch ihre Kollegin Chiara Ferragni mit ihren 6,4 Millionen Abonnenten. Sie hat noch nicht den richtigen Weg gefunden, ihre perfekt gestaltete Instagram-Persönlichkeit in das Zeitalter der Stories zu transportieren. Es ist ein bisschen wie beim Wechsel vom Stumm- auf den Tonfilm in den 20er- und 30er-Jahren. Plötzlich war es für Schauspieler wichtig, eine gute Stimme zu haben. Das hilft jetzt auch auf Instagram. Außerdem sollte man Geschichten zu erzählen haben. Sonst wird es schnell langweilig. Gemeinsam mit Chiara Ferragni basteln wahrscheinlich gerade sehr viele Firmen an einer neuen Marketing-Strategie für Instagram.

An dieser Stelle hätte ich gerne Stories von Pamela und Chiara eingebettet. Aber die zerstören sich in Snapchat-Manier nach 24 Stunden und sind nicht mehr abrufbar.

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Mit den Stories greift Instagram, das zu Facebook gehört, natürlich auch den Konkurrenten Snapchat an. Einige Medien aus den USA experimentieren mit Snapchat aber seit ein paar Tagen gleichzeitig auch mit den Stories. Zum Beispiel CNN oder People. Die Tech-Seite Mashable berichtet von einer Verdopplung der Reichweite im Vergleich mit normalen Instagram-Videos. Insgesamt scheint Instagram im Vergleich zu Snapchat einfach mehr Marketingpower zu besitzen, wenn es nach den ersten positiven Reaktionen geht. Aus der Kopie kann also schon bald der Platzhirsch werden.

Alles hat sich verändert auf Instagram. Jetzt ist noch etwas Zeit, mit guten, liebevoll gemachten Stories die mehr als 300 Millionen Instagram-Nutzer auf sich aufmerksam zu machen. Nur schnell muss es gehen, schon bald werden sich auch die Stories professionalisiert haben, denn auch das sogenannte Instagram Business ist jetzt auch in Deutschland freigeschaltet worden. Damit kann jeder Nutzer sein Profil in ein Unternehmensprofil umwandeln.

Durch einen Kontakt-Knopf haben User dann einen schnellen und unkomplizierten  Draht zum eigenen Geschäft. Andererseits haben die Firmen mit Instagram Business Zugang zu den Statistiken über ihre Follower. Wie ist ihre Altersstruktur, wie hoch ist die Reichweite der Beiträge, zu welcher Uhrzeit funktionieren Postings am besten – Fragen, die sich ab jetzt auch in Deutschland genau analysieren lassen.

Foto: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von jaredhersch