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Leiter der Abteilung für Forschung und Entwicklung: Andreas Witte

Auf dem Tisch stehen Kekse, durch das Fenster des hellen Konferenzraumes ist ein Innenhof mit Schatten spendenden Bäumen zu sehen. Hier im kleinen rheinländischen Langenfeld lehnt Kai Siersleben sich entspannt auf seinem Stuhl zurück. Über den Insurtech-Hype der vergangenen Monate schmunzelt er nur. Denn der Geschäftsführer und Gründer von ControlExpert arbeitet bereits seit Jahren daran, die Versicherungsbranche zu digitalisieren. Um genau zu sein: die Abwicklung von Schäden im Kfz-Bereich für Versicherer wie die Allianz. „Wir betreiben Digitalisierung seit 14 Jahren“, sagt Siersleben. „Ohne den Begriff zu Zeit der Gründung in den Mund genommen zu haben.“

Derzeit ist die Digitalisierung der Versicherungsbranche besonders angesagt. Über zwei Milliarden US-Dollar wurden laut Financial Times 2015 in Insurtech-Startups investiert, ein Jahr zuvor waren es gerade einmal 800 Millionen. Deutsche Unternehmen wie Clark oder GetSafe und auch das Schweizer Knip sammelten zuletzt große Runden ein.

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Ärger mit Versicherten

ControlExpert hat seit seiner Gründung im Jahr 2002 viel Gegenwind bekommen. Das Unternehmen überprüft unter anderem mithilfe von künstlicher Intelligenz Schadensgutachten und Werkstattrechnungen auf Fehler und sucht Möglichkeiten, Kosten für die Versicherer zu sparen. Dazu greift ControlExpert auf seine Datenbank zurück, der täglich 20.000 Aufträge hinzugefügt werden.

Eine solche Prüfung durch externe Dienstleister wird von Kfz-Sachverständigen, Versicherten und Fachanwälten stark kritisiert. Als Drückergewerbe wurde das Geschäft bezeichnet, die Versicherer würden die Zahlungen kleinrechnen, heißt es in Medienberichten. Doch Siersleben betont: „Wir reduzieren keine berechtigten Schadenersatzansprüche.“

Das Unternehmen, für das mittlerweile weltweit 600 Mitarbeiter arbeiten, finanziert sich unter anderem durch Gebühren, die von den Versicherungen gezahlt werden. Siersleben sagt, diese liege am Format des zu prüfenden Berichtes, nicht am Ergebnis – wie es ControlExpert zuweilen vorgeworfen wurde. 2015 betrug der Umsatz nach eigenen Angaben rund 40 Millionen Euro.

Smarte Daten für die Zukunft

In der Insurtech-Branche in Deutschland sei die Nutzung künstlicher Intelligenz und BigData bisher unterrepräsentiert, findet Diettmar Kottmann von der Unternehmensberatung Oliver Wyman, die vor kurzem eine Insurtech-Studie herausgegeben hat. Zwar gebe es viel Insurtech-Aktivität, heißt es in dieser. „Aber nicht hinter jeder hippen Webseite steckt ein gutes Geschäftsmodell.“ Die meisten Startups beschäftigten sich mit dem Thema Versicherungsvertrieb.

Andreas Witte sieht die Kritik ähnlich. Er leitet bei ControlExpert die Forschungs- und Entwicklungsabteilung, die seit über einem Jahr besteht. „Manche Leute entwickeln einfach nur ein gutes Frontend für irgendeine Art von Problem“, so Witte. Für ihn sei dies keine richtige Technologie.

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Er erklärt, was ControlExpert mit seiner riesigen Datenbank machen kann. Beispielsweise nutzt das Unternehmen sie auch zur Analyse von Marktveränderungen. Damit kann das Team etwa ermitteln, wie sich Unfälle über die Zeit verändert haben oder ob Autoteile angepasst werden sollten.

Daten aus Autos will sich ControlExpert ebenfalls zu Nutze machen. Witte stellt sich da zum Beispiel die Fragen: „Wie lässt sich aus den vielen Sensordaten in einem Fahrzeug ableiten, wie schwer ein Unfall war, welche Teile beschädigt sind? Und wie kann man schnellstmöglich eine Reparatur des Fahrzeugs für den Endkunden erreichen?“

Keine Angst vor Startups

Eine App hat ControlExpert dann doch vor einigen Monaten gelauncht, passend zum Insurtech-Hype. Mit EasyClaim können Autofahrer direkt am Unfallort einen Autoschaden melden. Fotos werden hochgeladen und rund zwei Stunden später bekommt der Kunde die Info, wie viel die Reparatur kosten wird und wo sich die nächste Werkstatt befindet.

Die Startupszene beobachtet das Unternehmen genau, Angst vor jungen potentiellen Wettbewerbern haben Witte und Siersleben aber nicht. Im Gegenteil: Die Szene sei spannend, man arbeite auch eng mit Startups zusammen, so Siersleben. Ein junges Unternehmen aufzukaufen, können sie sich aber nicht vorstellen. „Wir haben uns immer mal wieder damit beschäftigt, bisher aber keins übernommen“, so der Geschäftsführer. „Eigentlich müsste einem die Mentalität eines Startups selbst erhalten bleiben. Das wäre perfekt.“

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Bild: ControlExpert