Die Geschichte von Fahrrad.de beginnt als Ein-Mann-Betrieb mit zwei Fahrrädern im Sortiment. 13 Jahre später hat sich Internetstores, das Unternehmen hinter dem Online-Shop, zum europaweiten Vertreiber von Fahrrädern und Outdoor-Zubehör gemausert. Nun sucht Internetstores offenbar einen neuen Investor.

Wie viel könnte Internetstores den neuen Investoren wert sein?

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Das schwedische Online-Magazin Economy berichtete kürzlich zuerst darüber, dass EQT seine Anteile für 210 Millionen Euro verkaufen will. Economy selbst nennt keine Quellen, trotzdem griffen andere relevante Medien, darunter Deutsche Startups und t3n  die Information auf. Zuerst bleibt unklar, ob der Wert für das gesamte Unternehmen oder nur für den EQT-Anteil gelten soll, spätere Berichte wollen den Betrag als Kaufsumme für die EQT-Anteile gehört haben.

Der internationale Investor hält 34 Prozent an Internetstores. Das Unternehmen will sich nicht dazu äußern. Die Analyse vergleichbarer Transaktionen führt jedoch zum Ergebnis, dass die 210 Millionen Euro nur für die 34 Prozent EQT-Anteile ziemlich hoch erscheinen.

Zehn Millionen Euro operativen Gewinn machte das Unternehmen im vergangenen Jahr nach 3,4 Millionen in 2014. Die weitere Entwicklung in 2016 wird sicherlich ein wesentliches Kriterium für die Höhe der Unternehmensbewertung sein. Wer die genannte Summe in Umlauf gebracht hat und zu welchem Zweck bleibt unklar. Im Sommer soll die Transaktion laut Berichterstattung besiegelt werden. Erst dann wird man mit belastbaren Informationen über den Kaufpreis sprechen können.

Dass EQT seine Anteile nun verkauft, hat einen einfachen Grund: Vor vier Jahren ist der Investor mit Internetstores erstmalig bei einem E-Commerce-Unternehmen eingestiegen. Beide Seiten hätten von der Zusammenarbeit profitiert, sagt René Marius Köhler, Gründer und Geschäftsführer von Internetstores. Nun gehöre es zum Geschäftsmodell des Kapitalgebers, die Anteile nach einer erfolgreichen Wachstumsfinanzierung mit Gewinn abzustoßen.

Die Familie glaubte erstmal nicht an die Idee

Das Startup war lange ohne Investor ausgekommen. Das macht Internetstores ungewöhnlich für ein junges E-Commerce-Unternehmen. Aber nicht nur deshalb ist die Geschichte bemerkenswert.

Der Online-Shop startete 2003 in Papas Fahrradladen. Dort lagerte der Schulabbrecher Köhler sein Sortiment, als er während seines Zivildienstes anfing, Fahrräder übers Internet zu verkaufen und seinen Traum von der Selbstständigkeit zu verwirklichen.

Die Familie glaubte erstmal nicht an seine Idee. Die Leute wollen doch Probe fahren, sagte sein Vater, niemand würde ein Fahrrad im Internet bestellen. Doch der damals 20-Jährige blieb standhaft. Sein Vater sei einer der Ersten in Deutschland gewesen, der seit den 70er-Jahren einen großen Fahrradladen mit einer Eigenmarke besaß. Für seine E-Commerce-Idee kaufte ihm der Sohn zwei Räder ab und ließ die Rahmen mit dem Namen Fahrrad.de bedrucken – kurz zuvor hatte er die Domain für 42.500 Euro gekauft. Das Geld dafür lieh er sich von Bank, Freunden und Familie.

Das erste verkaufte Fahrrad: Ein emotionaler Moment

Es sei ein unglaublich emotionaler Moment gewesen, als tatsächlich die erste Bestellung für ein Fahrrad eintraf. Da er keinerlei Rücklagen hatte, konnte Köhler nur neue Fahrräder kaufen und anbieten, wenn er gerade eines verkauft hatte. „Deshalb ging alles am Anfang sehr, sehr langsam“, erzählt er. Trotzdem habe der Umsatz im ersten Jahr schon bei 400.000 Euro gelegen. 2004 stellte er seinen ersten Mitarbeiter ein.

Das Wachstum mit dem Fahrradgeschäft war erstaunlich: Ende 2004 beschäftigte er schon fünf Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Umsatz von 2,4 Millionen Euro. Dann entschied sich Köhler, die Produktpalette mit Fitnesszubehör zu erweitern. Im Frühjahr 2006 wurde Fitness.de zum zweiten Standbein und Internetstores zu einem E-Commerce-Unternehmen mit einer breiteren Ausrichtung.

Das war ein Erfolg. Weitere Vertriebskanäle wie Amazon, Quelle und Neckermann wurden angeschlossen. 2007 setzte Internetstores schon zwölf Millionen Euro um.

Zuerst investierten die Samwer Brüder

Es folgte der nächste Wachstumsschritt: Die Samwers investieren 2008 mit dem European Founders Fund 7,5 Millionen Euro, wovon etwa sechs Millionen in den Warenbestand flossen. Der Rest wurde für die Internationalisierung – zunächst nach Österreich und in die Schweiz – verwendet. 2011 kam ein Berliner Büro zur Zentrale in Esslingen bei Stuttgart dazu. Weitere Shops für Outdoor-Zubehör und Wohnungseinrichtung wurde angegliedert.

2012 stieg EQT ein, übernahm die Samwer-Anteile und kaufte weitere dazu. Mit insgesamt 50 Millionen Euro beteiligte sich der Investor an Internetstores und hält 34 Prozent. Mit diesem Geld wurde der Schwedische Outdoor-Versand Addnature für 27 Millionen Euro gekauft und die Marktstellung im nordeuropäischen Raum ausgebaut. Zeitgleich machte das Unternehmen einen ungewöhnlichen Schritt: Internetstores stieß einige Stores ab, um sich nur noch auf die Outdoor und Fahrräder zu konzentrieren.

Mit dieser Strategie ist das Unternehmen gut gefahren. In elf europäischen Ländern ist Internetstores mit je einem Online-Fahrrad-Versand und einem Online-Outdoor-Shop vertreten. Noch in diesem Jahr werden Shops in zwei weiteren Ländern eröffnet. Klares Ziel sei, europaweiter Marktführer für Outdoor und Fahrräder zu werden, sagt der Gründer und Geschäftsführer. Sich dem größten und aggressiven Konkurrenten Wiggle aus Großbritannien anzuschließen, wie es Exciting Commerce als eine Strategie sieht, kommt dieser Aussage nach nicht in Frage.

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Ungewöhnliche Erfolgsfaktoren für ein E-Commerce-Startup

Von Anfang an profitabel und lange Zeit ohne Investoren, eine sehr geringe Mitarbeiter-Fluktuation auch nach dem Verkauf einiger Shops, eine starke Eigenmarke, die laut Tests qualitativ mit bekannten Marken mithalten kann und die Re-Fokussierung auf das Kerngeschäft – das sind alles Faktoren, die Internetstores neben den zahllosen E-Commerce-Startups hervorstechen lassen.

Dabei halfen sicher die Domainnamen wie Fahrrrad.de und Fitness.de. Aber auch die Übernahme des Fahrrad-Versenders Brügelmann, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Pionier in der Branche bezeichnete. Auch, dass sich Köhler von Beginn an mit Suchmaschinen-Optimierung und Performance-Marketing vertraut machte, war ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg.

Bild: Internetstores