Ben Medlock Swiftkey

Eine Trillion Zeilen

„Nein, nicht dieser Typ!“ So stellt sich Ben Medlock häufig vor. Schließlich heißt er fast genauso wie der Anwalt aus der bekannten US-Krimiserie „Matlock“ – den Lacher nimmt der Mitgründer von Swiftkey gerne mit. Sein Startup, gegründet im Spätsommer 2008, hat es mittlerweile zu internationalem Ruf gebracht: Die lernende Tastatur gibt es für Android, wer das neueste Betriebssystem auf seinem iPhone installiert hat, kann sie seit ein paar Monaten auch auf einem Apple-Gerät nutzen – was dem Londoner Unternehmen noch einmal deutlich mehr Bekanntheit gebracht hat.

Der Clou: Viele nutzen die Technologie von Swiftkey bereits und wissen es gar nicht. Samsung-Nutzer zum Beispiel. Denn das Medlock-Startup arbeitet – unter anderem – mit dem koreanischen Hersteller zusammen. Im Interview verrät Ben Medlock, woher die Software weiß, was der Nutzer schreibt, wie er mit dem Wechsel vom Gründer zum Manager zurechtkommt und wieso man immer einen guten Draht ins Silicon Valley haben sollte.

Ich tippe, Swiftkey schlägt das Wort – und dann das nächste – schon nach ein paar Zeichen vor. Woher wisst Ihr eigentlich, was ich zu sagen habe?

Es geht hauptsächlich um Statistiken. Darum, möglichst intelligent vorherzusagen, welches Wort Du als nächstes schreiben wirst. Wir verbringen viel Zeit damit, unsere Modelle mit reelen Texten zu trainieren.

Woher kommen die Texte? Sammelt Ihr die von den Nutzern?

Nein. Wir haben eine Trillion Zeilen an öffentlich verfügbarem Text im Internet nach Mustern untersucht, die wir benutzen können. Das haben wir kombiniert mit dem, was wir durch die Analyse von vorherigen Texten gelernt haben. Zusammen ergibt sich eine ziemlich genaue Vorhersage.

Das ist wahrscheinlich schwer für unterschiedliche Sprachen zu verallgemeinern.

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Es ist gar nicht so kompliziert, wie man vielleicht denken mag. Unsere Modelle können das recht gut abbilden. Solange gutes Textmaterial zur Verfügung steht, kann die App neue Sprachen schnell lernen: Sprache hat im Allgemeinen eine sequenzielle Ordnung. Daher lässt sich gut „erraten“, welches Wort als nächstes kommt. Das ist bei kyrillischen und arabischen Sprachen nicht anders als bei westlichen. Chinesisch und Japanisch bieten wir auch bald an – hier ist die Art, wie tatsächlich getippt wird, eine große Herausforderung.

Du scheinst Dich gut auszukennen. Ist Sprache Dein Steckenpferd?

Ja, meinen Doktortitel habe ich über die natürliche Verarbeitung von Sprache gemacht – also das maschinelle Abarbeiten von Prozessen, die natürliche Sprache enthalten.

Hast Du die Software selbst entwickelt?

In den Anfangstagen ja. Seitdem ist aber viel passiert, das Team hat die Tastatur immer weiter verbessert.

Wie kamst Du dann auf die Idee, ein Tastatur-Startup zu gründen?

Mein Mitgründer und ich sind Freunde aus der Universität Cambridge. Wir hatten beobachtet, dass Leute Probleme mit dem Schreiben auf Touchscreen-Geräten haben. Die Technologie für die erste Version der App leiteten wir aus Forschungsergebnissen ab, die ich im Zusammenhang mit Spam-Filtern gesammelt hatte. Zu Beginn haben wir viel experimentiert, irgendwann ein Büro gemietet. Dann kam das erste Auslands-Büro. So ist Schritt-für-Schritt ein Unternehmen entstanden.

Swiftkey ist heute als Startup weltweit bekannt. Hast Du damals schon geahnt, dass Dein Unternehmen einmal so groß werden könnte?

Das war damals noch nicht abzusehen. Wir dachten zwar, es könnte theoretisch passieren. Wirklich geglaubt haben wir das aber nicht.

Wie habt Ihr nach den ersten Ideen die Entwicklung finanziert?

Als Allererstes haben wir staatliche Fördergelder in Anspruch genommen. Nachdem wir danach durch eine Reihe von Business Angels unterstützt wurden, haben wir vor einem Jahr eine größere Runde mit Index Ventures, Accel Partners und Octopus Investments gemacht.

War eine derartige Finanzierung von Beginn an geplant?

Nein, am Anfang hatten wir überhaupt keine Ahnung, wie Startup-Funding überhaupt funktioniert. Wir haben uns zu Beginn eher durchgeschlagen, der Plan kam dann später.

21,6 Millionen Dollar beträgt Eure Gesamtfinanzierung. Kommen damit auch hohe Erwartungen von den Investoren?

Natürlich erwartet man von uns Wachstum und Weiterentwicklung. Auf Android haben wir uns bereits eine gute Marktstellung erarbeitet. Mit dem Start auf iOS, der durch die neue Betriebssystemversion möglich ist, eröffnet sich eine große neue Kundengruppe.

Allerdings habt Ihr gerade auf ein Freemium-Modell umgestellt. Seitdem ist die App erst einmal kostenlos, die Kunden bezahlen für neue Designs. Warum habt Ihr das gemacht? Und kann man so Geld verdienen?

Es war immer unser Ziel, so viele Leute wie möglich mit unserer Technologie zu erreichen. Den Preis auf null zu setzen, hat uns diesem Ziel näher gebracht. So können alle die Technologie ausprobieren, besonders in den Wachstumsmärkten, wo die Bezahlvariante nicht so geläufig ist. Gleichzeitig haben wir den Swiftkey Store gelauncht, wo sich die Nutzer ihre Tastatur mit Designs so anpassen können, dass sie zu ihnen passt. Wer vorher bezahlt hatte, konnte sich 10 Designs kostenlos sichern. Der Umstieg war sehr erfolgreich, innerhalb von vier Monaten hatte sich die Zahl unserer aktiven Nutzer um die Hälfte erhöht.

Bitte wenden – hier geht es zu Ben’s wichtigsten
Erfahrungen seit der Gründung
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