All-Male-Panel in Berlin: Stiftungschef Friedbert Pflüger, Rocket-CEO Oliver Samwer, der CDU-Abgeordnete Thomas Jarzombek, Jan Oetjen von 1&1 und Roland-Berger-Deutschland-CEO Stefan Schaible (von links)

Natürlich, man hätte die Veranstaltung auch an einem echten Startup-Ort abhalten können. Im Betahaus, der Factory, Hauptsache Berlin-Mitte und hip. Stattdessen hat die Internet Economy Foundation (IEF) für ihre Gründungsversammlung in das Stiftungsforum der Allianz am Pariser Platz geladen, zwischen französischer Botschaft und Brandenburger Tor. Das liegt zwar auch in Mitte, aber hier tragen die Menschen Anzug und Krawatte anstelle von Karottenjeans und Strickmützen, statt um VC-Geld und KPIs wird hier um Macht und politisches Kapital gerungen.

Der Ort wurde mit Bedacht gewählt: Mit der IEF wollen Deutschlands Internet-Unternehmer um Ralph Dommermuth (United Internet) und Oliver Samwer (Rocket Internet) näher an den politischen Betrieb rücken und die Interessen deutscher Web-Firmen vertreten. Denn in Berlin, das wird am Montag klar, scheint man zwar erkannt zu haben, dass die Digitalisierung zum Handeln zwingt – doch gehandelt werde nicht konsequent und vor allem nicht schnell genug.

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Vor prominenten Vertretern der Berliner VC- und Startupszene, aber auch einflussreichem politischem Personal wie EU-Digitalkommissar Günther Oettinger, den Berliner Senatoren Cornelia Yzer (Wirtschaft) und Matthias Kollatz-Ahnen (Finanzen) sowie Angela Merkels Staatsminister Helge Braun, wurde vor allem davor gewarnt, dass Digital-Europa endgültig den Anschluss verliert.

Dabei wollte der frischgebackene IEF-Vorsitzende und Ex-CDU-Politiker Friedbert Pflüger eigentlich dafür sorgen, dass weniger über Ängste und mehr über Chancen der Digitalisierung gesprochen werde  – doch Dommermuth, Ideengeber und wichtigster Finanzier der Stiftung, schlug einen mahnenden Ton an. „Wir müssen angreifen und aufholen, nicht nur bewahren“, so Dommermuth. Der Weg sei alternativlos. „Je länger wir warten, desto teurer wird die Aufholjagd werden.“

Noch dramatischer klang das bei Oliver Samwer: Deutschland stehe an einem digitalen Scheideweg. „Entweder wollen wir in der ersten Liga spielen – oder in der Internet-Micky-Maus-Liga.“ Zwar seien in Berlin, München oder Hamburg beachtliche Startup-Ökosysteme entstanden, doch nun brauche es „den nächsten Schub“. Es brauche mehr Mut, vor allem in der Politik. „Wir fördern ein bisschen und zerstören nicht viel – so kommen wir nicht weiter.“

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Analog zur Energiewende sollte es eine Digitalwende geben, forderte Pflüger. Von der Unternehmensberatung Roland Berger hatte sich die IEF zum Auftakt in einer Studie einen Katalog von sieben Maßnahmen zusammenstellen lassen, mit dem die Wende gelingen soll. Am spektakulärsten ist darunter der Vorschlag eines 50-Milliarden-Euro-Programms, das, zur Hälfte von der öffentlichen Hand getragen, den Finanzierungsengpass in der Startup-Wachstumsphase beseitigen soll.

Bei einer anderen Idee wird deutlich, dass mit der IEF die Interessen ganz bestimmter Unternehmen verfolgt werden sollen. Die Forderung, marktbeherrschende Web-Plattformen härter zu regulieren, zielt klar gegen Google. Wer dessen mobiles Betriebssystem Android nutzen will, muss eine Gmail-Adresse haben – ein Nachteil für Dommermuths Mail-Anbieter GMX und Web.de.

In einer anderen wichtigen Debatte ist die Positionierung der IEF noch nicht ganz klar. Auf ihrer Website erklärt die Stiftung zwar, der Schutz der Netzneutralität sei ein „Grundstein der Chancengleichheit für Firmen im Internet“, sie sichere „fairen Wettbewerb und schützt vor allem kleine Unternehmen, die sich etablieren möchten“.

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In der Roland-Berger-Studie wird hingegen gefordert, die Netzneutralität „zeitgemäß weiterzuentwickeln“, um so den erforderlichen Netzausbau finanzieren zu können. Dafür werben Telekommunikationsunternehmen wie die Deutsche Telekom seit Jahren, im vergangenen Herbst überzeugten sie damit auch das Europäische Parlament. Die Telekomfirmen bräuchten ein „faires Wettbewersfeld“, forderte am Montag auch EU-Kommissar Oettinger, man müsse ihnen „auch ein paar Gewinne lassen“.

Mitglied im Stiftungsrat der IEF ist auch Ex-Telekom-CEO René Obermann – er hätte beim Thema Netzneutralität vermutlich für Klarheit sorgen können, fehlte aber bei der Gründungsversammlung am Montag. In den kommenden Monaten wird die Stiftung sicherlich noch deutlicher machen, wofür sie genau steht. Im Moment habe man nicht viel mehr als ein „Minimum Viable Product“ am Start und befinde sich noch im „Lean-Startup“-Modus, sagte Geschäftsführer Clark Parsons, übrigens auch in Anzug und Krawatte, am Rande der Veranstaltung. Auch wenn es eben gerade nicht danach aussieht: Den Startup-Sprech beherrschen sie bei der IEF schon einmal.

Bild: Gründerszene